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Allgemeinmedizin 30. Juni 2005

Sofortmaßnahmen bei Brandwunden

"Verletzte aus der Gefahrenzone bringen, gegebenenfalls Flammen löschen, Kleidung entfernen, die leicht abzulösen ist, Kaltwassertherapie der Brandwunden und anschließende sterile Abdeckung", nennt Dr. Friederich Weyer, Vorstand der Abteilung für Plastische Chirurgie im KH St. Pölten, die ersten Schritte der Notfallbehandlung von Brandverletzten. "Die Therapie beginnt am Unfallort", betont Weyer. Die Kaltwassertherapie etwa leite die Wärme ab, verlangsame Stoffwechselvorgänge, bremse das Nachbrennen, minimiere Nekrosezonen und wirke analgetisch. Weyer warnt jedoch vor zu langen und übertriebenen Kühlmaßnahmen: "Wird ein Verbrennungsopfer ganz unter die kalte Dusche gestellt, droht vor allem Kleinkindern die Unterkühlung". 

Vorgehen nach der ABC-Regel

"Die ABC-Regel - Airway, Breathing, Circulation, Drugs - gilt natürlich auch für Verbrennungsopfer", erinnert Dr. Harald Andel von der Intensivpflegestation für Brandverletzte im AKH Wien. "Beim Inhalationstrauma muss sofort intubiert werden, sonst ab 60 bis 70 Prozent verbrannter Körperoberfläche", sagt Andel und rät, einen möglichst großen Tubus zu verwenden (Innendurchmesser nicht kleiner als 8 Millimeter) Auch Sauerstoff ist ein Medikament der Erstversorgung: Jeder Brandverletzte sollte eine Sauerstoffmaske erhalten. Ab zweitgradigen Verbrennungen sollte mit dem Flüssigkeitsersatz ebenfalls sofort begonnen werden: "Ringer-Laktat gilt als Goldstandard. Bei der Erstversorgung kann man den intravenösen Zugang nötigenfalls auch durch die Verbrennungswunde legen," betont Andel. Von kolloidalen Lösungen sei in der Erstversorgung Abstand zu nehmen.

Die in den ersten 24 Stunden erforderliche Menge errechnet sich nach dem Baxter-Schema: "4 Milliliter pro kg Körpergewicht mal Prozent der verbrannten Körperoberfläche in 24 Stunden", erklärt Weyer. 50 Prozent der erforderlichen Menge müssten in den ersten 8 Stunden gegeben werden.
Auch die Analgesie ("Drugs") sei ein wesentlicher erster Behandlungsschritt: "Die Katecholaminausschüttung, die durch das Trauma auf das 10-fache ansteigt, kann so mitigiert werden", erklärt Andel. Die Katecholamine führten zur Kreislaufzentralisation, die verminderte periphere Durchblutung fördere die Nekroseausbreitung. "Verwenden Sie das Analgetikum, mit dem Sie die meiste Erfahrung haben. Opiate sind ideal, aber auch NSAR sind möglich sowie eine Kombination beider Substanzgruppen", hält Andel fest. Von Benzodiazepinen rät der Experte ab: "Diese haben eine Eiweißbindung von mehr als 99 Prozent. Da es bei Verbrennungen zum Eiweißverlust kommt, ist die Wirkung schlecht einzuschätzen."

Abschätzung des Ausmaßes

Für die grobe Abschätzung der verbrannten Körperoberfläche eignen sich die Neuner-Regel (Bei Erwachsenen) sowie die Handflächenregel (auch bei Kindern!): "Schätzen Sie am Unfallort die Ausdehnung grob ab und geben Sie dies den Kollegen im Krankenhaus weiter", so Weyer. Allerdings: "Erstversorger beurteilen vor allem die Tiefe meist falsch, Verbrennungen nehmen durch das Nachbrennen im Lauf der Stunden an Tiefe noch zu." Andel ergänzt, welche weiteren Informationen sich Kliniker vom Erstversorger wünschen: "Den genauen Unfallhergang und -zeitpunkt sowie Unfallort. Wichtig ist auch, ob es sich um einen Stromunfall, ein Inhalations- oder Barotrauma nach einer Explosion handelt und ob Chemikalien im Spiel waren." Ideal ist auch die Erwähnung von Zusatzverletzungen und Vorerkrankungen. "Die Dokumentation auf einem ?chmierzettel?ist uns auch lieber als eine mündliche Übergabe, denn in der Aufregung wird oft Wichtiges vergessen", so Andel.

Kriterien für Spitalsaufnahme

Bei Schwerst-Brandverletzten müsse weiters an Thromboseprophylaxe, Magenschutz sowie an die Tetanusprophylaxe gedacht werden. "Antibiotika und systemische Kortikoide haben am Unfallort keine Berechtigung. Eine Ausnahme für Kortison stellt jedoch das akute Inhalationstrauma dar", sagt Weyer. Erst- und oberflächlich zweitgradige Verbrennungen unter 10 Prozent bei Erwachsenen und unter 5 Prozent bei Kindern können ambulant behandelt werden. Patienten mit Verbrennungen von Gesicht Hals, Händen, Fußsohlen sowie des Genitalbereichs, mit Inhalationstraumata, septischen Verbrennungen, Hochvoltverbrennungen sowie Säuglinge und alte Menschen bedürfen einer stationären Aufnahme. Die Lokaltherapie von Brandwunden besteht im Auftragen von Flammazine® oder Betamethason-Creme. "Geschlossene Blasen sollten eröffnet, offene Blasen abgetragen werden", empfiehlt Weyer. "Bei Kindern führt die sofortige OP und Amniondeckung der Brandwunde zu rascher Schmerzfreiheit und wird bereits bei zweitgradigen Verbrennungen durchgeführt."

Quelle: Vorträge im Rahmen der XIII. Niederösterreichischen Notärztetagung, Göttweig, Mai 2002, Weitere Informationen: www.brandverletzte.at

Dr. Irene Lachawitz, Ärzte Woche 20/2002

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