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Allgemeinmedizin 30. Juni 2005

Drogen aus dem Garten

Im Schatten der Designerdrogen hat sich in den letzten Jahren ein Trend zum Konsum von so genannten Biodrogen entwickelt. Mit dieser neuen Problematik beschäftigt sich auch Prim. Dr. Reinhard Haller, Leiter des Instituts für Suchtforschung der Leopold-Franzens-Universität am Krankenhaus Maria Ebene in Frastanz (Vorarlberg).

Während Naturliebhaber beim Anblick von Engelstrompete und Co. über die Schönheit der Flora schwärmen, suchen immer mehr Jugendliche den Kick durch die berauschende Wirkung der halluzinogenen Nachtschattengewächse. Was die wenigsten "Probierer" wissen: Die psychoaktiven Wirkstoffe der Pflanzendrogen können die Gesundheit stark gefährden.

Vorübergehend verrückt

Haller: "Mit dem Missbrauch solcher Pflanzen sind zwei Komplikationen verbunden: einerseits Herz-Kreislauf-Zwischenfälle und andererseits kurzzeitige psychotische Reaktionen." Solche "Trips" könnten in unkontrollierte Handlungen ausarten, wie ein Vorfall aus Vorarlberg <N>zeigt: Ein Jugendlicher wurde nach dem Genuss eines Drogentees, so Haller, "vorübergehend verrückt", legte sich auf eine Schnellstraße und wäre beinahe überfahren worden.

Denn über die effektiv aufgenommene Wirkstoffmenge hat der "Öko-User" keinerlei Kontrolle. Je nach Standort, Witterungsbedingungen in der Wachstumsphase und Erntezeitpunkt kann der Wirkstoffgehalt sehr stark schwanken und sogar von ein und demselben Strauch können die Blüten, Blätter und Samen in der Konzentration ihrer Giftanteile unterschiedlich sein.

Mehr Information gefordert

"Es muss in das Bewusstsein der Jugendlichen dringen, dass solche Experimente tödlich ausgehen können", so Thomas Boss, Drogenkoordinator des Landes Vorarlberg. Der Grad zwischen erwünschter und unerwünschter Wirkung sei extrem schmal. Immer häufiger werden Jugendliche nach dem Genuss eines Pflanzensuds mit schweren Vergiftungserscheinungen ins Krankenhaus eingeliefert.

Haller weist in einer Publikation über das Gefahrenpotenzial von Freizeitdrogen auf einen weiteren wichtigen Aspekt hin: In der allgemein-psychiatrischen Untersuchung werde der Missbrauch biogener Drogen nicht in Betracht gezogen, ebenso wenig in der Suchtgiftanamnese. Nach verschiedenen Untersuchungen hätten bereits mehr als die Hälfte der jungen Drogenkonsumenten Erfahrungen mit Naturdrogen. Besonders beliebt sind bei den Jugendlichen Fliegenpilze, Psilocybe ("Magic Mushrooms") und Stechapfelarten.

Haller rät seinen Kollegen zu "einer gezielten Exploration bei allen Patienten mit Abhängigkeitserkrankungen und psychotischen Symptomen". Der Vorarlberger Suchtgiftexperte bedauert, "dass das Problem bislang vernachlässigt wurde". Er fordert Studien zur exakten Verbreitung dieser Suchtmittel.

Handel über Internet

Auch Sabine Lenz von der Drogenberatungsstelle "Ex und Hopp" in Dornbirn wird mit diesem neuen Thema konfrontiert: "Es wird immer öfter nach der genauen Wirkung der verschiedenen Pflanzen und der Dosierung bei uns nachgefragt." Historisch gesehen sind "Biodrogen" wohl so alt wie die Menschheit. Die alten Ägypter wussten über die Wirkung von Bilsenkraut und die Römer nutzten die psychotrope Wirkung der Tollkirsche für kultische Rituale. Es gibt unzählige Pflanzen, die eine mehr oder weniger starke psychotrope Wirkung auf den Menschen ausüben. Nicht alle sind bei uns in freier Natur zu finden, werden allerdings, weil sie zum größten Teil nicht unter das Suchtmittelgesetz fallen, über das Internet gehandelt.

CONNY FITZ, Ärzte Woche 17/2001

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