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Allgemeinmedizin 13. April 2006

Probiotika reduzieren Diarrhoen

Eine rezente Meta-Analyse im renommierten British Medical Journal beweist die Effektivität von Lactobacillus-Stämmen und anderen non-pathogenen Darmkeimen bei Prophylaxe und Therapie der Antibiotika-assoziierten Diarrhoe.

Seit vielen Jahren werden lebende Organismen zu medizinischen Zwecken eingesetzt. Diese so genannten Probiotika unterstützen das Gleichgewicht der physiologischen Darmflora und optimieren damit die Symbiose zwischen Darmbakterien und Darmschleimhaut. Die Effektivität dieser Behandlungsmethode war früher sehr umstritten, in den letzten Jahren aber bewiesen Publikationen in hochrangigen Journalen immer deutlicher, dass Therapieerfolge mit Probiotika auch in doppelblinden, plazebokontrollierten Studien nachvollziehbar sind.
Die signifikanten Unterschiede zwischen Verum- und Plazebogruppe belegen die Wirksamkeit dieser Medikamentengruppe bei Antibiotika-assoziierter Diarrhoe, Reisediarrhoe und akuter Diarrhoe, inklusive Rotavirus-Infektionen. Gleichzeitig beweisen diese Studien auch, dass Probiotika zu den Medikamenten mit ausgesprochen niedriger Nebenwirkungsrate gehören.

Wichtiges Einsatzgebiet

Ein wichtiges Einsatzgebiet von Probiotika ist die Therapie bzw. Prophylaxe der Antibiotika-assoziierten Diarrhoe. Immerhin leiden laut Studien zwischen 5 und 25 Prozent der antimikrobiell behandelten Patienten an einer Diarrhoe (1; siehe Fußnote Literatur). Bei Kindern kann sogar in 8 bis 30 Prozent der Fälle mit Diarrhoe gerechnet werden (2). Angesichts dieser hohen Zahl und der Tatsache, dass etwa 20 bis 25 Prozent dieser Durchfallerkrankungen durch das gefährliche Pathogen Clostridium difficile verursacht werden, erscheint der Einsatz von Probiotika durchaus gerechtfertigt.
Einen deutlichen Beweis für die Effektivität von Probiotika bei Antibiotika-assoziierter Diarrhoe liefert eine vor kurzem im British Medical Journal publizierte Meta-Analyse (3). In die Auswertung wurden, nach Suche in Medline und der Cochrane Library sowie Deselektion von Studien mit geringerer Qualität, insgesamt neun doppelblinde, plazebokontrollierte Studien einbezogen (4 bis 12).

Daten zur Meta-Analyse

Von den neun Studien wurden bei vier verschiedene Lactobacillus-Stämme (z.T. mit Bifidobacterium longum), bei weiteren vier Saccharomyces boulardii-Stämme und bei einer Studie milchsäureproduzierende Enterokokken verwendet. Insgesamt umfasste die Analyse die Daten von 1.214 antimikrobiell behandelten Patienten.
Das Ergebnis sprach für die Verwendung von Probiotika. Mit Ausnahme einer Studie (Saccharomyces boulardii, 69 Patienten) kam es in allen anderen acht Studien in den Probiotika-Gruppen zu deutlich weniger Fällen von Antibiotika-assoziierter Diarrhoe als in den Plazebogruppen (Abb. 1). Der Unterschied war hoch signifikant (p<0,001). Die Lactobacillus-Präparate (Odds-ratio 0,34 - siehe Kasten) schnitten etwas besser ab als die Saccharomyces-Präparate (Odds-ratio 0,39), die gesamte Odds-ratio betrug 0,37.

Seltenes Auftreten von Clostridium difficile im Stuhl

Die Wirkweise der Probiotika ist noch nicht vollständig geklärt, es scheinen aber mehrere Mechanismen zu existieren. Bei einigen Lactobacillus-Stämmen konnte ein positiver Einfluss auf das Immunsystem und die Interferon-Sekretion sowie die Produktion einer antimikrobiell wirkenden Substanz nachgewiesen werden. In einer Studie (Orrhage K, 2000) konnte durch Gabe einer Kombination von Lactobacillus acidophilus und Bifidobacterium longum die Häufigkeit von Clostridium difficile im Stuhl deutlich reduziert werden (10).

Vor allem Kinder profitieren

Vor allem Kinder profitieren von der Therapie mit Probiotika. In einer der inkludierten Studien (9) konnte durch Gabe von Lactobacilli die Häu-figkeit der Durchfälle von 26 auf 8 Prozent gesenkt und auch die Symptomatik der Betroffenen deutlich verbessert werden (Abb. 2 und 3).
Die Daten dieser Meta-Analyse belegen, dass Probiotika Antibiotika-assoziierte Diarrhoen verhindern können. Für spezifische Aussagen sind sicher noch einige große Studien nötig. Das Potential spezifischer Probiotika zur Verhinderung von Clostridium-difficile-Infektionen ver-dient, laut Empfehlung der Autoren, eine genauere Untersuchung.

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Abb. 1: In acht von neun Studien schnitten die Probiotika-Gruppen signifikant besser ab

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Abb. 2: In der Probiotika-Gruppe traten nur bei 8 Prozent Diarrhoen auf.

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Abb. 3: Deutlich verbesserte Symptomatik in der Probiotika-Gruppe.

Literatur:
(1) Bergogne-Berezin E. Int J Antimicrob Agents 2000; 16 (4): 521-6
(2) Arvola T, et al. Pediatrics 1999; 104 (5): e64
(3) D’Souza AL, et al. BMJ 2002; 324: 1361
(4) Surawicz CM, et al. Gastroenterology 1989; 96: 981-8
(5) McFarland LV, et al. Am J Gastroenterol 1995; 90: 439-48
(6) Lewis SJ, et al. J Infect 1998; 36: 171-4
(7) Adam J, et al. Gaz Med Fr 1977; 84: 2072-8
(8) Tankanow RM, et al. Ann Pharm 1990; 24: 382-4
(9) Vanderhoof JA, et al. J Pediatr 1999;  135: 564-8
(10) Orrhage K, et al. J Antimicrob Chemother 2000; 46 (4): 603-12
(11) Wunderlich PF, et al. J Int Med Res 1989; 17: 333-8
(12) Gotz V, et al. Am J Hosp Pharm 1979;  36 (6): 754-7

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