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Als Riechspezialisten in der Onkologie und Endokrinologie eingesetzt, sind Hunde auch in der Demenzbetreuung verlässliche Therapeuten.
 
Allgemeinmedizin 25. Jänner 2013

Dr. Hund und Dr. Katz: tierisch gute Mediziner

Insbesondere Hunde kommen als schnüffelnde Diagnostiker zunehmend zum Einsatz.

Auf vier Pfoten ist gut praktizieren. Um die rund 82 Millionen deutsche Bundesbürger beispielsweise kümmern sich nur etwa 340.000 Ärzte, aber etwa fünf Millionen Hunde und acht Millionen Katzen – mit Sprechstunden und Hausbesuchen rund um die Uhr. Und nicht nur versorgungsstatistisch, auch diagnostisch und therapeutisch haben die Vierbeiner gegenüber den Zweibeinern bisweilen die Nase vorn.

Wenn Oscar auf Visite geht, verfolgen Schwestern und Pfleger seine Schritte ganz genau. Tritt Oscar nämlich zu einem Patienten ans Bett, ist er meist der letzte Besucher. Nach ihm kommen nur noch der Pfarrer und die engsten Angehörigen. Oscars diagnostischer Blick für den nahenden Tod ist höchst verlässlich. Auf ein medizinisches Examen kann er allerdings nicht verweisen. Denn Oscar ist gelernter Kater.

Oscar versieht seinen Dienst im dritten Stock des Steere House Nursing and Rehabilitation Center, eines katzenfreundlichen Pflegeheims für Patienten mit fortgeschrittener Demenz in Providence, Rhode Island, USA. Menschen gegenüber verhält sich Oscar eher abweisend – zumindest solange sie noch im Leben stehen. Spürt der Kater aber, dass es mit einem der Heimbewohner zu Ende geht, kuschelt er sich zu ihm ins Bett, wärmt ihn und schnurrt. Das Personal verständigt dann umgehend die Familie. 25-mal hat das Tier allein in den ersten beiden Jahren seiner Anwesenheit auf der 41-Betten-Station gewusst, wer sterben wird – meist Stunden im Voraus.

Über Oscar, den Sterbebegleiter auf Samtpfoten, hat zuerst David Dosa berichtet, Geriater am Rhode Island Hospital1. So recht erklären kann er sich die Fähigkeiten des Katers nicht. „Vielleicht nimmt die Katze bestimmte Gerüche wahr, die mit dem Sterben verbunden sind“, meinte er gegenüber dem US-Sender CBS. Das glaubt auch Margie Scherk, Veterinärmedizinerin, Katzenspezialistin und ehemalige Präsidentin der American Association of Feline Practitioners. „Ich glaube, Oscar riecht einen chemischen Stoff, der vor dem Tod freigesetzt wird“, vermutet sie. Katzen könnten eine Menge Dinge riechen, die Menschen nicht wahrnehmen.

Freiberufler und Angestellte

Während Oscar eher als Freiberufler zu gelten hat, nimmt der diagnostische Einsatz von Hunden inzwischen die Züge einer Festanstellung an. Begonnen hat das vor über 20 Jahren mit einer Notiz im medizinischen Fachblatt „The Lancet“2. Hywel Williams und Andres Pembroke, Dermatologen am Londoner King’s College, berichteten damals über eine 44-jährige Patientin respektive deren Hund, einen Border-Collie/Dobermann-Mischling. Die Frau trug ein Hautmal am linken Oberschenkel, das der Hund über Monate täglich mehrere Minuten lang zu beschnüffeln pflegte, sogar durch die Kleidung hindurch. An anderen Malen zeigte er kein Interesse. Die Angelegenheit gipfelte schließlich im Versuch des Tieres, das Mal herauszubeißen. Die beunruhigte Patientin suchte daraufhin medizinischen Rat. Die Läsion wurde entfernt: Es handelte sich um ein superfiziell spreitendes Melanom von 1,86 mm Dicke. „Damit hat dieser Hund seiner Besitzerin womöglich das Leben gerettet“, schrieben die Hautärzte.

Schon damals überlegten Williams und Pembroke, Hunde als Krebsschnüffler einzusetzen. Zwölf Jahre später sah sich Williams darin bestärkt, als erneut ein Hund auf eine Hautveränderung seines Herrchens reagierte. Eigentlich als Ekzem eingestuft, aber erfolglos behandelt, wurde die Stelle am Oberschenkel beständig von dem Hund beschnuppert. Nach In-toto-Exzision erwies sich das Ekzem als Basalzellkarzinom. Das Herrchen und sein Labrador waren zufrieden, der Hund gab fortan Ruhe3.

Der Geruch der Krankheit

Dass manche Krankheiten „riechen“, ist keine neue Erkenntnis. Und so ist es nicht abwegig, Riechspezialisten wie Hunde systematisch heranzuziehen, um Erkrankungen zu diagnostizieren. Denn Hundenasen sind um einiges leistungsfähiger als jene von Zweibeinern (siehe Kasten „Die Supernasen“). Seit einigen Jahren werden dazu Studien unternommen. Im Fokus stehen dabei Tumorerkrankungen.

Auf der Liste der von Hundenasen diagnostizierten Tumorentitäten sind z. B. Blasenkrebs, Brustkrebs und Darmkrebs verzeichnet. Dabei rochen die Hunde an Urin (Blasenkrebs), an Ausatemluft (Brust- und Lungenkrebs) bzw. an Atemluft und Stuhlproben (Kolorektalkrebs). Bei Brust- und Lungenkrebs erreichten die Tiere erstaunliche Sensitivitäts- und Spezifitätswerte nahe 100 Prozent4. Ebenso hohe Quoten wurden beim Darmkrebs erzielt5. Bei Blasenkrebs lagen die Trefferraten niedriger, mit einer Sensitivität um 70 Prozent und einer Spezifität von 60 bis 90 Prozent.6 Experten vermuten, dass die Hunde so genannte flüchtige organische Verbindungen (Volatile Organic Compounds, VOC) erschnüffeln, die von Krebszellen produziert, freigesetzt und über die Atemluft oder den Urin abgegeben werden. Erst kürzlich ist es japanischen Wissenschaftlern gelungen, VOC-Muster von gesunden Lungenzellen und Lungenkrebszellen zu analysieren7.

Hunde auch als Endokrinologen und Demenztherapeuten

Die Onkologie ist indes nicht die einzige medizinische Domäne, in der Hunde mit ihrem Spürsinn brillieren. Die Vierbeiner verfügen ebenso über Expertise in der Endokrinologie, etwa beim Erkennen heraufziehender hypoglykämischer Episoden ihrer Besitzer. Zudem überlassen Hunde das Feld keineswegs den Katzen, wenn es darum geht, Demenzpatienten zu betreuen. Eine Studie dazu, wie der regelmäßige Umgang mit Hunden die kognitiven Funktionen von Alzheimerpatienten beeinflusst, haben italienische Gerontologen um Enrico Mossello von der Universität Florenz vorgelegt8. In dieser Untersuchung hatten vier Frauen und sechs Männer mit einem Durchschnittsalter von 79 Jahren teilgenommen. Im Ergebnis nahmen die motorischen Aktivitäten der Patienten zu, sie zeigten mehr positive Gefühle und weniger Anzeichen von Traurigkeit. Auch die Ängstlichkeit der demenzkranken Senioren nahm durch den Hundekontakt ab.

Nach dem eingangs Geschilderten erstaunt das wenig. Denn selbst wenn ein Hund sonst nichts kann: einen Sterbeboten wie Oscar, den Kater, vom Bettrand fernhalten, das kann er bestimmt.

Literatur:

1 Dosa D. N Engl J Med 2007; 357: 328–9

2 Williams H, Pembroke A. Lancet 1989; 333: 734

3 Church J, Willimas H. Lancet 2001; 358: 930

4 McCulloch M et al. Integr Cancer Ther 2006; 5: 30

5 Sonoda H et al. Gut 2011; 60: 814–9

6 Willis CM. Cancer Biomark 2010-2011; 8: 145–3

7 Hanai Y et al. Cancer Cell International 2012; 12: 7

8 Mossello E et al. Int J Psychogeriatrics 2011; 23: 899–905

Quelle: MMW– Fortschritte der Medizin 2012; 154 (22): 14–16 Springer Medizin © Urban & Vogel GmbH

Die Supernasen

Der Mensch ist ein Augentier, Hunde hingegen gehen immer der Nase nach. Ihr Bulbus olfactorius ist relativ zum Gesamthirn rund 40-mal größer als der des Menschen. Auf diesem Luxusriechkolben sitzen 125 bis 220 Millionen, bei Bluthunden bis zu 300 Millionen Geruchsrezeptoren – das sind in etwa vier- bis zehnmal mehr Rezeptoren, als der menschliche Bulbus aufzuweisen hat. Daraus resultiert ein Geruchssinn, der bis zu einer Million Mal sensitiver ist als der menschliche. Einige Züchtungen sollen dem Menschen sogar 100 Millionen Nasenlängen voraus sein, was die Empfindlichkeit für Gerüche angeht.

http://en.wikipedia.org/wiki/Dog

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