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Allgemeinmedizin 21. März 2014

Rauchertherapie als Teamwork

Im Zusammenwirken von Patient, Arzt und Apotheker mit wichtigen Fragen den Grad der Abhängigkeit finden

Es gibt nur eine Ausnahme, bei der Tabakrauch nicht schädlich ist, sondern sogar heilend wirkt: Fieberblasen auf den Lippen. Tabakrauch wirkt gegen die Infektion und führt zu einen rascheren Abheilung. Das ist aber auch die einzige Ausnahme. Rauchen und Passivrauchen können jedes Organ und jedes Organsystem schädigen. Das Ausmaß überrascht allerdings.

Das Lungenkarzinom ist seit dem verbreiteten Inhalieren des Zigarettenrauches etwa 20-mal häufiger geworden. Bei Frauen hat die Mortalität in Österreich jene des Mamakarzinoms fast erreicht. OA Dr. Helmut Brath, Gesundheitszentrum Süd, Diabetesambulanz, zählt eine lange Reihe von „Raucherkrankheiten“ auf. So verdoppelt sich das Risiko für Colonpolypen, das Risiko für Mammakarzinom steigt um sechs Prozent, für die Entwicklung des Diabetes Typ 2 ist Tabakrauch eine der Hauptursachen. Bei gleicher Rauchbelastung haben Frauen ein um 25 Prozent höheres Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden als Männer. Auch verschiedene Demenzformen nehmen rapid zu und Schätzungen zufolge sind Schenkelhalsfrakturen bis zu 19 Prozent dem Rauchen zuzuschreiben.

Rauchen – eine chronische Krankheit

Im Rahmen der Wissenschaftlichen 47. Fortbildungswoche der Österreichischen Apothekerkammer in Schladming, „Medikationsmanagement bei chronischen Erkrankungen“, berichtete Brath eingehend über die Möglichkeiten einer erfolgreichen Rauchertherapie. Rauchen, selbst eine chronische Krankheit, ist in vielfacher Hinsicht Auslöser von anderen chronischen Krankheiten. Darüber hinaus stellt aber auch Passivrauchen einen hohen gesundheitlichen Risikofaktor dar. „Schon seit längerem ist bekannt, dass sich durch Passivrauchen die Wahrscheinlichkeit für Babys, an plötzlichem Kindstod zu sterben, mehr als verdoppelt“, warnte Brath. Bei stark rauchenden Eltern ist bereits bei Kindern ein erhöhter systolischer Blutdruck zu beobachten. Ein Prozent der weltweiten Mortalität ist dem Passivrauchen zuzuschreiben. Das Deutsche Krebsforschungsinstitut warnt: „Tabakrauch in Innenräumen ist keine Belästigung, sondern eine Gesundheitsgefährdung mit Todesfolgen.“

Rauchstop – niemals zu spät

Bei Rauchern mit manifestierter KHK kann die Mortalität nach einem Raucherstop drastisch reduziert werden, von 12,0 auf 2,8 Prozent! Rauchen hat ein ähnliches Suchtpotential wie Kokain oder Heroin. Schon daraus erklärt sich, wie schwierig Therapiemaßnahmen konsequent durchzuhalten sind. Motivation und Konsequenz sind dabei die wichtigsten Voraussetzungen für einen dauerhaften Erfolg. Dazu braucht der Entzugswillige selbst Willensstärke und Disziplin, er braucht aber auch die Unterstützung in seinem Familien- und Freundeskreis, seitens des Arztes und seines Apothekers.

Vor Beginn der Therapie muss man zu einer Diagnose kommen, in welchem Grad die Abhängigkeit besteht. Dafür gibt es die CO-Messung und den Fagerström-Test, der die Abhängigkeit bewertet. Schon die erste, wichtigste Frage kann der Apotheker stellen: Wann nach dem Aufwachen rauchen Sie die erste Zigarette? Eine weitere, Aufschluss gebende Frage: Finden Sie es schwierig, in Nichtraucher-Bereichen keine Zigarette zu rauchen? Schon mit diesen einfachen Fragen kann der Apotheker wesentlich dazu beitragen, den Abhängigkeitsgrad festzustellen und Therapievorschläge zu machen: Kombinationstherapie, Monotherapie, Medikamente unter Einbeziehung des Arztes. „Voraussetzung für ein Beratungsgespräch ist die Vertrauensbasis“, postulierte Mag. pharm. Renate Haberfeld, Landschaftsapotheke Baden. „Für eine Nikotinersatztherapie können wir Inhalator, Kaugummi, Pflaster, Spray oder Sublingualtabletten anbieten. Die Applikationsformen können auch kombiniert werden. Wichtig ist, dass die Produkte richtig angewendet werden und da beraten wir die Kunden eingehend. Bei einer schweren Abhängigkeit muss der Arzt befragt werden, welche Medikamente für den Entzug in Frage kommen und von ihm verschrieben werden.“ Nicht zu empfehlen sind die neuerdings auf den Markt gekommenen, sogenannten „Elektrischen Zigaretten“, die auch einen blauen Dunst verströmen und dadurch die Illusion des Rauchens vermitteln. Die Datenlage über die Inhaltsstoffe ist jedoch nicht klar und damit auch nicht die Sicherheit.

Medikamente – der Belohnungseffekt

Je nach dem Grad der Abhängigkeit und der individuellen Verfassung kann eine Kombinationstherapie oder eine medikamentöse Therapie in Absprache mit dem Arzt gewählt werden. Dabei geht es nicht zuletzt auch um die Behandlung des Nikotinentzugssyndroms, ähnlich wie bei anderen Suchtkrankheiten. Nikotin wirkt über das Gehirn, es bindet an speziellen Nervenrezeptoren, wodurch der Botenstoff Dopamin freigesetzt wird. Es tritt ein schneller Belohnungseffekt ein. Die Medikamente ahmen diesen Effekt des Nikotins nach. Zwei Medikamente stehen zur Auswahl: Bupropion und Varencline. Beide Produkte wirken über die Erhöhung des Dopaminspiegels im Gehirn und führen zu einem Belohnungseffekt. Damit wird auch das Entzugssyndrom behandelt. Varencline verringert auch die Lust am Rauchen - „die Zigarette schmeckt nicht mehr!“

Allerdings kann die Substanz auch Stimmungsänderungen hervorrufen. Daher ist Vorsicht geboten, psychische Erkrankungen müssen abgeklärt werden. Vom Arzt und vom Apotheker ist im Rahmen eines Settings die Therapie zu verfolgen, vor allem hinsichtlich auftretender Depressionen.

Strategien zum Erfolg

• Raucher regelmäßig zu fragen, wie viel sie noch rauchen, erhöht die Bereitschaft durchzuhalten an Hand von positiven Beispielen.

• Follow-up Besuche vereinbaren.

• Sehr hilfreich kann auch das Österreichische Rauchertelefon sein, das praktische Beratung bietet: 0810810013, max..E 0,10/min. Homepage & Forum www.rauchertelefon.at

Apotheker-Cup in Schladming

Die 47. Fortbildungswoche der Österreichischen Apothekerkammer vom 22. bis 28. Februar fand erstmals im Europa-Cup Ort Schladming statt. Doch nicht nur der Tagungsort ist neu, sondern auch die Zielsetzung: Medikationsmanagement in der Apotheke. Dabei geht es vor allem um Arzneimittelsicherheit, Optimierung der Arzneimittelanwendung, Vermeidung von Doppelmedikamentation und Therapietreue. Der Arzt schreibt die Therapie-Medikation vor, der Apotheker sorgt für die richtige Durchführung und berät den Patienten in einem Teamwork. Erstmals wurden auch Intensivkurse für Medikationsmanagement angeboten, die besonders gut besucht waren. Künftig sollen derartige Kurse öfter und in anderen, ausgewählten Orten stattfinden.

G. Niebauer, Apotheker Plus 3/2014

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