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Allgemeinmedizin 30. Juni 2005

Die Potenzprobleme nun wieder im Griff

Fast meinte man, das kollektive Aufatmen jener zu hören, die am meisten gefährdete Tierarten schützen. Denn viele der bis dato weltweit verbreitetsten Zutaten für Aphrodisiaka lieferten Tiere, die an prominenter Stelle der Roten Liste stehen. Doch das wirklich wirksame Mittel gegen die erektile Dysfunktion (ED) wurde erst per Zufall bei der Forschung gegen Angina pectoris gefunden: Sildenafil. Hierbei handelt es sich um einen spezifischen Hemmer des Isoenzyms 5 der Phosphodiesterase (PDE5). Bei sexueller Reizung wird lokal im Corpus cavernosum des Penisschwellkörpers Stickstoffmonoxid (NO) freigesetzt. Dies führt über das Enzym Guanylatcyclase zu einer erhöhten Konzentration von zyklischem Guanosin-Monophosphat (cGMP). So kommt es zu einer Erschlaffung der glatten Muskulatur des Gefäßsystems der Corpora cavernosa und letztendlich zu einer erhöhten Blutzufuhr zum Penis. Sildenafil wirkt dem Abbau von cGMP entgegen und verlängert so dessen Wirkungsdauer. Es wirkt also vor allem lokal und nach sexueller Stimulation, die Libido bleibt vom Präparat unangetastet.

Körperliche Anstrengung

Nach der Markteinführung von Sildenafil, das auch ohne aufwendiges Zutun Pfizers PR-Agenten zum großen medialen Paukenschlag wurde, tauchten bald Fragen auf, ob das Medikament ebenfalls bei Herz-Kreislauf-Patienten ohne erhöhtes Risiko verwendbar sei. Gehäufte kardiale Attacken nach der Anwendung ließen Vermutungen laut werden, dass Sildenafil bei KHK-Patienten zu gefährlichen Ischämien führen könnte. Demgegenüber meinten viele Kardiologen, dass der Koitus für den Mann nun mal eine körperliche Anstrengung sei, die alleine einen Infarkt auslösen könne.
Kurz - wenn ein Mann beim Geschlechtsakt zusammenbricht, dann ist Viagra®, wenn überhaupt, höchstens indirekt schuld. Es verleitet den Mann zu einer Anstrengung, mit der sein Herz nicht Schritt halten kann. Eines darf der behandelnde Arzt jedoch nie vergessen: ED und KHK haben fast die gleichen Risikofaktoren. Eine ED kann sogar erster Hinweis für eine generalisierte Gefäßerkrankung sein. Deshalb bei einer allfälligen Ischämie mit dem Finger sofort auf Sildenafil zu zeigen, scheint zu einfach.

Kein zusätzliches Risiko

Diese Ansicht wurde nun von einer Forschergruppe aus Rochester (Arruda-Olson et al - Cardiovascular effects of sildenafil during exercise in men with known or probable coronary artery disease. JAMA 2002; 287: 719-725) von der renommierten Mayo-Klinik bestätigt. Fazit der im Februar veröffentlichten Studie: Für Männer mit einer stabilen KHK, die keine Nitrate einnehmen, birgt die Verabreichung von Sildenafil kein zusätzliches Risiko einer kardialen Ischämie. Die Wissenschaftler untersuchten 105 Männer im Durchschnittsalter von 66 Jahren im Rahmen der doppelblinden Crossover-Studie. Die große Mehrheit der Probanden litt an einer zuvor diagnostizierten Herzkrankheit, bei anderen gab es bereits Anzeichen einer Angina pectoris. In zwei zeitlich über mehrere Monate auseinander liegenden Versuchsreihen erhielten die Teilnehmer Sildenafil oder ein Placebo und wurden anschließend auf einem Fahrrad-Ergometer kontrolliert steigenden Belastungen ausgesetzt.

Die Herzreaktionen wurden mittels EKG und eines modernen bildgebenden Verfahrens beobachtet. Um einer gefährlichen Interaktion zwischen Sildenafil und Nitraten zuvorzukommen, wurden die Männer aufgefordert 72 Stunden vor dem Test ihre Nitratpräparate abzusetzen. Andere Herz- und Blutdruckpräparate durften normal eingenommen werden. Interessanterweise zeigten die Tests, dass Sildenafil die kardiale Sauerstoffversorgung unter Belastung absolut nicht beeinträchtigt. Anzeichen wie Kurzatmigkeit oder Angina zeigten sich bei Einnahme von Placebo genauso oft wie bei der von Sildenafil. Somit konnte bei keinem der Probanden ein direkter negativer Effekt des Präparates auf die Herz-Kreislauf-Funktion nachgewiesen werden.

Fazit: Sind, dank Sildenafil, die Potenzprobleme wieder im Griff, sollte auch im schönsten Überschwang nie vergessen werden, dass auch noch ein Organ mitspielen muss - das Herz.

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