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Allgemeinmedizin 30. Juni 2005

Den Teufelskreis dauerhaft durchbrechen

Mit nur zwei kurzen Fragen wurden über 400 Patienten auf Depression untersucht. Ein positives Ergebnis rechtfertigt die Durchführung einer genauen Depressionsdiagnostik.

„Psychische Störungen und Alkohol-Missbrauch zählen zu den häufigsten Problemen in der Allgemeinbevölkerung“, erklärte Prim. Prof. Dr. Michael Musalek, Vorstand des Anton Proksch Institutes bei einer Veranstaltung der Österreichischen Gesellschaft für depressive Erkrankungen im Wiener Hilton. „Dabei kann die Alkoholerkrankung einer depressiven Erkrankung sowohl vorausgehen als auch nachfolgen. 30 bis 60 Prozent der Alkoholkranken leiden unter depressiven Symptomen; das Suizidrisiko ist bei Alkoholkranken auf das 60- bis 120-fache Risiko in der Bevölkerung erhöht und damit extrem hoch“, betonte der Experte. Das häufig gemeinsame Auftreten von Depression, Alkoholkrankheit und Suizid kann zum einen damit erklärt werden, dass Alkohol auch depressiogene Wirkungen entfalten kann. Bekannt ist, dass die akuten psychotropen Wirkungen von Alkohol im niedrigeren Dosisbereich vor allem anxiolytisch und euphorisierend sind. Wenn man die Dosis erhöht, tritt in Folge allerdings der depressiogene Effekt in den Vordergrund. Nur wenig bekannt ist in der Bevölkerung, dass Alkohol bei chronischem Konsum fast durchgehend depressiogen wirkt. Daher kann es gerade bei der medikamentösen Therapie von Depressiven mit gleichzeitigem Alkoholmissbrauch zu einer „Nullrechnung“ kommen, wobei dann gar nicht selten das Weiterbestehen der depressiven Symptomatik fälschlicherweise nicht auf die Alkoholeinwirkung, sondern auf eine vermutete Wirkungslosigkeit der antidepressiven Medikation zurückgeführt wird. Das überzufällig häufige Zusammentreffen von Depression und Alkoholkrankheit ist oft auch in dem vermehrten Alkoholkonsum von Depressiven begründet.

Alkohol als „Therapie“

Dieser auf den ersten Blick nicht leicht nachvollziehbare Umstand (warum nehmen Depressive eine depressiogene Substanz zu sich?) wird verständlich, wenn man die häufig bei Depressiven anzutreffenden Überlastungssituationen und Ängste in die diagnostischen Überlegungen mit einbezieht. Bekanntlich reagieren wir in Belastungssituationen, wenn wir keine adäquaten Bewältigungsstrategien haben, mit Angst. Ob eine bestimmte Situation zur Belastungssituation wird, hängt nicht nur von unseren Erfahrungen und Vorstellungen ab. Einen wesentlichen Faktor bei der Entstehung von Belastungssituationen stellt sowohl der physische als auch der psychische Allgemeinzustand dar. In einem herabgesetzten psychischen Allgemeinzustand werden ganz banale Alltagssituationen schon zu scheinbar unüberwindbaren Belastungen. Depressive fühlen sich ständig überfordert und produzieren auf diese Weise permanent Überlastungssituationen, in denen sie dann wieder mit Angst reagieren. Und diese Angst wird dann mit Alkohol „behandelt“, was wiederum die depressive Symptomatik verstärkt, womit der „Circulus vitiosus“ geschlossen ist. Dieses von einer Arbeitsgruppe des Anton-Proksch-Institutes in Wien entwickelte kybernetische Modell zur Erklärung der Zusammenhänge von Alkohol und Depression ist neben theoretischem auch von hoher praktisch-therapeutischer Relevanz. Die Behandlung muss somit an mehreren Schnittstellen des beschriebenen Teufelskreislaufes ansetzen, am besten in Kombination von medikamentöser und psychotherapeutischer Intervention.

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