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Allgemeinmedizin 9. November 2005

Sexueller Missbrauch:"Nachfragen erlöst die Betroffenen"

In allen Gesellschaften und zu allen Zeiten gab es sexuelle Tabus: Das Tabu, keine sexuelle Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern zu leben, das Inzesttabu, das Tabu sexueller Beziehungen zwischen Geschwistern und das des sexuellen Missbrauchs an Kindern. „Dennoch sind diese Tabus immer gebrochen worden. Und gerade weil es Tabus waren, wurde es auch ein Tabu, darüber sprechen zu dürfen“, erklärte Mag. Sonja Wohlatz, Dipl.-Psychologin und Psychotherapeutin, Beratungsstelle TAMAR, Wien, am 35. Kongress für Allgemeinmedizin in Graz.

„Erst durch Veröffentlichungen sexueller Gewalterfahrungen einzelner Frauen, vor dem Hintergrund der Frauenbewegung, aber auch der Bürgerrechtsbewegung in den USA, wurde dem gesellschaftlichen Problem des sexuellen Missbrauchs Bedeutung zugemessen“, erklärte Wohlatz. Und weiter sagte die Psychotherapeutin auf dem Kongress für Allgemeinmedizin, dass die Altersspanne der von ihrer Beratungsstelle TAMAR betreuten sexuell missbrauchten Klienten zwischen fünf und 73 Jahren liegt. Das Erleben sexuellen Missbrauchs bei Kindern bedeutet einen schweren Eingriff in die Persönlichkeitsentwicklung und kann Auswirkungen auf die körperliche und seelische Gesundheit haben. Die Prävalenzdaten aus Polizeianzeigen und Untersuchungen beziffern das ungeheuerliche Ausmaß dieses Problems: Von sexuellem Missbrauch betroffen sind jedes vierte bis fünfte Mädchen und jeder achte bis zehnte Bub. In der österreichweiten Untersuchung zur Prozessbegleitung von Kindern und Jugendlichen aus dem Jahr 2003 stammten die Täter zu 22 Prozent aus der Kernfamilie der Kinder, zu 20 Prozent aus der erweiterten Familie, zu 14 Prozent aus dem Kreis der Angehörigen und zu 34 Prozent aus dem Freundeskreis – nur zehn Prozent waren Fremdtäter. 97 Prozent der Angeschuldigten waren Männer, drei Prozent Frauen. Eine Analyse von Wiener Daten der Jahre 1998 bis 2000 zeigt, dass bei 19,6 Prozent der Betroffenen der Missbrauch sich über mehr als zwei Jahre erstreckte, bei 16 Prozent handelte es sich um einmalige Übergriffe.

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Langzeitfolgen im Erwachsenenalter

Zwei Drittel der missbrauchten Frauen und die Hälfte der Männer geben an, an den Langzeitfolgen zu leiden, an Niedergeschlagenheit und Depression, Schuld- und Scham- gefühlen, dauerndem Grübeln und Schlafstörungen. Häufig hat dies Auswirkungen auf die zwischenmenschlichen Beziehungen. Gesichert ist der Zusammenhang zwischen Schwere des Missbrauchs und den Folgen. Sexueller Missbrauch ist ein Syndrom aus Geheimhaltung und Abhängigkeit. Das bedeutet, dass Personen, die sexuelle Gewalt an- und aussprechen, mit unangenehmen Gefühlen konfrontiert werden und sich fragen: Darf ich es ansprechen? Trete ich dem/der Betroffenen zu nahe? Verletze ich die Intimsphäre? Ansprechen bedeutet aber auch: Ich interessiere mich, ich weiß, dass sexueller Missbrauch häufig vorkommt und schwerwiegende Folgen haben kann. Ich kann schwierige Themen ansprechen und zuhören. Ich weiß, wie wichtig Sprechen und Gehörtwerden ist und kann weitervermitteln. Deshalb fordert Wohlatz die Ärzte in der Praxis auf: „Verlieren Sie die Scheu nachzufragen, ob sexuelle Gewalt vorliegt. Die Frage danach erlöst die Betroffenen.“ Dem niedergelassenen Arzt kommt eine besondere Rolle zu: Er ist in beinahe der Hälfte der Fälle der erste Ansprechpartner für Opfer von sexueller Gewalt.

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