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Allgemeinmedizin 4. Dezember 2013

Wandelbare Grippeviren

Die ständige Veränderung der sensiblen Erreger macht sie so gefährlich.

Die Grippewelle ist noch nicht richtig angelaufen. Die Zahl der gemeldeten Grippefälle blieb bisher ziemlich konstant. Nicht alles, was als Grippe bezeichnet wird, ist eine solche. Häufig handelt es sich lediglich um einen grippalen Infekt oder um eine Infektion mit Rhinoviren. Es gibt strukturelle Unterschiede.

Grippeviren haben sich auf ständige Veränderung spezialisiert. „Die Influenza-Viren habe zwei Strategien entwickelt, dem Immunsystem immer wieder zu entkommen. Zum einen besitzen sie ein RNA-Genom und nicht wie wir ein DNA-Genom. Das Kopieren von RNA gelingt um ein Vielfaches schlechter als das von DNA, sodass in jeder neuen Virusgeneration immer Fehler verglichen zum Ausgangsgenom enthalten sind. Durch solche Fehler können sich immer wieder einzelne der neu gebildeten Viren vor dem Immunsystem tarnen. Zum anderen besteht das Genom eines Influenzavirus nicht aus einem einzigen RNA-Molekül. Die Genome dieser Viren setzen sich aus acht RNA-Molekülen zusammen. Wird eine Zelle von zwei oder mehr Viren befallen, können diese Teilgenome neu gemischt werden, was ebenfalls zur effektiven Tarnung vor dem Immunsystem führt“, erläutert Prof. Theo Dingermann, Institut für Pharmazeutische Biologie Frankfurt.

Wie alle Viren besitzen Influenzaerreger keinen eigenen Stoffwechsel und sind für ihre Vermehrung auf eine lebende Wirtszelle angewiesen. Dorthin gelangen sie mit Hilfe spezifischer Eiweiße, die in der Virushülle lokalisiert sind. Hämagglutinin A (HA) sorgt dafür, dass sich das Virus an die Wirtszelle anheften und mit ihr verschmelzen kann. Durch diesen Vorgang der Endozytose gelangen virales Erbgut (RNA) und virale Enzyme ins Innere der Zelle, wo die Virusvermehrung stattfinden kann. Das allein reicht jedoch nicht für einen Grippeausbruch. Die Erreger müssen ihren Produktionsort verlassen, um weitere Zellen infizieren zu können. Neuraminidase (N) spielt dabei eine wichtige Rolle. Von Hämagglutinin und Neuraminidase gibt es verschiedene Isoformen: Bekannt sind von HA 16 und von N derzeit neun. Das allein macht schon virale Variantenvielfalt möglich.

Mögliche Mechanismen

Drift: Durch Punktmutationen (beim Ablesen der RNA) in den Genen, die HA und N codieren, verändern sich die Oberflächenproteine, auf die im Körper zirkulierende Antikörper (etwa aus der letzten Saison) nicht mehr „passen“. Dieser Vorgang wird als „Antigen-Drift“ bezeichnet. Gegen Viren mit veränderten Oberflächenproteinen ist das Immunsystem noch ein wenig gewappnet. Zwar sind die meisten Antikörper wirkungslos, T-Zellen jedoch können sich immer noch „erinnern“ und bieten einen gewissen Schutz. So verläuft eine Influenzainfektion mit durch „Antigen-Drift“ entstandenen Viren bei Menschen, die schon einmal eine Grippe hatten, meist relativ mild. Im Abstand von einigen Jahren rufen solche Viren Epidemien hervor.

Shift: Gefährlich wird es, wenn sich gänzlich neue Viren bilden: Das passiert, wenn zwischen zwei Virusvarianten ganze Abschnitte der Erbinformation RNA ausgetauscht werden (Antigen-Shift). Diese Viren sind dem Immunsystem gänzlich unbekannt, demzufolge führen sie zu schweren Verläufen und zu Pandemien. Ein Beispiel ist die „Schweinegrippe“, die korrekt als „Neue Grippe“ bezeichnet wird. Das Virus ist vermutlich durch die genetische Neukombination zweier verschiedener Erreger der Schweineinfluenza entstanden und verursachte 2009 eine Pandemie. Wichtig zu wissen: Schweineinfluenza und Vogelgrippevirus sind normalerweise für den Menschen ungefährlich. Durch genetische Vermischungen zwischen humanen, porzinen (Schwein) und aviären (Vogel) Viren können sich jedoch hoch pathogene Varianten entwickeln, die Millionen Menschen töten können.

Der Unterschied zur Erkältung

Bei der banalen viralen Infektion, die einer Erkältung oder einem grippalen Infekt zugrunde liegt, sind überwiegend Rhinoviren aus der Familie der Picornaviridae die Verursacher. Sie zählen zu den kleinsten Viren, die der Mensch kennt und sind mit etwas über 100 Serotypen sehr variantenreich. Rhinoviren lieben es kühl; zwischen drei und 33 Grad Celsius fühlen sie sich wohl. Daher ist es bevorzugt die kalte Jahreszeit, die für Erkältungen typisch ist. Sie befallen die Schleimhaut der oberen Atemwege und lösen Symptome wie Husten, Schnupfen und Heiserkeit aus. Ein grippaler Infekt hat in der Regel keinen schweren Verlauf und ist nach wenigen Tagen ausgestanden.

Schnell krank

Bei der Grippe setzt das Krankheitsgefühl dagegen sehr schnell und dramatisch ein. In nur wenigen Stunden kommt es zu Fieber über 38,5 Grad Celsius, trockenem Reizhusten, Schüttelfrost sowie starken Muskel-, Kopf- und Gliederschmerzen. Die häufigste Komplikation ist eine Entzündung der unteren Atemwege. Jährlich sterben zwischen 5000 und 10.000 vor allem ältere und immungeschwächte Menschen an der Grippe, im Winter 2004/2005 sollen es laut Robert Koch-Institut (RKI) in Deutschland bis zu 20.000 gewesen sein.

Symptome lindern

Bei viralen Infekten ist es die Symptomlinderung, die zählt, da die Ursache nicht beseitigt, die Krankheit nicht im klassischen Sinne „geheilt“ werden kann. Es werden die verschiedensten chemisch-synthetischen Arzneimittel mit analgetischer, antipyretischer, antiphlogistischer, hustenreizlindernder oder abschwellender Wirkung verwendet, von denen viele verschiedene Darreichungsformen existieren.

Für die Vertreter einer eher „sanften“ Medizin wartet die Phytotherapie mit wissenschaftlich zum Teil sehr gut untersuchten Präparaten auf, die ebenfalls viele der oben erwähnten Wirkungen haben. Auch Anhänger von Homöopathie, Biochemie nach Dr. Schüßler oder Anthroposophie finden im Apothekensortiment entsprechende Präparate.

Quelle: www.springer-gup.de

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