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Allgemeinmedizin 17. April 2014

Menschenmassen auf Reisen

Globalisierung und Migration machen die Themen der Reisemedizin zunehmend zu allgemeinen medizinischen Fragestellungen.

Erkrankungsrisiken, die bei uns entweder inexistent oder bedeutungslos sind, können in anderen Ländern eine große Gefahr darstellen. Die relativ neuen Phänomene des Massen- und Medizintourismus, der Migration und der neuen Infektionskrankheiten erfordern von der Reisemedizin ein immer größeres Detailwissen.

30 Millionen Menschen zur selben Zeit am selben Ort: Das Kumbh Mela in Indien – das weltweit größte religiöse Fest, nicht nur der Hindus, sondern überhaupt – stellt die Logistik, wie auch die medizinische Betreuung, vor große Herausforderungen. Unglaubliche Menschenmassen baden am Zusammenfluss von Ganges und Yamuna, zwei Flüssen, die sämtlichen hygienischen Standards widersprechen. Die Gefahr der Entstehung von Epidemien ist bei solchen Zusammenkünften immer gegeben. 1857 etwa verbreitete sich die Cholera durch das religiöse Fest über Persien, die Türkei nach Russland und den Rest Europas, und verursachte über eine Million Tote.

Neue Herausforderungen durch Massentourismus

„Wo immer Massen von Menschen aufeinander treffen, ist die Gefahr von Erkrankungen bis hin zu Epidemien enorm hoch. Grund dafür sind die oftmals mangelnden Hygienebedingungen, die durch Großveranstaltungen entstehen können. Am Beispiel von Kumbh Mela ist dies besonders ersichtlich“, berichtete Dr. Santanu Chatterjee, ehemaliger Präsident der Asia-Pacific Travel Health Society, Indien.

Bei weltweit über einer Milliarde Grenzübertritten pro Jahr würde man heutzutage aus der Vogelperspektive wohl nur mehr ein einziges großes Krabbeln registrieren. Bei der größten islamischen Pilgerreise, der Haddsch, kommen alljährlich rund zwei Millionen Menschen zusammen. Im Jahr 2000 kam es zu einem Meningokokken-Ausbruch, 2013 überschattete das Auftreten des MERS-Coronavirus das religiöse Fest. Durch die staatlich angeordnete Reduzierung der Teilnehmerzahl konnte noch Schlimmeres verhindert werden.

Veränderte Reisegelüste stellen auch die Reisemedizin vor neue Herausforderungen. Was früher Individualurlaub war, ist heute dem Trend des Massentourismus gewichen: Pilgerreisen, Kreuzfahrten auf Monsterschiffen, die bis zu 5.000 Gäste fassen, oder sportliche Großveranstaltungen sind heute der Idealurlaub schlechthin. Mit dabei sein unter tausend anderen ist angesagt. Was dabei meistens vergessen wird: Es können sich unerwünschte und sehr unangenehme „Gäste“ in Form von Viren und Bakterien einschleichen, die zu schweren Erkrankungen führen können. Ebenso vergessen wird oft auch, sich rechtzeitig auf die geplante Reise vorzubereiten, nicht nur mittels Reiseführer und Sonnencreme, sondern auch die passenden Impfungen in die Vorbereitungen einzuplanen.

Reisen ist Selbstverantwortung

„In der Realität sieht es oft anders aus“, weiß Univ-Prof. Dr. Herwig Kollaritsch, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Reise- und Touristikmedizin. Für touristisch reisende Personen werden im internationalen Reiseverkehr keine verbindlichen medizinischen Vorbeugemaßnahmen mehr verlangt, wenn man in ein Gastland einreist. „Der gelernte Österreicher schließt aber leider aus dem Fehlen einer ‚Vorschrift‘, dass damit dieses Thema erledigt ist, und er auch nichts für die Vorsorge tun muss, wenn er in ein exotisches Land reist“, so Kollaritsch. Vielen Reisenden ist nicht klar, dass eine medizinische Einreisevorschrift nur dazu dient, das Gastland vor dem Reisenden zu schützen, also zu verhindern, dass er eine Krankheit mitbringt, die im Land Schaden anrichten könnte. Zu den Aufgaben eines Landes gehört es keineswegs, einen Touristen vor gesundheitlichem Schaden zu bewahren. Hier ist Selbstverantwortung das oberste Gebot.

Verwunderung zeigte Dr. Kollaritsch vor allem auch dahingehend, dass gerade Herr und Frau Österreicher in der Heimat bestehende Gefahren wie FSME durchaus ernst nehmen und fast 90 Prozent dagegen zumindest einmal geimpft sind, im Hinblick auf Auslandsreisen notwendige Impfungen aber zurückhaltend agieren. „Ich kann wirklich nicht nachvollziehen, warum das Risiko, an Hepatitis, Tollwut und ähnlichem zu erkranken, nicht genauso ernst genommen wird, obwohl das Risiko teilweise viel höher liegt als bei einer FSME-Erkrankung“, so Kollaritsch.

Krankheiten kommen wieder

Durch die weltweite Mobilität können Krankheiten, die in unseren Breitengraden schon lange ausgerottet waren, wieder zurückkehren. Migranten können dabei unbewusst als „Trojanische Pferde“ für Viren fungieren. Infektionen treten manchmal unerwartet, und mit verheerenden Folgen auf. So wurde Anfang des heurigen Jahres auf einem Kreuzfahrtschiff in der Karibik der bis dahin größte Ausbruch des Norovirus mit über 700 Erkrankten registriert. Parallel dazu erkrankten auf einem anderen Schiff 180 Menschen am gleichen Virus.

Sexuell übertragbare Krankheiten wie Syphilis und Gonorrhoe verzeichnen in den USA massive Zuwächse. Es werden dort Durchseuchungsraten festgestellt, die es das letzte Mal vor 50 Jahren gegeben hat. Es gibt außerdem „Neu-Erreger“, wie etwa die der Vogelgrippe. Weltweit gab es 650 Fälle (Stand Ende 2013), 380 davon sind gestorben (fast 60%). Mittlerweile kursiert bereits ein neuer Stamm des Vogegrippe-Virus, der ebenfalls schon zahlreiche Opfer gefordert hat. Zu den Aufgaben der Reisemedizin gehört es, ohne unnötige Panikmache auch solche Risiken zu kommunizieren.

Bei Krankheiten wie dem Typhus und der Tuberkulose stellen die Reisemediziner mit großer Sorge eine stetige Zunahme der Resistenz fest. Das Portefeuille an Medikamenten wird immer schmäler, somit wird es immer schwerer, tatsächlich Erkrankte auch zu behandeln. „In manchen Fällen, wie etwa bei der hochresistenten Tuberkulose, stehen wir mit dem Rücken zur Wand, weil wir keine Erstlinienmedikamente mehr zur Verfügung haben“, erklärte Prof. DDr. Martin Haditsch, Facharzt für Hygiene, Mikrobiologie, Infektiologie und Tropenmedizin, Travel Med Center Leonding.

Malaria im Rückgang

Global gesehen befindet sich die Malaria zwar im Rückgang, wobei auch die Entwicklung in manchen Teilen Afrikas als erfreulich betrachtet wird. „Für eine Entwarnung wäre es aber zu früh. Nach wie vor gibt es Hochrisikogebiete, dazu zählen vor allem das tropische Afrika und der Pazifik. Zudem begünstigt die klimatische Entwicklung in Kombination mit dem Phänomen der Migration auch die Etablierung neuer Herde, wie es beispielsweise 2012 in Griechenland der Fall war“, so Haditsch. Neben Malaria sind es aber auch Erkrankungen wie Infektionen durch Pneumokokken, die Japanische Encephalitis oder die Influenza, bei denen es besonderer Aufmerksamkeit und Vorbeugung bedarf. „Die Reisemedizin generiert zunehmend Wissen, das allgemeinmedizinisch von Relevanz ist. Das heißt, jeder praktisch tätige Arzt hat wesentliche Erkenntnisse der Reisemedizin zu kennen und in seiner alltäglichen Praxis evident zu haben“, erklärte Dr. Franz Schramm, ehemaliger Präsiden der Medizinischen Gesellschaft für Oberösterreich.

Sport und Medizintourismus

Auch sportliche Großveranstaltungen können zum Übertragungsort von gefährlichen Viren werden. So wurden etwa die Olympischen Spiele in Salt Lake City, USA, im Jahr 2002 von der Grippe heimgesucht. 2006 brach das Norovirus während der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland aus, 2010 kämpfte man bei den Olympischen Winterspielen im kanadischen Vancouver gegen die Masern. Vor zehn Jahren raste das SARS-Virus in nur wenigen Monaten rund um den Erdball und infizierte mehr als 8000 Menschen in 30 Ländern. Etwa jeder zehnte Patient erlag an der Lungenkrankheit. Für die Übertragung ausschlaggebend war zwar keine Großveranstaltung, jedoch nutzte SARS Hongkong und den Tourismus als Sprungbrett, um sich auf der Welt zu verbreiten.

Gerade Massenveranstaltungen erzeugen oftmals auch andere negative „Nebeneffekte“, die in den Medien meist ein größeres Echo finden. Das sind die zahlreichen Verletzungen und Unfälle, nicht selten mit tödlichem Ausgang. Fünf Menschen etwa fanden den Tod beim tragischen Ereignis „Air&Style“ 1999 in Innsbruck. 21 Tote gab es im Rahmen der Love Parade in Duisburg 2010 zu betrauern. Auch der Karneval in Rio geht mit einem erhöhten Risiko einher, 2013 starben während eines Brandes 238 Menschen.

Brasilien steht heuer wegen der Weltmeisterschaft ganz im Zeichen des Fußballs. Das Land hat in den letzten Jahren große Fortschritte im Bereich der Hygiene gemacht, dennoch ist die Sauberkeit des Trinkwassers nicht in allen Regionen gewährleistet. Auch können Tropenerkrankungen wie Malaria, Dengue- oder Gelbfieber nicht ausgeschlossen werden. Darum sollte auch hier bei einer eventuellen Teilnahme unbedingt der Reisemediziner konsultiert werden. Dieser kann über die wichtigsten Impfungen informieren, standardmäßig gehören dazu jene gegen Hepatitis A, Typhus und Gelbfieber, eventuell auch gegen Tollwut.

Enormen Zuwachs hat der internationale Medizintourismus erfahren. Man schätzt dessen Leistungsumfang bereits auf hundert Milliarden Dollar. Den größten Anteil daran haben Indien und Thailand. Zu den relativ neuen und immer beliebter werdenden Phänomen gehören etwa die indischen „Leihmütter“, die unter zweifelhaften Bedingungen Kinder für ausländische Mütter austragen. „Abgesehen von den Haftungsproblemen werfen diese völlig neue ethische Fragen auf“, so Chatterjee.

Quelle: Pressekonferenz anlässlich der 19. Linzer Reisemedizinischen Tagung, 21. März 2014, Linz

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