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Allgemeinmedizin 30. Juni 2005

Suchtbehandlung: Apotheker wollen mehr mit Ärzten reden

Die Apotheker sind neben den verschreibenden Ärzten und den kontrollierenden Amtsärzten ein wichtiger Stützpfeiler im gut funktionierenden österreichischen Konzept der Substitutionsbehandlung von Opiatabhängigen. Allerdings müsste die Kommunikation innerhalb des Betreuungsnetzwerkes wesentlich verbessert werden, vor allem durch den Aufbau eines E-Mail-Systems, fordert Mag. pharm. Max Wellan im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. Er kennt die Probleme der Apotheker nicht nur als Vizepräsident der Wiener Apothekerkammer, sondern auch von seinem Arbeitsplatz, einer Apotheke im 10. Wiener Gemeindebezirk, die derzeit 50 Substitutionspatienten betreut.

Durch Apotheker betreut

Der Erstkontakt spielt sich meist folgendermaßen ab: Drogenpatienten legen dem Apotheker ihr Suchtgiftrezept vor und ersuchen um Übernahme der Betreuung. Wellan: "In der Regel wird diese problemlos akzeptiert." Die seltenen Ablehnungen beträfen vor allem Apotheken, die bereits sehr viele Süchtige betreuten oder in denen nur Frauen beschäftigt seien, was insbesondere in kleineren Apotheken der Fall sei. Gelegentlich führe aber auch sozial stark auffälliges und aggressives Verhalten einzelner Patienten dazu, dass die Betreuung abgelehnt oder frühzeitig abgebrochen werden müsse.

Wird die Behandlung akzeptiert, bleibt das Suchtgiftrezept in der Apotheke und der Patient kommt je nach ärztlicher Verordnung täglich oder einmal pro Woche in die Apotheke, wo ihm das verordnete Substitutionsmittel ausgehändigt wird. Bei der täglichen Abgabe ist der Apotheker dazu verpflichtet, zu kontrollieren, ob das Suchtmittel auch tatsächlich geschluckt wird, was vor allem bei Tabletten ein sehr mühsames Unterfangen sein kann. Da Morphiumtabletten auf dem Schwarzmarkt eine Währungseinheit darstellten, die sich sehr gut verkaufen ließe, versuchten viele Patienten mit "Tricks" zu Morphiumtabletten über den Eigenbedarf hinaus zu kommen. Wellan: "Zum Beispiel wird dem Arzt ein höherer Eigenbedarf angegeben oder die Tablette wird nicht geschluckt, sondern später aufgelöst und intravenös gespritzt, oder es genügt ein Teil der Dosis zur Deckung des Eigenbedarfs, während der Rest verkauft wird." Grundsätzlich würden Änderungen des Abgabemodus oder der Dosis von den Apothekern ausnahmslos nur nach Zustimmung durch den Amtsarzt akzeptiert. Interventionsversuche durch Allgemeinmediziner seien daher sinnlos. Auch wenn in der Nacht oder am Wochenende Patienten mit (angeblichen?) akuten Entzugssymptomen vorstellig würden, könnte keine Abgabe von Suchtgift ohne entsprechende Verordnung erfolgen.

Apotheker kennen Patienen gut

Auch um den Tricks der Süchtigen und ihrem ausgezeichnet funktionierenden Informationssystem (Wellan: "Welcher Arzt gerade besonders "großzügig" verschreibt, wird über SMS binnen Sekunden weitergegeben."), wünscht sich Wellan, dass die Kommunikation zwischen Apothekern, verschreibenden Ärzten und Amtsärzten ähnlich gut funktionieren sollte. Schließlich kämen die Patienten jahrelang täglich in die Apotheke, während sie beim Arzt nur einmal pro Monat sind. Für die Therapie wichtige Informationen könnten weitergegeben werden, etwa, wenn ein Patient erzählt, dass er die Hälfte der Dosis des verordneten Suchtmittels am Karlsplatz verkauft.

Mehr Informationen

Der Apotheker könnte aber auch bei nicht immer nachvollziehbaren Vorschreibungen nachfragen, wenn zum Beispiel Personen, die seit Jahren unauffällig sind und in einem ordentlichen Arbeitsverhältnis stehen, täglich in die Apotheke kommen müssen, während mancher Arbeitslose nur einmal pro Woche kommen muss. Statt des nicht funktionierenden telefonischen Systems ("zu umständlich und zeitlich aufwendig, bis der Arzt in seiner Praxis erreicht wird; im AKH hebt überhaupt niemand ab") sollte ein Kommunikationssystem über E-Mail aufgebaut werden.

Auch sonst fühlten sich die Apotheker laut Wellan ziemlich allein gelassen, weil sie zu wenig Informationen erhalten, wie zum Beispiel über neue therapeutische Prinzipien in der Suchtbehandlung: "Früher war das Ziel die völlige Abstinenz, jetzt wird jahre- und meist lebenslange Substitutionstherapie betrieben." Erst langsam werde in Fortbildungsveranstaltungen versucht, den Informationsaustausch zwischen Ärzten und Apothekern, der für beide Gruppen wichtig wäre, zu verbessern.

Dr. Klaus Huber, Ärzte Woche 4/2001

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