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Allgemeinmedizin 17. Juni 2013

„Gendermedizin muss gelebt werden“

Frauenspezifische Medizin ist kein Luxus, sondern Notwendigkeit, meint Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer.

In Sachen Frauengesundheit besteht großer Nachholbedarf. Bei vielen Therapien und Forschungsansätzen wurde der Mann als „Prototyp“ herangezogen. Neue Studien zeigen jedoch, wie wichtig die individualisierte Behandlung von Erkrankungen bei Frauen und Männern ist.

Deswegen lud das Institut für Gender Medicine der Medizinischen Universität Wien zum Symposium „Frau im Fokus: Erkenntnisse und innovative Konzepte zu Frauengesundheit und Gendermedizin“, um anhand verschiedener Vorträge über die Bedeutung der geschlechtsspezifischen Betrachtung zu informieren.

Jahrhundertelanger Missstand

„Schädigendes Gesundheitsverhalten wirkt sich bei Frauen und Männern unterschiedlich aus, und zwar in Hinblick auf Herzkreislauferkrankungen, Diabetes und die sogenannten – bei Frauen zu geringen – gesunden Lebensjahre“, so Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer, erste Professorin für Gender Medicine in Österreich an der Medizinischen Universität Wien. „Die Gendermedizin zeigt einen Ausweg aus dem Missstand, dass für Jahrhunderte der Mann das Maß aller Dinge in der Medizin war. Die Auseinandersetzung mit geschlechtsspezifischen Unterschieden in der medizinischen Forschung und Praxis gab dem Thema Frauengesundheit eine neue Dimension, nämlich eine umfassende, über rein frauenspezifische Erkrankungen weit hinausreichende ganzheitliche medizinische Betrachtung der Gesundheit der Frau über den gesamten Lebenszyklus“, erklärt Kautzky-Willer.

Frauenschmerz ist anders

Prof. Dr. Richard Crevenna, Universitätsklinik für Physikalische Medizin und Rehabilitation, Wien, betonte die geschlechtsspezifischen Aspekte bei der Schmerz-, der Leistungs- und Regenerationsmedizin. Im Mittelpunkt standen die typischen Schmerzsyndrome im Lebenszyklus der Frau, wie Rücken- und Kopfschmerz oder Beckenbodeninsuffizienz.

„Die möglichen Ursachen, warum Frauen anders leiden als Männer, sind vielschichtig. Von unterschiedlicher Sozialisierung, psychosozialen Faktoren in der Schmerzentstehung, geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Arzt-Patient-Beziehung über die Tatsache, dass Frauen schneller ein Schmerzgedächtnis entwickeln, bis hin zur Neigung zur Chronifizierung von Schmerz und funktionellen Unterschieden im Gehirn bei der Schmerzverarbeitung“, erklärt Crevenna.

Schlaflosigkeit: Ladys first

Auch bei Schlafgewohnheiten, Schlafverhalten und subjektivem Empfinden der Schlafqualität gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen, wie Doz. Dr. Gerda Maria Saletu-Zyhlarz, Leiterin der Schlafambulanz und des Schlaflabors, Universitätsklinik für Psychiatrie, Wien, berichtet. Nach dem Pittsburgh-Schlafqualitätsindex haben Männer einen signifikant besseren Schlaf: 26,6 Prozent der Männer, aber 36,5 Prozent der Frauen weisen einen schlechten Schlaf auf .

Im Schnitt leidet jeder vierte Mensch an Schlafstörungen. Frauen sind etwas häufiger betroffen. Dies vor allem in Zusammenhang mit nicht-organischen Schlafstörungen, denen unterschiedliche psychische Erkrankungen zugrunde liegen. Über spezifische hormonbedingte Schlafstörungen hinaus ist der Frauenanteil aber auch bei nächtlichen Bewegungsstörungen, wie dem Restless legs-Syndrom, erhöht. Innerhalb der schlafbezogenen Atmungsstörungen steigt der Anteil betroffener Frauen nach der Menopause, nach dem Wegfall der tonisierenden Wirkung des Östrogens, erheblich an.

Endometriose: häufig unerkannt

Über ein besonders häufiges Frauenleiden sprach Prof. Dr. René Wenzl, Universitätsklinik für Frauenheilkunde, Wien: „Die Endometriose ist zwar einer gutartige, oft aber chronisch verlaufende Erkrankung.“ Es tritt dabei Gewebe, das normalerweise die Innenseite der Gebärmutterhöhle auskleidet, an anderen Stellen des Körpers auf. Etwa 15 Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter sind betroffen. Wenn es sich um eine symptomarme Verlaufsform handelt, bleibt die Erkrankung oft unerkannt.

„Rezente Studien zeigen, dass Frauen generell durch die unterschiedlichen Hormonspiegel vermehrt unter Schmerzen leiden. Es ist hier besonders wichtig, die Behandlung an die individuellen Bedürfnisse jeder Frau anzupassen“, erklärt Wenzl.

TCM: hilfreiche Ergänzung für Frauen

Zu den therapeutischen Verfahren der chinesischen Medizin zählen vor allem die Arzneitherapie, die Akupunktur und die Moxibustion (Erwärmung von Akupunkturpunkten), zusammen mit Massagetechniken, Bewegungsübungen und speziell angepassten Diäten. „Diagnostik und Therapie in der TCM beruhen auf Beobachtungen und Erfahrungen. Aufzeichnungen gibt es seit ungefähr 5.000 Jahren“, so Dr. Manfred Zauner, Arzt für Allgemeinmedizin, Wien. „Seit 1994 haben sich durch die Kombination aus TCM und westlicher Medizin bereits viele innovative Behandlungsansätze, z. B. bei der Unterstützung von Schwangerschaften oder bei Therapien von Tumoren, Endometriose, Menstruations- und Zyklusstörungen, perimenopausalen Beschwerden und auch bei Entzündungen entwickelt.“

Work-Life-Balance

Auf den viel zitierten Ausgleichsaspekt, also auf die Work-Life-Balance, ging Prof. Dr. Henriette Walter, Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Wien, ein. Dieser bedeutet den Ausgleich zwischen Beruf und Familie und ist entscheidend für die Lebensqualität des modernen Menschen. „Das Burnout bezeichnet ein arbeitsplatzbezogenes Syndrom ausgeprägter Erschöpfung, das zu starker Leistungsreduktion führt. Mit zunehmendem Schweregrad des Burnouts steigt die Prävalenz für Depressionen und auch körperliche Krankheiten treten vermehrt auf. Frauen reagieren darauf eher mit schwerer Erschöpfung und mit muskulo-skeletalen Beschwerden, Männer dagegen mehr mit Depersonalisation, also dem Gefühl neben sich zu stehen und/oder mit kardiovaskulären Beschwerden“, so Walter. „Es gilt, sich der Erschöpfung gezielt zuzuwenden. Die ersten Anzeichen sind vielseitig und werden oft nicht ernst genug genommen.“

Gatekeeper Gynäkologe

„Prävention kommt aus der Frauenmedizin“, meint Prof. Dr. Sepp Leodolter, Universitätsklinik für Frauenheilkunde, Wien. In der Frauenheilkunde sei der Bedarf an Prävention in allen Lebensphasen der Frau gegeben, in der Adoleszenz, der reproduktiven Phase, der Peri/Post-Menopause und dem Senium. „Neben der fachbezogenen Tätigkeit ist der Gynäkologe auch zunehmend Ansprechperson für Gewichtsprobleme, Bluthochdruck, Stoffwechselerkrankungen und vieles mehr, und erhält somit eine Funktion als Gatekeeper.“

Probleme wie Schwangerschaftsdiabetes oder Schilddrüsenfunktionsstörungen in der Schwangerschaft müssen rechtzeitig erkannt und als Warnsignale für die Gesundheit der Mutter im späteren Leben beachtet werden, bestätigt Kautzky-Willer. Außerdem können auch die Kinder bereits in der Schwangerschaft durch Umwelteinflüsse und das mütterliche Milieu für spätere Krankheiten geprägt werden, wobei Buben und Mädchen für die auslösenden Faktoren wiederum unterschiedlich empfindlich sind.

Health Resort für Frauen

„Die Auseinandersetzung mit Frauengesundheit ist eine Notwendigkeit und Herausforderung. Frauengesundheitszentren wie das ‚la pura women’s health resort kamptal‘ können hier einen wichtigen Beitrag leisten“, sagt Kautzky-Willer, wissenschaftliche Beraterin des „la pura“-Konzeptes. Neben dem Fokus auf frauenspezifische Gesundheitsthemen wie Stoffwechselerkrankungen und Übergewicht, hormonelle Dysbalancen, Erschöpfungszustände und Schlafstörungen, Hauterkrankungen, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Schwangerschaftsdiabetes und Gelenksbeschwerden bietet "la pura" maßgeschneiderte Programme, die unter anderem auf postoperative Betreuung zugeschnitten sind.

„Mehr Forschung und Lehre in der Gendermedizin sollen helfen, geschlechtsspezifische Erkenntnisse in der ärztlichen Aus- und Weiterbildung zu vertiefen und im klinischen Alltag umzusetzen“, so Kautzky-Willer abschließend: „Gendermedizin muss gelebt werden.“

Symposium „Frau im Fokus“, Wien, 6. Juni 2013

Welldone GmbH/CL, Ärzte Woche 25/2013

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