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Allgemeinmedizin 30. Juni 2005

Keine "Qualitätskontrolle für Dealer"

Prof. Dr. Rainer Schmid arbeitet am Klinischen Institut für medizinische und chemische Labordiagnostik am Wiener AKH und ist wissenschaftlicher Leiter von "ChEckiT!". Vor kurzem wurde er als unabhängiger Experte in das "International Narcotics Control Board" (INCB), das höchste UNO-Suchtgiftberatungsgremium, gewählt.

1961 gegründet, kontrolliert das INCB die Einhaltung der Suchtgiftkonventionen der UNO und berät die Vereinten Nationen auch in wissenschaftlicher Hinsicht. Mit Schmid zählt seit langer Zeit wieder ein Österreicher zu den auserwählten dreizehn Wissenschaftern des INCB. Im Rahmen eines Einsatzes für "ChEckiT!" haben wir mit Schmid über Fragen der Drogenpolitik und Prävention gesprochen.

Was treibt die Leute auf einer Großveranstaltung zu den mobilen Räumlichkeiten von "ChEckiT!"?

SCHMID: Ecstasy wird konsumiert, um besser drauf zu sein, länger durchhalten und besser kommunizieren zu können. Rave-Besucher haben aber normalerweise kein Problembewusstsein in bezug auf ihren Drogenkonsum. Sie lassen sich nur dann etwas erzählen, geschweige denn beraten, wenn sie das Gefühl bekommen, einen kompetenten Gesprächspartner vor sich zu haben. Durch unser Angebot, psychoaktive Substanzen testen zu lassen, vermitteln wir Kompetenz und kommen mit den Leuten ins Gespräch - auch mit "High-Risk-Usern" und solchen, die offensichtlich bereits Probleme mit ihrem Drogenkonsum haben. Je mehr reine Amphetamine auftauchen, umso größer ist tendenziell das Risikoverhalten.

Verträgt sich Ihre sekundärpräventive Tätigkeit bei "Check-it" mit Ihrer Beraterfunktion für die UNO, deren Drogenstrategien doch vor allem auf "supply reduction" abzielen?

SCHMID: Experten des INCB dürfen nicht präjudiziert sein und haben sich an den Leitlinien der UNO zu orientieren. Ich sehe meine Tätigkeit bei "Check-it" keinesfalls im Widerspruch dazu. Wir kümmern uns um die Probleme der bereits Konsumierenden und versuchen, Schäden zu verhindern, Risken zu minimieren. Das heißt nicht, dass wir den Drogenkonsum befürworten oder Qualitätskontrolle für die Dealer betreiben! Die Angebotsreduktion fokussiert auf die Produktion, auf den Handel und Vertrieb psychoaktiver Substanzen. Sie muss in einem völlig anderen gesellschaftlichen Bereich ansetzten.

Wie sinnvoll ist "supply reduction" überhaupt?

SCHMID: 1998 hat eine Maßnahme zur Angebotsreduktion von Ecstasy kurzfristig gegriffen, da mehrere Tonnen von Vorläufersubstanzen beschlagnahmt werden konnten. Dies hat die illegale Marktsituation natürlich verändert: Die Verfügbarkeit von Ecstasy ist drastisch gesunken, deshalb wurden verstärkt andere Amphetamine produziert. Die Szene ist, ohne es wollen, von einem Amphetamin auf das nächst schlechtere umgestiegen. Damals haben wir sehr viel reines Amphetamin auf den Veranstaltungen gefunden und dieses als Zeichen eines Trendwechsels im Konsumverhalten interpretiert. Die Situation hat sich jedoch bald wieder normalisiert. Maßnahmen zur Angebotsreduktion sind also oft ineffizient. Gleichzeitig kann der Drogenmarkt nicht nur über die Nachfrageseite beeinflusst werden. Es gilt, den Druck des illegalen Marktes so gut wie möglich abzufangen.

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