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Allgemeinmedizin 30. Juni 2005

Heißes Thema: Cannabis als Arznei

Die Schweizer Regierung plant eine Gesetzesänderung im Umgang mit Cannabis, was die medizinische Anwendung erleichtern wird. In Deutschland und England wird Dronabinol (THC oder delta-9-Tetrahydrocannabinol) bereits von Ärzten eingesetzt. Selbst in den USA ist das synthetische Produkt Marinol für die Mediziner ein normales Therapeutikum gegen Appetitlosigkeit. Franzosen und Kanadier gaben wissenschaftliche Studien in Auftrag, die Cannabis als wirksame, medizinisch wertvolle Droge anerkennen.

Tabu in Österreich

In Österreich ist dieses Thema nach wie vor ein Tabu, selbst im Wahlkampf wurde versucht, die "Droge" an den Pranger zu stellen. Österreichweit gibt es etwa 20 Ärzte, die THC bei Patienten einsetzen, und nur eine Apotheke (Weltheiland,1080 Wien), die Dronabinol importiert.
Obwohl Hanf den Menschen seit Jahrtausenden als Heil- und Nutzpflanze begleitet, kam er im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts auf die Liste der gefährlichen Drogen; vorwiegend wirtschaftliche und politische Interessen haben dazu geführt. Besonders Harry Anslinger, Chef des damals neu gegründeten Bureau of Narcotics, verfolgte sein Ziel, Hanf als die gefährlichste Droge darzustellen, äußerst erfolgreich. Er etablierte den Terminus "Einstiegsdroge" - dieses "Brandmal" und die damit geschürte Angst blieben bis heute erhalten. Dieser "These" widerspricht die Statistik, hat doch zum Beispiel jeder dritte Amerikaner schon einmal Cannabis in irgendeiner Form probiert.

Forschung gebremst

Die Verurteilung von Cannabis und die Entwicklung synthetischer Wirkstoffe bremsten auch jahrelang eine intensive Forschung über die Wirkungsweise der Cannabinoide, von denen es etwa 65 gibt.
Dronabinol ist der pharmakologisch wirksamste und best erforschte Bestandteil. THC dockt hauptsächlich an den CB1-Rezeptoren an. Diese sind in starker Konzentration im Gehirn, besonders in den Basalganglien und im Kleinhirn, vorhanden, wo viele Bewegungsabläufe gesteuert werden. Deshalb konnten mit THC gute Erfolge zum Beispiel beim Tourette-Syndrom erzielt werden.

Appetitsteigerung

Als weitere Indikation von Dro-nabinol gilt Appetitsteigerung, vor allem bei AIDS und Krebspatienten. Insbesondere in Zusammenhang mit einer Chemotherapie kommt es zu einer Hemmung von Übelkeit und Erbrechen. Erfahrungen mit der Substanz liegen auch bei der Reduzierung muskulärer Krämpfe und Spastiken, Multipler Sklerose und Querschnittlähmungen vor. Wirkung zeigte Cannabis weiters bei Migräne und Asthma sowie zur Stimmungsaufhellung, um nur einige zu nennen.

Beste Erfahrungen

Dr. Franz Zdrahal, Intensivmediziner in einem Hospiz der Caritas in Wien, hat mit THC die besten Erfahrungen bei seinen Patienten gemacht, ihre Lebensqualität werde deutlich verbessert: "Auf die Idee, diesen Stoff zu verwenden, brachte mich vor Jahren ein Patient. Ich wunderte mich über seinen guten Appetit und den guten seelischen Zustand. Da verriet er mir, dass er heimlich Haschisch rauche und es ihm seither besser ginge. Als ich mich näher mit Cannabis beschäftigte, konnte ich es mir erklären. Cannabis ist sicher stigmatisiert. Ich wünsche mir, dass immer der Patient an erster Stelle steht und man von irrationalen Bedenken wegkommt."
Dr. Kurt Blaas, Obmann von IACM (Internationale Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin), hat 81 Patienten erfolgreich Dro-nabinol verordnet, davon 41 neurologische Fälle, 20 rein psychiatrische Patienten mit Zwangsstörungen oder Autismus, fünf internistische Fälle und 15 mit unterschiedlichen Erkrankungen, darunter Krebs und AIDS. Was ihn als Arzt stört und "traurig macht": "Die Krankenkassen sind oft nicht bereit, schwer kranken Menschen dieses wirksame Medikament zu bewilligen. Man sollte die Vorurteile, die aus der Boulevardpresse stammen, abbauen."

Gerhard Lorenz, Ärzte Woche 2/2003

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