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Allgemeinmedizin 30. Juni 2005

Der Stoff, aus dem die Träume sind

Der fünfzigste Jahrestag der Entdeckung des REM (rapid eye movement)-Schlafes durch Aserinsky und Kleitman ist für Dr. Gerhard Klösch, Schlafforscher an der Universitätsklinik für Neurologie, Wien, ein willkommener Anlass, sich einmal mehr mit der Physiologie des Schlafes und des Träumens zu beschäftigen.

Träume produzieren wir jede Nacht, doch die Erinnerung und Rekonstruktion unserer Träume ist nicht immer möglich. „In der Forschung der Schlafphysiologie konnte bei schlafenden Versuchspersonen beobachtet werden, dass bestimmte EEG-Muster mit raschen Augenbewegungen einhergehen, die als REM-Schlafphase bezeichnet werden“, so Klösch.
„In einem etwa achtstündigen, ununterbrochenen Schlaf sind im Durchschnitt fünf durchlaufene REM-Phasen zu registrieren. Die Dauer einer solchen REM-Phase liegt anfänglich bei zehn Minuten, nimmt mit jeder weiteren um zehn Minuten zu. Die letzte REM-Phase kann von unterschiedlicher Länge, minimum zehn bis maximal fünfzig Minuten sein“, weiß der Schlafforscher. „Wurden Testpersonen nun aus einer Phase des REM-Schlafes geweckt, so berichteten 80 bis 90 Prozent der Probanden von lebhaften Träumen.“ Die Annahme, dass nur in REM-Schlafphasen geträumt wird, konnte von Schlafforschern wie William Dement (1957) und David Foulkes (1960) zwar widerlegt werden, zahlreiche Studien zeigen jedoch, dass die kognitive Aktivität in den verschiedenen Schlafabschnitten sehr unterschiedlich ist. Erfolgte die Weckung der Testschläfer in einer Non-REM-Schlafphase, so gaben nur 30 bis 40 Prozent an, aus einem Traum „geholt“ worden zu sein.
Erforscht ist, dass es während der REM-Phasen zu ausgeprägten Mitreaktionen des Vegetativums kommt; neben Blutdrucksteigerung und Erhöhung der Herz- und Atemfrequenz sind Herabsetzung des Muskeltonus, begleitet von schwachen Muskelzuckungen, zu beobachten.
Nahezu gegensätzlich sind auch die Traumtypika des REM- und des Non-REM-Schlafes. So wird der Trauminhalt während des REM-Schlafes als hauptsächlich bildhaft beschrieben, im Non-REM-Schlaf dominieren die verbalen und gedanklichen Elemente, der Traum hat realistischere Qualitäten, die Traumdramaturgie ist klarer strukturiert als die des REM-Schlaftraumes.
Große emotionale Bedeutung und Beteiligung sowie ein langer Traumbericht oft bizarrer Trauminhalte sind weitere Charakteristika des Traumes während der REM-Schlafphase. Die experimentellen Ergebnisse aus neurophysiologischen Untersuchungen wurden in den Jahren nach der Entdeckung des REM-Schlafes von Kritikern der Freud`schen Traumtheorie bevorzugt aufgegriffen, um Freuds Theorie zu widerlegen. Die rhythmisch auftretenden REM- und Non-REM-Schlafphasen könnten keinesfalls Freuds Postulat bestätigen, dass Träume durch unbewusste Wünsche ausgelöst werden. Nicht unterdrückte und verdrängte frühkindliche Phantasien sind der Stoff, aus dem die Träume gewoben werden, sondern neuronale Erregungsmuster aus dem Hirnstamm, so der organische Kontrapunkt zur Psycho-analyse.

Was passiert während des Träumens?

Hirnphysiologisch werden REM-On/Off-Zellen für das Phänomen des REM-Schlafes verantwortlich gemacht. Ein reziprokes Interaktionsmodell lässt die REM-Off-Zellen im Wachzustand hemmend auf die REM-On-Zellen wirken, diese hemmende Wirkung bleibt über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten. Die in diesem System wirksamen Neurotransmitter sind Noradrenalin und Serotonin. Die REM-On-Zellen hingegen sind Teil eines Rückkopplungskreises und entladen sich in kurzen, heftigen Salven.
Als Traumaktivität ist kognitive Leistung im Schlaf zu verstehen. Wie jeder andere kognitive Prozess ist auch die Traumaktivität ein Zusammenspiel verschiedener neuronaler Populationen, insbesondere kortikaler Hirnareale. In jüngster Zeit werden wieder laufend Daten geliefert, die, basierend auf funktionelle Magnetresonanz, PET-Studien und Untersuchungen an Patienten mit zerebralen Läsionen, den wissenschatflichen Diskurs neu beleben.
Träume sind nicht direkt erfassbar. Im Wachzustand wird von dem Betreffenden, der sich seines Traumes erinnert, das träumend Erlebte sprachlich rekonstruiert. Sowohl sinnliche als auch emotionale Qualitäten müssen in Sprache transponiert werden. Während des Schlafes ist sich der Träumer selten bewusst, dass er träumt, mit Ausnahme des luziden (klaren) Träumens. Diese, von Steve LaBerge entwickelte, erlernbare Technik erlaubt dem Träumer, der sich seines Träumens bewusst ist, eine entscheidende Mitgestaltung des Traumgeschehens.
Zuletzt sei noch die Flüchtigkeit dieses kortikalen Ereignisses, des Traumes, erwähnten, unmittelbar nach dem Erwachen oft noch rekonstruierbar, im Tagesverlauf jedoch immer weniger erinnerbar.

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