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Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer, Präsidentin des vfwf und Leiterin der Gender Medicine Unit, AKH Wien

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C. Noel Bairey Merz, MD, FACC , FAHA, Women‘s Guild Endowed Chair in Women‘s Health Director, Barbra Streisand Women‘s Heart Center, Cedars-Sinai Heart Institute

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Prof. Dr. Vera Regitz-Zagrosek, Direktorin des Instituts für Geschlechterforschung in der Medizin am Berliner Universitätsklinikum Charité

 
Allgemeinmedizin 8. März 2014

Weltfrauentag: Hochrelevante biologische Unterschiede werden oft vernachlässigt

Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern werden in Diagnose, Therapie und in der Pharmakologie noch immer stark unterschätzt, so die Bilanz der Impulsvorlesungen 2014 des Vereins zur Förderung von Wissenschaft und Forschung (vfwf).

Sie sind seit Jahrzehnten wissenschaftlich für die Gesundheit der Frauen tätig, in den USA, in Europa und in Österreich:

Vera Regitz-Zagrosek, die heute das „Institute of Gender medicine“ an der Charité in Berlin leitet, hat ihre Forschungsarbeit in den 1990er Jahren als kardiologische Oberärztin begonnen. Damals erkannte sie in der Klink, dass die Diagnostik bei koronaren Herzerkrankungen bei Frauen nicht zu passen scheint.

Fast zeitgleich beschäftigte die Kardiologin Noel Bairey Merz in den USA die männlichen Dominanz in der medizinischen Forschung: Medikamententests wurden ohne Rücksicht auf Geschlecht vorzugsweise mit jungen männlichen Mäusen oder an jungen Männern durchgeführt. Ein Dilemma für die Frauen. Das weiß man heute.

Eingeladen hat die beiden Genderexpertinnen Alexandra Kautzky-Willer, die Ende der 1990er als Innere Medizinerin und Endokrinologin auch hierzulande die Notwendigkeit der geschlechterdifferenzierten Sichtweise in der Medizin erkannte. Heute ist sie Professorin für Gendermedizin an der Medizinischen Universität in Wien, und ihr ist es zu verdanken, dass es an der MedUni Wien eine eigene Gender Medicine Unit gibt.

Rechtzeitig zum Weltfrauentag trafen sich die Expertinnen auf Einladung des vfwf, dessen Präsidentin Kautzky-Willer ist, um das Thema „Gendermedizin im Spannungsfeld von Biologie, Gesellschaft, Wirtschaft und Politik“ zu diskutieren. Drei wesentliche Bereiche sind den Wissenschaftlerinnen in ihren Impulsreferaten ein besonderes Anliegen:

Zum einen der Handlungsbedarf in der Prävention, denn: Frauen werden zwar immer älter, haben aber insgesamt weniger gesunde Lebensjahre als Männer. Zum anderen die vernachlässigten Unterschiede zwischen Frauen und Männern in der medizinischen Praxis. Sowohl in der Diagnose als auch in der Therapie könnten durch eine differenziertere Vorgehensweise die Behandlungserfolge bei Frauen verbessert werden. Und zuletzt besteht auch in der Medikamentenforschung noch immer Handlungsbedarf: Die Ungleichheit in der Geschlechterverteilung wurde zwar verbessert, entspricht aber noch nicht den realen 55 Prozent Frauenanteil der Gesamtbevölkerung.

Handlungsbedarf 1: Frauen werden zwar älter, haben aber weniger  gesunde Lebensjahre als Männer.

Nur ein geringer Anteil des Überlebensvorteils der Frauen wird wissenschaftlich biologisch begründet. Ein Großteil des Unterschiedes der Lebenserwartung wird heute im Verhalten, in Umweltfaktoren und soziokulturellen Faktoren begründet. Eine aktuelle Studie zeigt, dass sich seit den 1960er Jahren die Lebenserwartungen der Geschlechter zunehmend angleichen und diese Lücke bis zur Mitte dieses Jahrhunderts geschlossen werden könnte. Als Grund dafür werden vor allem die immer ähnlicheren Berufs- und Lebensbedingungen von Frauen und Männer gesehen.

Der gleiche Effekt wird bei Betrachtung der gesunden Lebensjahre vermutet: Der geringere Anteil an gesunden Lebensjahren bei Frauen ist vor allem durch Stress, Mehrfachbelastung, Rauchen, Bewegungsmangel und anderen Lifestyle- und Sozialfaktoren bedingt. In Zahlen heißt das: Frauen werden durchschnittlich 83,6 Jahre alt, wobei sie 72 Prozent ihrer Lebensjahre in Gesundheit verbringen. Männer hingegen können 76 Prozent ihrer Lebensjahre in Gesundheit genießen, bei einer Lebenserwartung von 78,5 Jahren.

„Die gesunden Lebensjahre müssen bei beiden Geschlechtern, aber insbesondere bei Frauen angehoben werden“, erklärt Alexandra Kautzky-Willer, „das ist eine gesellschaftspolitische Herausforderung und nicht alleine Aufgabe von Medizinerinnen und Medizinern.“ Im medizinischen Bereich sieht sie vor allem Handlungsbedarf bei der geschlechterspezifischen Ansprache in der Prävention, in der Behandlung und in der medizinischen Ausbildung.

Handlungsbedarf 2: Die Gender -Unterschiede in der Praxis bei Diagnose und Therapie berücksichtigen.

„Die traditionelle Medizin hat uns im letzten Jahrhundert enorme Fortschritte gebracht, wie zum Beispiel die Reduktion der Sterblichkeit an Infektionen, Herz-Kreislauferkrankungen und Krebs. Das gelang aber nur mit vereinfachten Annahmen, den Menschen als Neutrum sehen“, so die Kardiologin Vera Regitz-Zagrosek von der Charité in Berlin. Die evidenzbasierte Therapie und die Leitlinienorientierung baue ihrer Meinung nach darauf auf, dass der Verlauf und die Therapieeffekte aus großen Studien auf Individuen übertragbar seien. Ein Irrtum, wie sie selbst in der Klinik als Kardiologin beobachten konnte: „Mit der Möglichkeit der differenzierten Beobachtung durch sensitive diagnostische Verfahren wurde mir klar, dass wichtige therapierelevante Unterschiede in Risikofaktoren, Krankheitsmechanismen und Arzneimittelwirkungen zwischen Frauen und Männern oft übersehen wurden, mit ungünstigen Ergebnissen für die Therapie.“

Geschlechtsspezifische Guidlines würden hier helfen. Die oft unerkannten und vernachlässigten, aber hochrelevanten biologischen Genderunterschiede sieht sie zusammengefasst vor allem in der unterschiedlichen Prägung des Immunsystems, des Herz-Kreislaufsystems, des Stoffwechsels und des Arzneimittelstoffwechsels.

Handlungsbedarf 3: In der Medikamentenforschung die Geschlechtsverteilung jener der Gesamtbevölkerung anpassen.

In den USA, so berichtet Noel Bairey Merz, wurde bereits 1993 gesetzlich verankert, dass in Arzneimittelstudien auch Frauen berücksichtigt werden. Das passiert seither auch so, allerdings, aus finanziellen Gründen, nur in einem geringen Rahmen. Ihr fehlt die Berücksichtigung von Frauen im Studiendesign. Heute liege der Anteil der Frauen bei Studien bei 35 Prozent, aber das sei bei weitem nicht genug, da der Anteil der Frauen in der Bevölkerung bei über 50 Prozent liegt, dieser Zustand ist ihrer Meinung nach aus wissenschaftlicher Sicht einfach „nicht akzeptabel.“

Literaturtipps:

Regitz-Zagrosek, Vera (Ed.): Sex and Gender Differences in Pharmacology; 2012

Oertelt-Prigione, Sabine, Regitz-Zagrosek, Vera (Eds.): Sex and Gender Aspects in Clinical Medicine; 2012

Kautzky-Willer A et al.: Sex-specific-differences in cardiometabolic risk in type 1 diabetes: a cross-sectional study; Cardiovascular Diabetology 2013

Kautzky-Willer A et al.: Women show a closer association between educational level and hypertension or diabetes mellitus than males: a secondary analysis from the Austrian HIS; BMC Public Health 2012

Kautzky-Willer A et al.: Geschlechtsspezifische Aspekte für die klinische Praxis bei Prädiabetes und Diabetes mellitus; Wiener klinische Wochenschrift 2012

Leitner MK, Kautzky-Willer A: Geschlechtsspezifische Unterschiede der Endokrinologie im Alter; Z Gerontol Geriat 2013

Kaski, Juan Carlos, Eslick, Guy D., Bairey Merz, C. Noel (Eds.): Chest Pain with Normal Coronary Arteries; 2013 

A. Niemann, springermedizin.at

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