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Allgemeinmedizin 11. Juli 2005

Experten-Alarm: "Teufel Alkohol"

Unsere liebste Droge muss endlich entmystifiziert werden - 5.Internationaler Suchtkongress in Baden bei Wien

Fachleute schlagen Alarm: Wenn in Österreich von Sucht geredet wird, dann ist oft nur die Abhängigkeit von illegalen Drogen gemeint. Doch die Realität sieht anders aus: Rund 330.000 Menschen sind alkoholkrank, zusätzlich rund 900.000 Personen sind alokoholgefährdet. Die Lebenserwartung von Alkoholkranken ist durchschnittlich um rund 20 Jahre verringert. Pro Jahr sterben rund 8.000 Personen in Österreich an den Folgen übermäßigen Alkoholkonsums.

Alkohol ist kein Medikament

Zwei Millionen Personen greifen täglich zum "Zigaretterl". Hingegen sind laut den neuesten Untersuchungen in Österreich "nur" rund 20.000 Menschen von illegalen Drogen abhängig. Diese neuesten Zahlen zum Suchtverhalten der ÖsterreicherInnen legte das Anton-Proksch-Institut, Kalksburg, am 5. Internationalen Suchtkongress in Baden vor. Worum es den Spezialisten - auch - geht: Um die Entmystifizierung des Alkohols als in den westlichen Industriestaaten am weitesten verbreitete Droge, die noch dazu manchmal in Verbindung mit einem gesundheitsfördernden Effekt gebracht wird.

Immer wieder haben internationale wissenschaftliche Studien der vergangenen Jahre Hinweise dafür geliefert, dass durch moderaten Alkoholgenuss der Risikofaktor in Bezug auf Herzkreislauf- und Stresserkrankungen reduziert werden könnte.

Dr. Alfred Uhl, Leiter der Alkohol-Koordinations- und -Informations-Stelle (AKIS) am Anton-Proksch-Institut, warnte jetzt vor überzogenen Interpretationen dieser Befunde und vor einer sorglosen Übernahme dieser Schlussfolgerungen: "Alkohol ist keinesfalls als Medikament zu sehen - geringfügige gesundheitsfördernde Effekte werden durch die gesundheitsschädigenden Wirkungen bei weitem kompensiert." Auch kleinere Mengen greifen bereits Leber und Bauchspeicheldrüse an.

Hat "Sucht" ein Geschlecht?

Der Fachmann weiter: "In bloß scheinbarem Widerspruch dazu steht die Beobachtung, dass Personen, die mäßig Alkohol konsumieren, bezüglich fast aller körperlicher, seelischer und sozialer Aspekte besser abschneiden als Abstinente."

Uhl: "Da wird nämlich die Ursache mit der Wirkung verwechselt: Dieses Phänomen entsteht vor allem dadurch, dass Kranke deutlich weniger trinken als Gesunde und nicht dadurch, dass Alkoholkonsum gesünder macht."

Auch die österreichischen Frauen gehören zu den Gefährdeten: Ein Drittel der 330.000 alkoholkranken Österreicher sind Frauen, weitere 170.000 Frauen sind alkoholsuchtgefährdet, haben die Wissenschafter vom Anton-Proksch-Institut erhoben. Dafür schlagen die Frauen bei den Arzneimitteln zu: Von rund 110.000 medikamentenabhängigen Österreichern bilden sie mit rund 60 Prozent den größten Anteil. Lange Zeit wurde das Problem weiblicher Suchtmittelabhängigkeit nicht erkannt, da den Frauen generell eine gesundheitsbewusste und -erhaltende Haltung zugeschrieben wurde. Tatsächlich aber weisen Frauen ähnlich selbstschädigende Verhaltensweisen wie Männer auf.

Neue Droge Internet

"Sowohl im Alkohol- wie auch im Drogenbereich haben sich in den letzten Jahrzehnten typische Verhaltensmuster als Folge der Suchterkrankung etabliert", meinte Prim. Dr. Susanne Lentner, stellvertretende Leiterin des Anton-Proksch-Instituts.

Internetsucht als neue Form einer nicht "stoffgebundenen" Abhängigkeit wird von den Fachleuten - ausgehend von den USA - auch in Europa ernstgenommen und erforscht. "Nach neuesten Zahlen ist davon auszugehen, dass mindestens 30.000 ÖsterreicherInnen zumindest zeitweilig ein suchtartiges Verhalten im Gebrauch des Internet aufweisen", so Dr. Hans D. Zimmerl, Autor der ersten deutschsprachigen Studie über Internetsucht und Leiter der Ambulanz des Anton- Proksch- Instituts.

"Gefährdet sind besonders Alleinstehende und Arbeitslose sowie Personen mit einer unsicher-unreif-gehemmten Persönlichkeitsstruktur und andererseits selbstverliebte Individuen mit sadistischen Impulsen", erläuterte Dr. Zimmerl die Forschungsergebnisse. "Die erste Gruppe täuscht sich über ihre Kontaktscheu hinweg, die zweite ist vor allem am scheinbaren Machtgewinn interessiert."

Zu ähnlichen Ergebnissen kam auch eine Studie der Humboldt-Universität (Berlin) an 10.000 Personen. Anhand von Suchtkriterien konnte für Deutschland ermittelt werden, dass 3,18 Prozent der Studienteilnehmer internetsüchtig sind. Dr. Marvin Zuckerman, Professor am Institut für klinische Psychologie, Universität Delaware (USA), analysiert die Suchtrisiken in den Bereichen Drogen, Alkohol, Zigarettenkonsum und Sexualverhalten. "Langjährige Untersuchungen haben die Theorie bestätigt, dass ein gewisser Wesenszug bei Personen Auslöser von Suchtgefährdung ist. Ich nenne ihn ?ensation Seeking? was mit ?ensationssuche?übersetzt werden könnte."

Die "vererbte" Sucht

Der Fachmann weiter: "Dieser Wesenszug ist auch vererbbar, denn ein spezielles Gen, das für diesen genetischen Einfluss verantwortlich gemacht wird, wurde vor kurzem von amerikanischen Wissenschaftern erforscht und zeigt verschiedene biochemische und physiologische Wechselbeziehungen auf." "Sensationssucher" sind demnach mehr geneigt, mit Drogen zu experimentieren, und ignorieren gleichzeitig jede Gefahr im Zusammenhang mit legalen und illegalen Drogen. Dieses Verhaltensmuster ist bei Männern stärker ausgeprägt als bei Frauen und sinkt mit dem Älterwerden der Jugendlichen ab 20 Jahren.

Quelle: APA

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