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Allgemeinmedizin 30. Juni 2005

Notfallmedizin profitiert von Stammzelle

Stammzellen sind nicht nur Knochenmarksvorstufen, sondern können nach Kontakt mit differenziertem Gewebe auch zu selbigem ausreifen.

Die Wahrheit dieses Titels liegt in näherer Zukunft, als die meisten Kollegen vielleicht meinen. Und mit dieser nahen Zukunft wird durch die Forschung in der Medizin den Ärzten ein weites Anwendungsfeld sowie spannendes, effizientes und zusätzlich völlig neues Therapiepotenzial eröffnet werden. In letzter Zeit ist die Stammzelle nicht nur in medizinischen Fachkreisen und -journalen, sondern auch in den unterschiedlichsten Medien anzutreffen. Leider wird der medizinische Laie oft unzureichend bis schlichtweg falsch über das Potenzial und die Aufgabe dieser Zelle informiert.

Unbegrenzte Fähigkeit zur Selbsterneuerung

„Unter Stammzellen verstehen wir Zellen, die eine unbegrenzte Fähigkeit zur Selbsterneuerung besitzen, also über Plastizität verfügen“, leitet der Vorstand der 2. Med. Abteilung des Donauspitals in Wien, Prof. Dr. Wolfgang Hinterberger, seinen Vortrag ein. „Ich habe vor 25 Jahren begonnen, Stammzellen zu kultivieren, und heute wissen wir, dass Stammzellen nicht nur Knochenmarksvorstufen sind, sondern nach Kontakt mit bestimmten Geweben auch zu diesen ausreifen können. Das heißt also, dass Stammzellen nicht nur Knochenmarksvorstufen sind, sondern auch im peripheren Blut vorkommen. 20 bis 100 Stammzellen pro Milliliter Blut, eine sehr geringe Zahl also, zirkuliert im Blutkreislauf, um zu den jeweilgen ,Bedarfsregionen’ zu gelangen und dort entsprechend auszureifen“, erklärt der Spezialist.

Spezifischer Gewebsersatz

Stammzellen wandern zum Beispiel nach Schädigung des Myocards (etwa nach einem Infarkt) in dieses ein und können dort das nekrotische Gewebe ersetzen. Dasselbe gilt auch für Schädigung des Lebermesenchyms und alle weiteren beliebigen Organe. Auch das Nervengewebe ist, entgegen der jahrzehntelang vertretenen Lehrmeinung, regenerationsfähig und nach Gewebsuntergang nicht irreparabel.

Dieses Wissen stammt von der Untersuchung einer an Leukämie erkrankten Patientin nach Knochenmarkstransplantation; sie erhielt das Knochenmark eines männlichen Spenders. In Nachfolgeuntersuchungen fanden sich im Karyotyp männliche Langerhanszellen in der Haut der knochenmarkstransplantierten Frau. Mit dieser Untersuchung konnte klar bewiesen werden, dass die Knochenmarksstammzellen in Organe auswandern und dort eine entsprechende Differenzierung durchlaufen.

Zirkulierende Stammzellen gehen an den Ort der Gewebeschädigung, um vor Ort auszudifferenzieren und die Funktion des zugrundegegangenen Gewebes wieder aufzunehmen. „Ich bin überzeugt, dass diese zuvor erwähnte nahe Zukunft bereits in den nächsten fünf bis zehn Jahre beginnen wird, dann werden wir auch in der Notfallmedizin von der Plastizität der Stammzelle profitieren und Stammzellen routinemäßig in der Therapie verschiedenster Erkrankungen einsetzen können“, schließt Hinterberger mit diesen erfreulichen Ausblicken in die nahe Zukunft.

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