zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 20. Oktober 2005

Volumenmangelschock: Minuten zählen

Nicht viel mehr als eine Viertelstunde bleibt Zeit, wenn ein Patient mit Volumenmangelschock notfallmäßig versorgt werden muss. Nach dieser Zeit steigt die Letalität aufgrund von Organversagen erheblich an. Auch außerhalb des Spitals kann einiges getan werden.

Der Volumenmangelschock ist die häufigste Schockform im Notarztdienst. Der Verdacht auf Volumenmangelschock ergibt sich aus der Inspektion des Patienten, dem Verletzungsmuster, dem Blutdruck und dem Bewusstseinszustand. Wichtiger als der momentane Blutdruck ist dabei der Trend der Veränderung.

Rekapillarisierungszeit messen

Als sehr hilfreich wird empfohlen, die Rekapillarisierungszeit durch Druck auf die Haut zu prüfen, ein Test, der viel zu selten angewendet wird. Normalerweise dauert die Rekapillarisierung ein bis zwei Sekunden. Im schweren Schock kann sich diese Zeit auf 10-15 Sekunden verlängern.

Substitution unter 100 mmHg

Liegt der erste gemessene systolische Blutdruck bei einem Erwachsenen unter 100 mmHg, muss mit einem substitutionspflichtigen Blutvolumenverlust von mehr als 20 Prozent gerechnet werden. Dieser Patient braucht etwa einen Liter Volumen. Es empfiehlt sich immer, einem Schockpatienten zwei großvolumige periphere Zugänge zu legen, bei schwersten Zuständen sogar drei. So bleiben für alle Fälle genügend Reservezugänge. Zur Substitution wird eine kolloi-dale und eine kristalloide Lösung gegeben. Bei der Auswahl der kolloidalen Lösung zählen ein guter initialer Volumeneffekt, eine lange Wirkdauer und ein ausreichend hohes Dosislimit. Die beiden ersten Punkte erfüllen Dextran 60 und HES 130 am besten mit einem Volumeneffekt von 100 Prozent und einer Wirkdauer von vier bis sechs Stunden. Humanalbumin 5% und Gelatine weisen nur einen initialen Volumeneffekt von 65% auf und eine Wirkdauer von zwei bis drei Stunden. Die Moleküle sind so unterschiedlich groß, dass ein Teil gleich wieder renal eliminiert wird oder ins interstitielle Gewebe abfließt. Eine kurze Wirkdauer birgt die Gefahr, dass der Patient wieder in den Schockzustand zurückfällt, bevor er definitiv versorgt ist.
Wegen seiner Interaktion mit der Gerinnung (Faktor VIII und Thrombozyten) beträgt das Dosislimit für Dextran 60 nur 20 ml/kg. Bei schweren Schockzuständen ist dies schnell erreicht. HES 130 kann dagegen bis 50 ml/kg dosiert werden, weil es weniger Einfluss auf die Gerinnung nimmt. Ein 70 kg schwerer Erwachsener kann davon 2,5 Liter erhalten. Ein weiterer Nachteil von Dextran gegenüber HES 130 ist das relativ hohe Risiko von 0,8% für allergische Reaktionen. HES 130/0,4 wird von vielen daher als bestes Volumenersatzmittel für den Notdienst betrachtet. Zusätzlich zur Volumensubstitution benötigt der Patient auch eine adäquate Oxigenierung. Auch eine ausreichende Analgesie ist wichtig, denn Schmerz führt zur Ausschüttung von Katecholaminen.

Sauerstoff und Analgesie

Die Vasokonstriktion behindert die Mikrozirkulation, der Sauerstoff kommt nicht bis in die Peripherie. Zur Analgesie wird am besten Morphin eingesetzt, bei narkotisierten Patienten Fentanyl. Bei schwersten Schockformen (systolischer Blutdruck 40-50 mmHg) geht kein Weg an der Infusion von Katecholaminen vorbei, um eine Restperfusion der Organe aufrechtzuerhalten. Wichtig: Der erstversorgende Arzt muss den Transport in die Klinik unbedingt begleiten. Und die Klinik sollte telefonisch informiert werden, was auf sie zukommt.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben