zur Navigation zum Inhalt
© foodinaire / fotolia.com
 
 
Allgemeinmedizin 2. Juni 2013

Problematischer Alkoholkonsum

Niedergelassene Ärzte spielen eine zentrale Rolle bei der Früherkennung und Frühintervention.

1,2 Millionen Österreicher sind alkoholgefährdet, 340.000 alkoholkrank, 8.000 sterben jährlich an den Folgen ihres Alkoholkonsums. Die Initiative „Alkohol ohne Schatten“ tritt für einen bewussten und maßvollen Umgang mit Alkohol ein und präsentiert im Rahmen einer Pressekonferenz einen Katalog von Empfehlungen.

„Wir wollen Menschen dabei unterstützen, einen genussvollen, nicht selbstschädigenden Umgang mit Alkohol zu erlernen, aber auch Bewusstsein dafür schaffen, dass Alkoholprobleme kein Ausdruck von ‚Charakterschwäche‘ sind, sondern eine psychische Krankheit, die behandelt werden kann und sollte. Ebenso erarbeiten Verbesserungsvorschläge für das Etablieren einer flächendeckenden Struktur für die Früherkennung und frühzeitige Therapie des problematischen Alkoholkonsums“, betonte Vereinspräsident Prof. Dr. Michael Musalek vom Anton Proksch Institut in Wien.

Niedergelassene Ärzte spielen bei der Früherkennung und Frühintervention eine zentrale Rolle, da sie oft die Ersten sind, die bei Patienten Auffälligkeiten beobachten. Das bestätigt auch eine aktuelle GfK-Umfrage unter Ärzten, die zeigt, wie Patienten mit Alkoholproblemen identifiziert werden. Bei den niedergelassenen Internisten waren es in 58 Prozent der Fälle Auffälligkeiten bei „Gesundheitsuntersuchung und Laborwerten“, in 20 Prozent haben Patienten das Thema selbst thematisiert, in 15 Prozent die Familie. Bei den Allgemeinmedizinern waren es jeweils 40 Prozent bzw. 29 Prozent bzw. 27 Prozent. Musalek: „Niedergelassene Ärzte und insbesondere Allgemeinmediziner sollten daher verstärkt als erste Anlaufstelle bei problematischem Alkoholkonsum positioniert werden.“

Keine geeigneten Rahmenbedingungen

„Doch dafür fehlen die geeigneten Rahmenbedingungen“, kritisierte Dr. Barbara Degn, erste Vizepräsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin. „Die Beratung und Betreuung von Menschen mit Alkoholproblemen erfordert nicht nur einen ausreichenden fachlichen Hintergrund durch Aus- und Fortbildung, sie erfordert vor allem viel Zeit.“ Doch diese werde nicht ausreichend honoriert. „Es gibt zwar Sonderleistung des ‚ausführlichen ärztlichen Gesprächs‘, das allerdings sehr eingeschränkt ist“, so Degn. Pro Quartal und Patient ist es nur einmal vorgesehen. Auch der Anteil der Patienten, für die wir dieses Gespräch abrechnen können, ist gedeckelt. Daher brauchen wir eine neue Lösung – ein gutes Beispiel ist die Betreuung Opioid-Abhängiger in Wien, diese wird den behandelnden Ärzten als spezielle Leistung abgegolten.

Stationärer Bereich massiv überfordert

In Anbetracht der großen Anzahl von und der vielfältigen Folgeschäden ist der stationäre Bereich der medizinischen Versorgung massiv überfordert, so Dr. Johannes Steinhart, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer und Obmann der Bundeskurie Niedergelassene Ärzte. „Gefordert sind hier in erster Linie niedergelassene Ärzte.“ Es bedürfe deshalb einer „adäquate Abrechnung für Früherkennung und Frühintervention sowie für die kontinuierliche Patienten-Betreuung.“

Alkoholsteuer und Werbeabgabe zweckbinden

Neben den eingesparten Geldern der Krankenkassen gebe es laut Steinhart weitere Geldquellen zur Finanzierung: „Ein substanzieller Anteil der Alkoholsteuer sollte zweckgebunden für Prävention und Behandlung alkoholbedingter Krankheiten verwendet werden. Außerdem sollten Aufklärungskampagnen zum vernünftigen Umgang mit Alkohol durch eine zweckgebundene Widmung der 5-prozentigen Werbeabgabe, die auf Alkoholwerbung entfällt, finanziert werden.“

„Wir brauchen aber auch die Definition von klaren Zielen zur Verbesserung der Prävention, Früherkennung, Frühintervention und Therapie von Alkoholkrankheiten im Rahmen des nächsten Regierungsprogrammes“, so Steinhart. „Und es fehlt auch in den Rahmen-Gesundheitszielen eine prominente Platzierung dieses Themas.“

Behandlung beginnt oft zu spät

„Die Realität, mit der wir konfrontiert sind, ist jedoch alarmierend. Bis zu 75 Prozent der Frauen und jeder zweite Mann, die mit einer stationären Behandlung beginnen, weisen bereits mindestens eine komorbide Störung auf. Neben körperlichen Folgeerkrankungen, die das gesamte Verdauungssystem ebenso betreffen können wie zum Beispiel das Herz-Kreislauf-, das Nerven- und das Immunsystem oder den Stoffwechsel und die Libido, leiden viele Patienten an ausgeprägten psychischen Störungen. Viele haben zwei und mehr zusätzliche psychiatrische Erkrankungen, besonders häufig sind Depressionen und Angststörungen, die Suizidrate beträgt bis zu 35 Prozent“, so Musalek.

Die Ergebnisse der aktuellen GfK-Umfrage unter Ärzten bestätigen das Problem: Der Großteil der Patienten mit einer Alkoholerkrankung ist beim Allgemeinmediziner, 40 Prozent davon wollen jedoch nicht an einen anderen Arzt oder eine Institution überwiesen werden. Die Zuweisung erfolgt fast immer zu spät, sagen 41 Prozent der niedergelassenen Internisten, 48 Prozent der in einem Krankenhaus tätigen Internisten und 36 Prozent der Psychiater. Alle Ärztegruppen würden sich auch durch Patientenmotivationsprogramme unterstützt fühlen, bei den niedergelassenen Internisten 31 Prozent „sehr stark“, 42 Prozent gaben an, solche Programme „würden mich in meinen Bemühungen unterstützen“. Bei den Allgemeinmedizinern sind es 30 bzw. 42 Prozent.

Harmlosigkeits- und Gefährdungsgrenze

Was Alkoholkonsum mit uns kurz- und langfristig macht und ab wann der Konsum problematisch wird, fasste Musalek zusammen:

• Die Harmlosigkeitsgrenze, die nicht überschritten werden sollte, beträgt bei Männern geringfügig mehr als einen halben Liter Bier oder ein viertel Liter Wein pro Tag (24 Gramm Reinalkohol), bei Frauen geringfügig weniger als einen halben Liter Bier oder ein viertel Liter Wein pro Tag (16 Gramm Reinalkohol). Die Gefährdungsgrenze liegt bei Männern bei 21,2 Österreichischen Standardgläsern (ÖSG = halber Liter Bier, bzw. viertel Liter Wein bzw. 2 cl Schnaps bzw. 2 Gläser Sekt) pro Woche, bei Frauen bei 14 ÖSG.

• Bereits bei einem Blutalkoholspiegel von 0,5 bis 1,2 Promille werden höhere, komplexe Hirnfunktionen beeinträchtigt. Es zeigt sich ein vermindertes Verantwortungsgefühl, Gefahren werden unter-, die eigenen Fähigkeiten überschätzt. Der Gedankenablauf bleibt oberflächlich und ist verlangsamt. Trotzdem sind äußere Anzeichen einer Berauschung oft nur schwach ausgebildet oder fehlen ganz.

• Bei einem Alkoholspiegel von 1,3 bis 3 Promille ist die Berauschung deutlich sichtbar. Die Bewegungen werden unkoordiniert, die Sprache wird verwaschen und das Verhalten enthemmt. Reaktionsfähigkeit und Aufmerksamkeit sind herabgesetzt.

• Bei über 3 Promille kommt es zu einer allmählichen Lähmung des Nervensystems, zum Erlöschen von geistigen Fähigkeiten und zu schwerem Tiefschlaf.

• Es gibt noch eine Reihe weiterer Wirkungen des Alkohols: Dazu gehört eine Depressions-fördernde Wirkung bei höherer Dosierung und bei chronischer Einnahme, aber auch eine anästhesierende Wirkung, die bereits bei mittleren Dosierungen einsetzt und unter anderem zu einer Verminderung der Geschmacksempfindungen führt.

Hinweise auf eine Alkoholabhängigkeit

Hinweise auf eine Alkoholabhängigkeit liefern die folgenden Abhängigkeitskriterien (ICD-10):

• Starker Wunsch oder eine Art Zwang, Alkohol zu trinken;

• Verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich des Beginns, der Beendigung und der Menge des Konsums;

• Es werden immer höhere Dosen benötigt, um die ursprüngliche Wirkung zu erzielen (Toleranzentwicklung);

• Körperliches Abstinenzsyndrom, beispielsweise morgendliches Zittern, Unruhe, Übelkeit, Brechreiz, starkes Schwitzen;

• Fortschreitende Vernachlässigung anderer Interessen zugunsten des Alkoholkonsums;

• Anhaltender Alkoholkonsum trotz des Nachweises eindeutiger, schädlicher Folgen, die dem Konsumenten offensichtlich bewusst sind.

Prävention früh beginnen

Prävention bedeutet, möglichst früh mit geeigneten und altersadäquaten Aufklärungsmaßnahmen zu beginnen. Das Einstiegsalter hat sich in den letzten Jahren kontinuierlich nach vorne verschoben und liegt bereits bei 11 bis 13 Jahren. So geben bereits zwei Drittel der 14-Jährigen an, schon einmal einen Alkoholrausch erlebt zu haben. Bei den Unter-17-Jährigen liegt dieser Wert bei 87 Prozent. Der Verein „Alkohol ohne Schatten“ empfiehlt deshalb u. a. folgende Maßnahmen:

• Ausbildungsprogramme für Schulärzte und ihre aktive Einbindung als Anlauf- und Beratungsstelle bei Alkoholproblemen;

• Finanzierung von psychologisch geschultem Personal für Vortragstätigkeit in Schulen und bei „Roadshows“;

• Alkoholmissbrauch als Thema der Schulprojektwochen;

• Aufklärungsprogramme für Kinder und Jugendliche in die Web- und Mobilkommunikation, Aufbau und Betreuung von Onlinegruppen;

• Spezielle Programme für Zielgruppen wie z. B. Grundwehrdiener.

Umdenken in der Therapie

In der Therapie der Alkoholabhängigkeit finde derzeit ein Umdenkprozess statt, so Musalek: „Galt absolute Abstinenz noch bis vor Kurzem als einziges Behandlungsziel, wird heute auch reduzierter oder moderater Alkoholkonsum angestrebt. Totale Abstinenz können viele Menschen nicht erreichen und/oder sie ist für sie keine attraktive Vorstellung. Dann ist eine Dosisreduktion ein erstes sinnvolles Etappenziel.“

Besteht bereits körperliche oder starke psychische Abhängigkeit und liegt bereits ein Entzugssyndrom vor, bleibt Abstinenz ein unverzichtbares Therapieziel. Musalek: „Doch für Patienten, die dieses Ziel nicht erreichen, kann selbst im Spätstadium eine Alkoholreduktion sinnvoll sein, weil damit zumindest eine Reihe körperlicher Schäden verringert werden. Wir brauchen für jeden Patienten individuell abgestimmte und realistische Behandlungsziele. Das vorrangige Therapieziel ist ein autonomes, lust- und freudvolles Leben, und jede Annäherung an dieses Ziel ist als Erfolg zu sehen.“

Quelle: Pressegespräch „Alkohol ohne Schatten“, 15. Mai 2013, Wien

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben