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© Udo Kröner / imago
 
Allgemeinmedizin 25. September 2013

Ist ein Arzt an Bord?

Medizinische Notfälle im Flugzeug gehen meist glimpflich aus.

Zu medizinischen Notsituationen während eines Fluges kommt es relativ häufig. Ernster Natur sind sie aber eher selten, wie eine US-Studie ergeben hat. In knapp der Hälfte der Fälle ist ein Arzt nicht nur an Bord, sondern eilt auch zu Hilfe.

„Über den Wolken“, heißt es im Schlager, „muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.“ Angesichts von jährlich 2,75 Milliarden Flugpassagieren weltweit ist es inzwischen eher das Gedränge, das dort oben kaum noch Grenzen kennt. Entsprechend häufig kommt es an Bord zu medizinischen Zwischenfällen: Auf 44.000 pro Jahr wird die Zahl in einer kürzlich im New England Journal of Medicine veröffentlichten Studie geschätzt – das sind 120 Tag für Tag. Der Medizinische Dienst der Lufthansa hat im vergangenen Jahr ausgerechnet, dass man 24 Interkontinentalflüge mitmachen muss, um mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit einen solchen Notfall mitzuerleben.

Die Freiheit über den Wolken ist für Ärzte schon insofern begrenzt, als sie sich der Frage, ob ein Arzt an Bord sei, nicht einfach verweigern können. Beispielsweise gelten in deutschen Flugzeugen die deutschen Gesetze, und die verpflichten zur Hilfe im Notfall. Für Fehler haften müssen Ärzte nach derzeitiger deutscher Rechtslage allerdings erst bei grober Fahrlässigkeit.

Die NEJM-Studie kann zögerliche Mediziner insofern beruhigen, als die Mehrzahl der Zwischenfälle eher harmloser Natur ist. Denn ausweislich der Ergebnisse, die eine Arbeitsgruppe um den Notfallmediziner Drew Peterson von der University of Pittsburgh School of Medicine vorgelegt hat, entfallen 37,4 Prozent der medizinischen Notfälle über den Wolken auf Synkopen und Präsynkopen.

Atemprobleme sind mit 12,1, Übelkeit und Erbrechen mit 9,5 und kardiale Ereignisse mit 7,7 Prozent – Herzstillstände mit 0,3 Prozent – vertreten. In zwei Prozent der Fälle handelt es sich um (den Verdacht auf) einen zerebralen Insult. 

25,8 Prozent der Patienten werden nach der Landung notfallmäßig in eine Klinik transportiert, aber nur 8,6 Prozent müssen stationär behandelt werden – meist wegen zerebraler Insulte, respiratorischer Probleme und kardialer Ereignisse. Bei 0,3 Prozent der Patienten endet der Zwischenfall tödlich.

Die Hälfte hilft

Ärzte, die als Passagiere an Bord sind, leisten in knapp der Hälfte (48,6%) der Notfälle medizinische Nothilfe. Nur bei jedem 13. bis 14. Patienten (7,3%) hat der Notfall eine Zwischenlandung zur Folge. Solche außerplanmäßigen Landungen sind am häufigsten nach einem Herzstillstand an Bord (57,9%). Die Entscheidung darüber, ob der Flieger landet, liegt allerdings beim Flugkapitän, nicht beim Arzt.

Für ihre retrospektive Studie hatten Peterson und Kollegen die Daten von knapp 12.000 Zwischenfällen analysiert, die sich von Januar 2008 bis Oktober 2010 während eines Fluges ereignet hatten. Die Angaben entstammten den Aufzeichnungen medizinischer Kommunikationszentren, die von Fluggesellschaften unterhalten werden. Abgebildet waren damit rund zehn Prozent des gesamten Flugaufkommens im genannten Zeitraum. Rein rechnerisch ist damit von einem Notfall pro 604 Flügen auszugehen. Das Alter der in die Studie einbezogenen Patienten lag im Mittel bei 48 Jahren, die Spanne betrug 14 Tage bis 100 Jahre. Automatische externe Defibrillatoren wurden bei 1,3 Prozent der Zwischenfälle eingesetzt. „Die meisten medizinischen Notsituationen während eines Fluges sind selbstlimitierend oder werden zutreffend eingeschätzt und ohne Änderung der geplanten Flugroute behandelt“, schreiben Peterson und sein Team. Ernste Erkrankungen oder gar Todesfälle seien selten.

Originalpublikation: Peterson DC et al.: NEJM 2013; 368: 2075–83

springermedizin.de, Ärzte Woche 39/2013

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