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© Raul Rodriquez/Getty Images/iStockphoto/photos.com
Die Überflussgesellschaft hinterlässt ihre Spuren.
 
Allgemeinmedizin 28. Dezember 2012

Adipositas als Suchtkrankheit?

Dafür gibt es kaum Hinweise.

Sind dicke Menschen esssüchtig? Bis auf wenige Ausnahmen lässt sich Adipositas wohl eher nicht als Suchtkrankheit deuten.

Schaut man sich die Berichte in vielen Medien an, die Fastfood-Konsum mit Zigarettenrauchen vergleichen, oder die Versuche in den USA, die Lebensmittelindustrie für die Adipositasepidemie verantwortlich zu machen, dann sehen offenbar viele in ihren dicken Mitbürgern die Opfer einer Suchterkrankung. Prof. Dr. Johannes Hebebrand von der Universität Essen-Duisburg betrachtet diese Sichtweise jedoch eher kritisch. Man müsse sich zunächst fragen, ob bei Adipositas überhaupt eine Substanzgebrauchsstörung vorliegen könne, wie es beim übermäßigen Konsum von Alkohol, Nikotin oder anderen Drogen der Fall ist, oder ob es konkrete Hinweise auf eine Verhaltensstörung gebe, vergleichbar mit der bei einer Spiel- oder Onlinesucht, sagte Hebebrand beim Kongress der DGPPN in Berlin.

Leptinmangel lässt Gewicht explodieren

Hinweise, dass Substanzen von Bedeutung sein können, liefere etwa das Hormon Leptin. Es wird unter anderem von Adipozyten ausgeschüttet und meldet dem Gehirn die aufgenommene Energiemenge zurück – als Folge wird das Hungergefühl gedämpft. Bei einer seltenen genetisch bedingten Leptin-Defizienz erfüllen die Betroffenen tatsächlich die sonst üblichen Kriterien für eine Suchterkrankung: Sie essen länger und in größeren Mengen als geplant. Sie essen viel zu viel trotz schwerer sozialer und zwischenmenschlicher Probleme, überessen sich, obwohl sie wissen, dass dies körperliche und psychische Folgen nach sich zieht. Sie haben zwar den Wunsch, weniger zu konsumieren, schaffen dies aber nicht und leiden unter starkem Craving. Die Folgen sind gravierend: Beschrieben werden extrem fettleibige dreijährige Kinder mit einem Gewicht von über 40 kg. Gleicht man den Leptinmangel aus, normalisieren sich Essverhalten und Gewicht.

Allerdings, so Hebebrand, lässt sich dieses Modell nicht auf Adipöse ohne Gendefekt übertragen: Zusätzliches Leptin führt hier nur zu einer vorübergehenden Gewichtsreduktion um drei bis vier Kilo, Leptinmangel ist daher wohl bei den wenigsten Dicken ein Grund für ihren übermäßigen Konsum.

Haben stattdessen Zucker und Fett Suchtpotenzial?

Fastfood und Süßes könnten dazu verführen, noch mehr Nahrung mit hohem Fett- und Kohlenhydratgehalt zu konsumieren. Aber auch dafür gibt es nach Auffassung von Hebebrand keine belastbaren Belege. „Es ist bisher nicht gelungen, einen bestimmten Anteil an Zucker oder Fett in der Nahrung zu definieren, ab dem eine Sucht entstehen könnte, ebenso wenig ist es gelungen, Lebensmittelzusatzstoffe zu identifizieren, die eine Sucht erzeugen.“ Auch Tierversuche sprechen eher dagegen.

Nahrung im Überfluss, aber kein Stoppsignal

Prof. Dr. Martina de Zwaan von der Medizinischen Hochschule Hannover sieht die Epidemie der Dicken als Folge davon, dass wir überall von stark zucker- und fetthaltigem Essen umgeben sind. „Übergewicht ist eine normale Reaktion auf eine unnormale Umgebung.“ Sie sprach von einer „toxic food environment“: Der Überfluss an Nahrung, wie wir ihn erleben, ist in der Evolution eigentlich nicht vorgesehen. In der Geschichte der Menschheit hatten wir es immer mit einem Mangel zu tun. Wenn es also mal genug zu essen gibt, dann lautet das Signal: Iss mehr! Der Körper nutzt einen temporären Überfluss, um Reserven für Mangelsituationen zu sammeln. Ein Stoppsignal hat sich in der Evolution daher nie entwickelt. Bei chronischem Überfluss muss dies gravierende Folgen haben. Wenn uns schon die Biologie in der Überflussgesellschaft im Stich lässt, dann ist eine kognitive Kontrolle der Ernährung umso wichtiger, sagte die Psychiaterin.

springermedizin.de, Ärzte Woche 50/52/2012

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