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Allgemeinmedizin 17. März 2014

Kleiner Stich, große Wirkung

„Impfungen für Jugendliche“ – Themenschwerpunkt einer gemeinsamen Fortbildung von Ärzten und Apothekern.

Aktuelle Neuerungen im Impfplan 2014 betreffen die Einführung eines HPV-Impfprogramms, die Erweiterung der Empfehlung für die Influenza-Impfung oder die Herpes Zoster-Impfung. Im Rahmen einer Pressekonferenz informierten Experten über diese Themen und nahmen auch Stellung zum Masernausbruch im Dezember 2013 im Raum Wien und Niederösterreich.

„Jugendliche stellen eine besonders interessante Zielgruppe für Impfungen dar, denn es gibt neue infektiologische Herausforderungen, die durch das jugendliche Alter entstehen, wie zum Beispiel Varizellen, Meningokokken B-Infektionen oder Pertussis-Erkrankungen“, betonte Prof. Dr. Karl Zwiauer, Vorstand der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde im Landesklinikum St. Pölten und Initiator des NÖ-Impftages. Darüber hinaus bietet das Jugendlichenalter die letzte Möglichkeit, im Rahmen von Schulimpfungen viele Impflinge zu erreichen.

Das HPV-Impfprogramm

Neu im Österreichischen Impfplan ist, dass Jugendliche österreichweit gegen Infektionen mit dem Humanen Papillomavirus (HPV) geimpft werden können. „Nach jahrelangen Bemühungen ist es uns gelungen, ein kostenfreies Impfprogramm zu etablieren“, ist die zuständige Sektionsleiterin im Gesundheitsministerium, Doz. Dr. Pamela Rendi-Wagner, erfreut. So werden zwei Drittel der Impfkosten vom Bund und ein Drittel von den Ländern sowie den Sozialversicherungsträgern übernommen. Stolz ist Rendi-Wagner darauf, dass ein österreichweit einheitliches Impfprogramm entwickelt werden konnte.

Das HPV-Impfprogramm sieht vor, dass für Kinder nach dem vollendeten 9. Lebensjahr in der vierten Schulstufe die Impfung gratis angeboten wird. Das Programm wird mit Schulbeginn im Herbst 2014 wirksam. Der Start wurde in den Herbst gelegt, da die HPV-Vakzinierung aus der Gabe zweier Dosen im Abstand von sechs Monaten besteht, und bei Verabreichung im Frühjahr die zweite Impfung an einer anderen Schule erfolgen müsste. Für Kinder, die derzeit die vierte Klasse Volksschule besuchen, besteht jedoch bereits seit Februar diesen Jahres die Möglichkeit, sich an öffentlichen Impfstellen kostenfrei gegen HPV immunisieren zu lassen.

Das HPV-Impfschema ist altersabhängig. Sind in der Altersgruppe zwischen dem 9. und 12. Lebensjahr zwei Dosen ausreichend, kommt bei den 12- bis 15-Jährigen aufgrund der geänderten immunologischen Situation ein Schema mit drei Dosen zur Anwendung. Für diese Altersgruppe besteht eine Kostenvergünstigung, wobei der Preis für eine Dosis bei etwa 50 Euro liegen wird. „Für Jugendliche über 15 Jahre wird die HPV-Impfung laut Impfplan ebenfalls empfohlen. Allerdings ist die Impfung für diese jungen Menschen nicht mehr kostenvergünstigt“, berichtet Rendi-Wagner.

Internationaler Vorreiter ist Österreich hinsichtlich der Geschlechtsneutralität der Impfempfehlung. Hintergrund der Empfehlung für Mädchen und Buben ist einerseits, dass auch Männer von HPV-Infektionen betroffen sein und Karzinome entwickeln können, und andererseits, dass Männer Überträger in der Infektionskette sind. „Erfahrungen aus Australien zeigen, dass bereits wenige Jahre nach Einführung der HPV-Impfung ein signifikanter Rückgang an Cervix-Karzinomen und Eingriffen an den inneren weiblichen Genitalen zu verzeichnen ist“, begrüßt auch MR Dr. Dietmar Baumgartner, Impfreferent der Ärztekammer Niederösterreich, die Initiative.

Impfplan 2014 im Internet

Weitere Änderungen im Impfplan 2014 betreffen eine Präzisierung der Empfehlungen für die Pneumokokkenimpfung von Kindern, Erwachsenen und Personen mit erhöhtem Risiko sowie eine Erweiterung der Impfempfehlung gegen Influenza auf alle Altersgruppen. Die Impfung gegen Herpes Zoster wurde erneut in die Empfehlung aufgenommen, da nunmehr der Impfstoff wieder verfügbar ist. Darüber hinaus wurde der epidemiologischen Entwicklung hinsichtlich der Pertussis Rechnung getragen, indem bei anlassbezogenen Tetanusimpfungen und den Auffrischungsimpfungen die Kombinationsimpfung Dip-TET-PEA-IPV (Diphtherie-Tetanus-Pertussis-Poliomyelitis) empfohlen wird. Weiters wurde ausdrücklich die Pertussisimpfung der nicht-immunen Schwangeren (cocooning) ab der 27. Schwangerschaftswoche empfohlen. Erstmals ist auch eine Empfehlung zur Meningokokken B-Impfung enthalten, wobei diese laut Rendi-Wagner derzeit nicht für alle Kinder im zugelassenen Alter gilt, sondern nur für solche mit erhöhtem Erkrankungsrisiko.

Der gesamte Impfplan ist auf der Website des Bundesministeriums für Gesundheit unter www.bmg.gv.at gratis abrufbar.

„Masern sind kein Kinderspiel“

„Das Land Niederösterreich hat sich entschlossen, die kostenlose Masern-Nachholimpfung für Personen bis zum 45.Lebensjahr auch im niedergelassenen Bereich zu ermöglichen. Ab sofort kann jeder, der die Impfung nachholen möchte, den Impfstoff kostenlos über ein Rezept vom Hausarzt in der Apotheke beziehen“, informiert Sanitätsdirektorin HR Dr. Irmgard Lechner vom Amt der NÖ Landeregierung. Anlass für diese Maßnahme ist ein akuter Masernausbruch im Raum Wien und Niederösterreich seit Dezember letzten Jahres. Ausgehend vom Indexfall, einem zweijährigen Buben in Gänserndorf, der stationär aufgenommen wurde, kam es zu mindestens 29 weiteren Masernfällen in Niederösterreich und 13 in Wien. Beinahe drei Viertel der Erkrankten waren nicht gegen Masern geimpft oder wiesen einen unklaren Impfstatus auf. 22 Fälle traten bei Schülern einer Montessori-Schule auf. Mit einer Durchimpfungsrate von nur etwa 80 Prozent bei den Zweijährigen verfehlt Österreich das WHO-Ziel von 95 Prozent, das zur Eradizierung der Masern nötig ist, klar.

Dass Masern ein länderübergreifendes Problem sind, zeigt die Tatsache, dass in Europa seit dem Jahr 2010 mehr als 30.000 Erkrankungsfälle registriert wurden. Jüngst ging der Fall des Kreuzfahrtschiffs „Costa Pacifica“ durch die Medien, auf dem 40 Crewmitglieder an Masern erkrankt sind.

„Die Sterblichkeit bei Masern liegt bei 1/1.000 und wir mussten in den letzten 10 Jahren 16 Todesfälle aufgrund von subakuter, sklerosierender Panenzephalitis (SSPE), einer Spätfolge von Masern, verzeichnen“, schilderte Rendi-Wagner die möglichen dramatischen Folgen der vermeintlichen Kinderkrankheit. Das ist in Zeiten, in denen eine wirksame und sichere Vakzine zur Verfügung steht, nicht mehr verantwortbar“, so die Expertin. Das Bundesministerium für Gesundheit startete zur Erhöhung der Durchimpfungsraten gegen Masern die Kampagne „Masern sind kein Kinderspiel“, womit das WHO-Ziel der Masern-Röteln Elimination bis 2015 unterstützt wird. Auf der Website http://keinemasern.at erfahren interessierte alles Wichtige über die Krankheit und die Schutzimpfung.

Impfen ist sicher

Gründe für die geringen Durchimpfungsraten in Österreich sind einerseits mangelndes Bewusstsein und andererseits Bedenken von Eltern die Sicherheit der Impfungen betreffend. Der Großteil der österreichischen Bevölkerung kennt bedrohliche Erkrankungen nur noch aus Erzählungen. Dadurch ist der Respekt vor diesen Erkrankungen deutlich geringer geworden. Letztlich sind Erkrankungen wie Diphtherie, Kinderlähmung oder Masern auch einem Gutteil der Ärzteschaft nur noch aus dem Lehrbuch bekannt“, so Baumgartner.

Es ist aber auch die Angst der Eltern vor Impfschäden für die Impfmüdigkeit verantwortlich. So hat eine Umfrage ergeben, dass mehr als 40 Prozent der Befragten an einen direkten Zusammenhang von Impfen und dem Entstehen von Allergien glauben. „Alle wissenschaftlichen Untersuchungen kommen jedoch zu dem Schluss, dass es keinen Zusammenhang zwischen der Entstehung oder Häufigkeit des Auftretens von atopischer Dermatitis, Asthma bronchiale oder anderen atopischen Erkrankungen gibt“, sagte Zwiauer.

Unterstützt werden die Initiativen zur Steigerung der Durchimpfungsraten auch vonseiten der österreichischen Apothekerschaft. „Gemeinsam mit dem Bundesministerium für Gesundheit, der Industrie und den Sozialversicherungen rufen wir Jahr für Jahr Impfaktionen ins Leben, wie zum Beispiel die FSME-, die Influenza oder die Hepatitis-Impfaktion“, so Mag. Heinz Haberfeld, Präsident der Niederösterreichischen Apothekerkammer.

Ein von Ärzte- und Apothekerschaft immer wieder kritisierter Punkt betrifft die praktische Umsetzung des Impfprogramms, die nicht bundesweit einheitlich durchgeführt wird, sondern reine Ländersache ist. Baumgartner: „Das führt dazu, dass in den Bundesländern nicht nur verschiedene Impfhonorare ausbezahlt werden, sondern auch in der Verteilung der Impfstoffe große Unterschiede bestehen.“ Darüber hinaus werden durch diese Diskrepanzen die Impfstatistiken verfälscht. „Eine Änderung der Situation wäre mehr als wünschenswert“, schloss Baumgartner.

Quelle: Pressekonferenz anlässlich des NÖ-Impftages: Impfungen für Jugendliche. 6. März 2014, Wien

H. Leitner, Ärzte Woche 12/2014

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