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Alkohol wirkt akut schmerzlindernd, aber in höheren Dosierungen und bei chronischer Einnahme auch depressiogen.

Prof. Dr. Michael Musalek, Ärztlicher Leiter des Anton Proksch Instituts, Wien

(c) fotodienst/Katharina Schiffl (3)

Prim. Dr. Marcus Franz, MSc, Interne Abteilung, Hartmannspital, Wien

Prof. Dr. Wilfried Ilias, Präsident der Initiative „Schmerzinformation – Wissen macht stark!“

 
Allgemeinmedizin 23. April 2013

Sport statt Prost: Bewegung ist der beste Schmerzkiller

Über chronischen Schmerz, seine Folgen und warum Alkohol keine geeignete Schmerztherapie ist.

„Wissen macht stark“ – unter diesem Motto stand heuer der mittlerweile zur Tradition gewordene Wiener Schmerztag, der am 19. April zum siebenten Mal stattfand.

Patienten zu informieren und sie zur Selbstbestimmung zu motivieren ist auch das Ziel der Initiative „Schmerzinformation – Wissen macht stark!“ (www.schmerzinformation.at). Dabei geht es nicht nur darum, den Patienten Wissen um die Therapiemöglichkeiten und deren Nebenwirkungen zu vermitteln, auch die Eigeninitiative soll gefördert werden. Denn jeder kann selbst etwas tun, um Schmerzen zu vermindern und zu verhindern. Lebensstilfaktoren haben darauf nämlich einen großen Einfluss.

Soziale Bedrohung

In der modernen Schmerztherapie ist Zurückhaltung, wie sie früher propagiert wurde, nicht mehr angesagt, so Prof. Dr. Wilfried Ilias, Präsident von „Schmerzinformation – Wissen macht stark!“. Gegen chronische Schmerzen müsse intensiv vorgegangen werden, denn die Langzeitfolgen sind nicht zu unterschätzen: „Die Chronifizierung von Schmerzen stellt eine soziale Bedrohung dar, da weder ausreichende Ruhephasen noch Belastungsfähigkeit bei familiären oder beruflichen Tätigkeit bestehen.“

Ein durch Schmerz gestörter Schlaf beispielsweise führt zu chronischer Müdigkeit, diese wiederum zu Antriebslosigkeit. Serotonin und Noradrenalin werden bis zur Neige verbraucht, depressive Zustände folgen. „Schmerz bringt den Biorhythmus durcheinander“, erklärt Ilias. Umgekehrt können mit einem geregelten Tagesablauf, aber auch mit bewusstem Essen und vor allem mit Bewegung chronische Schmerzen nachhaltig verbessert werden. „Neue Schmerztherapie beinhaltet daher die Eigeninitiative des Patienten, der auf seinen Lebensstil achten muss.“

Menschen mit chronischen Schmerzen vermeiden jedoch meist Bewegung, sind übermüdet und gereizt, ziehen sich aus dem sozialen Leben zurück und geben sich selbst auf. Diesen Teufelskreis gilt es zu durchbrechen, so das Ziel der Wiener Schmerzexperten.

Als erste Maßnahme sind natürlich die Identifikation und Beseitigung des Schmerzauslösers anzustreben. „Wenn die Schmerzursachen nicht ausreichend kontrolliert werden kann, muss eine symptomatische Therapie eingeleitet werden“, so Ilias. Beim chronischen Schmerzgeschehen reicht es nicht, Analgetika zu verabreichen: „Weil mehrere schmerzinduzierte Prozesse im Körper ablaufen, muss auch die Gegenregulation reaktiviert werden – durch Antidepressiva, Antikonvulsiva und/oder Cannabinoide.“

Neben dem eigentlichen Ziel der Heilung steht für Ilias vor allem die Wiedererlangung der Lebensqualität und die Reintegration in das Sozial- und Berufsleben im Vordergrund. Ist eine Heilung auch nach umfassender Therapie nicht möglich, sind schmerzlindernde Palliativmaßnahmen zur Verbesserung der Lebensqualität die Aufgabe der Ärzte.

Bauchschmerz im Fokus

Einer der häufigsten Schmerzzustände ist der Bauchschmerz, wobei „Beschwerden, die länger als vier Wochen andauern, abgeklärt werden müssen“, so Prim. Dr. Marcus Franz, MSc, Interne Abteilung, Hartmannspital, Wien. Die Ursachen für chronischen Bauchschmerz sind mannigfaltig. Sie aufzufinden stellt daher oft eine Herausforderung dar. So dauert es beispielsweise in Österreich im Schnitt zwei bis drei Jahre, bis ein Morbus Crohn oder eine Colitis ulcerosa richtig erkannt wird.

Die häufigsten Ursachen für gastrointestinale Beschwerden sind die Reflux-Krankheit, das Reizdarmsyndrom, Nahrungsmittelunverträglichkeiten und chronische Entzündungen, gefolgt von den chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen. Aber auch Gefäßkomplikationen wie das Aorten-Aneurysma, Divertikel und natürlich tumoröse Erkrankungen können starke Bauchschmerzen verursachen. Bei akuten Oberbauchschmerzen muss auch an einen Herzinfarkt gedacht werden.

Projizierte Schmerzen psychischer Natur

Beschwerden im Magen-Dar-Trakt müssen nicht unbedingt von den Bauchorganen ausgehen. „Prinzipiell kann einem alles auf den Magen schlagen“, so Franz. Wenn keine organischen Ursachen festgestellt werden können, sollte an eine psychische gedacht werden. „Magen-Darm-Beschwerden können bei manchen Menschen das einzige Symptom einer bestehenden Depression sein“, erinnert Franz. Besonders Kinder projizieren psychische Belastungen sehr häufig in Bauchschmerzen, ergänzt Ilias.

Auch in der Behandlung chronischer Bauchschmerzen ist Eigeninitiative der Patienten gefragt, allen voran die körperliche Aktivität. „Der technologische Fortschritt hat die Menschheit zunehmend in den gemütlichen Sessel gedrückt. Das beste Heilmittel für die meisten chronischen Erkrankungen ist Bewegung“, meint Franz. „So auch bei Magen-Darm-Problemen.“

Alkohol ist keine Schmerztherapie

Die Eigeninitiative vieler Schmerzpatienten beschränkt sich derzeit leider auf die Selbstbehandlung mit OTC-Präparaten. Aber auch Alkohol wird gerne als Schmerzstiller herangezogen. „Wir müssen davon ausgehen, dass fünf Prozent der Bevölkerung alkoholabhängig sind, weitere fünf Prozent betreiben einen problematischen Alkoholkonsum“, berichtet Prof. Dr. Michael Musalek, Ärztlicher Leiter des Wiener Anton Proksch Instituts. „Betrachtet man nur die erwachsenen Männer, so ist bei 25 bis 30 Prozent ein hochproblematischer Alkoholkonsum festzustellen, das heißt: jeder dritte bis vierte Mann in Österreich trinkt eine ganze Flasche Wein pro Tag, und das jeden Tag.“

Wie viele davon wegen Schmerzen zu trinken begonnen haben, steht nicht fest. Fakt ist: Alkohol wirkt akut schmerzlindernd. Und er ist leicht verfügbar. Musalek sieht noch einen zusätzlichen indirekten Zusammenhang zwischen Schmerz und Alkoholkonsum: „Chronische Schmerzen verursachen Angst und Alkohol wirkt angstlösend.“

Dennoch sei Alkohol keine geeignete Schmerztherapie, denn er wirkt in höheren Dosierungen und bei chronischer Einnahme auch depressiogen, also depressionsfördernd, -vertiefend und -auslösend. „Da ein enger Zusammenhang zwischen Depression und Schmerz besteht – beide verstärken sich gegenseitig –, wirkt der Alkohol längerfristig betrachtet auch indirekt schmerzfördernd“, erklärt Musalek.

Quelle: Pressegespräch „Das Wissen um den Schmerz: Von präventiv bis palliativ“, 11. April 2013, Wien

C. Lindengrün, Ärzte Woche 17/2013

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