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Allgemeinmedizin 12. April 2006

Behandlungsstrategien bei Hypertonie

Anlässlich des zweiten Männergesundheit-Weltkongresses in Wien war auch diesmal wieder die Behandlungsstrategie kardiovaskulärer Erkrankungen einer der Kongressschwerpunkte. "Allgemein wird bekannterweise die ansteigende Inzidenz der koronaren Herzkrankheit, der Herzinsuffizienz und des Insultgeschehens auf das zunehmende Lebensalter zurückgeführt", leitete Prof. Dr. Franz Weidinger von der kardiologischen Abteilung der Universitätsklinik Innsbruck seinen Vortrag ein. "Die Herzkreislauferkrankungen in bereits jungen Jahren werden durch Risikofaktoren wie Fettleibigkeit, Bewegungsmangel, Diabetes mellitus Typ 2 und Nikotinabusus getriggert."

Nach Untersuchungsergebnissen der WHO zur Prävalenz- und Inzidenzentwicklung der kardiovaskulären Erkrankungen lag die weltweite Letalität 1990 bei 14,7 Millionen und 1999 bei 17 Millionen. Sechs Prozent der Todesfälle sind allein durch Hypertonie verursacht. "Diese Zahlen zeigen die Dringlichkeit einer basalen Aufklärungsarbeit und eines forcierten Therapieregimes", so Weidinger.

Primär- und Sekundärprävention

In der Primär- und Sekundärprävention liegt der Schwerpunkt bei Aufklärung und Sensibilisierung gegenüber Risikofaktoren, sowie in weiterer Folge deren Modifikation. Blutdruck- und Blutfettwerte sollen in physiologischen Grenzen gehalten, bei Diabetes mellitus engmaschig kontrolliert werden. 
"Ein flächendeckendes Angebot zur Raucherentwöhnung ist ein weiteres Ziel, um diesen Risikofaktor zu minimieren, zumal die Zahl der jungen Raucher nach wie vor im Ansteigen ist. Hier erscheint auch von ärztlicher Seite Motivationsarbeit sehr sinnvoll", betont Weidinger. "Mit regelmäßigen sportlichen Aktivitäten ist auch das Körpergewicht in Idealwerten zu halten oder diesen zumindest anzunähern."

Euro Heart Survey on Secundary Prevention

Die "Euro Heart Survey on Secundary Prevention" untersuchte die Effektivität der Umsetzung von Präventions-Guidelines in der täglichen Praxis bezüglich Blutdruck, Serumcholesterin und Rauchen bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit: In nur acht Prozent konnte eine Blutdrucknormalisierung erzielt, die Cholesterinwerte konnten hingegen bei 26 Prozent in den Normbereich gesenkt werden. Und Raucher zeigten trotz bereits stattgehabter koronarer Ereignisse zu einem Fünftel keine Veränderung in ihrem Nikotinkonsum. 1995 veröffentlichten Jones et al im British Journal of Medicine eine Studie, der zufolge nur 40 bis 50 Prozent der Hypertoniepatienten die Therapie nach sechs Monaten noch fortführten. In Österreich sind 1,5 Millionen Hypertoniepatienten bekannt, wovon ein Drittel regelmäßig und nur 200.000 ausreichend behandelt werden.

"Nach wie vor gelten Betablocker und Diuretika als Mittel der ersten Wahl zur Behandlung der unkomplizierten arteriellen Hypertonie", betont der Experte. "Erst bei spezieller Indikationsstellung sind ACE-Hemmer, AT II Rezeptorantagonisten, Kalziumkanalblocker sowie Alphablocker angezeigt", erklärt Weidinger. 

Lifestyle-Modifikation

Neben der kontrollierten Einnahme der antihypertensiven Medikation ist die Änderung des Lebensstils ein unerlässlicher Teil der erfolgreichen Prävention. Die Gewichtsreduktion und -stabilisierung in einem Idealbereich ist hier als erstes anzuführen. Dabei unterstützend wirkt die Einschränkung des Alkoholkonsums, der 30 ml Ethanol, was etwa 720 ml Bier oder 300 ml Wein entspricht, pro Tag nicht überschreiten soll. Sportliche Betätigung im aeroben Bereich, 30 bis 45 Minuten möglichst täglich, sind ein weiteres Ziel in der Lebensumstellung. 

Die Ernährungsgewohnheiten können mit diätetischer Beratung auf eine Einsparung von Kochsalz bei gleichzeitig ausreichender Kalium-, Kalzium- und Magnesiumzufuhr umgestellt werden und auf diese Weise einen wertvollen Beitrag zur Gesundung leisten. Die fett- und cholesterinarme Nahrungszufuhr versteht sich nahezu von selbst. Als letzter, jedoch neuen Studien zufolge überaus wichtiger Punkt ist die Nikotinkarenz zu betonen: Gerade junge Männer profitieren daraus vergleichsweise enorm. "An medikamentöser Unterstützung der Präventivmaßnahmen sind Acetylsalicylsäure (oder Clopidogrel), Betablocker und ACE-Hemmer sowie Statine nicht mehr wegzudenken", erklärt Weidinger.

Gründe für mangelnde Compliance

Besonders zu Beginn ist der Verlauf einer Hypertonie zumeist asymptomatisch und geht schleichend in eine chronische Verlaufsform über. Des weiteren bleibt auch das Absetzen der verordneten Medikation unmittelbar ohne Konsequenzen und ist nur nach eingehender Aufklärung des Patienten zu verhindern. Die soziale Umwelt des Patienten kann auch einen wesentlichen Beitrag zur Compliance leisten: Besonders bei älteren, alleinstehenden Männern kommt dem sozialen Umfeld eine bedeutende Rolle zu. Als erschwerend ist auch der Umstand der Multimorbidität anzusehen, besonders wenn es sich um psychiatrische Erkrankungen handelt.

"Weitere erschwerende Faktoren sind die Langzeitmedikation, die bei einem Großteil der Patienten nötig ist. Je komplizierter ein Therapieregime aufgebaut ist, desto größer sind die Wahrscheinlichkeit einer unregelmäßigen Medikamenteneinnahme oder sogar der Abbruch der Therapie", so Weidinger. Vom JNC VI wurden im Jahr 1997 Guidelines zur Verbesserung der Patientencompliance ausgegeben (siehe Kasten).

Die unterschiedlich ausgeprägten Nebenwirkungen der antihypertensiven Therapie sind - besonders bei Männern und hier die erektile Dysfunktion - immer wieder Grund der Therapieverweigerung. Zu wenig fixe Kontrolltermine mit zu langen Wartezeiten zermürben dann letztendlich die motiviertesten Hypertoniepatienten.

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