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Allgemeinmedizin 11. Juli 2005

Gefährlicher "Kollege" Alkohol

40 Millionen Schilling täglich (!) verliert die österreichische Wirtschaft durch Alkoholmissbrauch der ArbeitnehmerInnen. Der Umgang mit der Thematik "Alkohol am Arbeitsplatz" seitens der Unternehmen ist leider meist ein problematischer und geprägt von der Reaktionskette "Zusehen - Ignorieren - Kündigen".

"Acht Prozent der Arbeitnehmer in Österreich und 1,7 Prozent der Arbeitnehmerinnen sind als alkoholkrank einzustufen", gibt Prof. Dr. Rudolf Mader, Ärztlicher Leiter und Vorstand des Anton-Proksch-Instituts (API) in Kalksburg zu bedenken.

Die Problematik ist in vielen Branchen weit verbreitet. Spitzenposition hinsichtlich des Alkohol-pro-Kopf-Konsums nimmt das Bau- und Hilfsgewerbe ein, gefolgt von den Sicherheitsbranchen (wie zum Beispiel Polizei). Daran reihen sich die Bereiche Gastronomie, öffentlicher Verkehr sowie Land- und Forstwirtschaft. Am wenigsten Alkohol wird im Sozial- und Gesundheitswesen sowie in der Branche Handel und Verkauf konsumiert.

Das Problem Alkohol am Arbeitsplatz ist nicht erst in jüngerer Zeit aufgetreten: Schon Ende des vorvorigen Jahrhunderts haben sich Industrieunternehmer und Arbeiterbewegungen damit befasst - 1885 hat in Deutschland bereits eine Enquete zum Thema "Branntwein in Fabriken" stattgefunden.

In den USA und einzelnen westeuropäischen Ländern wurden schon in der Nachkriegszeit entsprechende Programme zur Bekämpfung des Alkoholkonsums und des Alkoholismus in Betrieben entwickelt.

Risikofaktoren

"Einer der Hauptrisikofaktoren für Alkoholmissbrauch sind meist die am Arbeitsplatz vorherrschenden Trink(un)sitten", meint Dr. Wolfgang Beiglböck, Leiter der Behandlungseinheit für jugendliche Alkoholabhängige am API. Auch Stress, Über- und Unterforderung, monotone Arbeit oder mangelnder Einfluss auf Entscheidungsprozesse veranlassen viele Arbeitnehmer dazu, diese Probleme mittels Alkohol "zu lösen". Alkoholkranke Mitarbeiter bedeuten sowohl für den Betrieb als auch für die Kollegenschaft und Vorgesetzte eine enorme Belastung.

Sie verursachen dreimal mehr Arbeitsunfälle, reichen dreimal mehr Krankschreibungen ein und nehmen fünfmal mehr Versicherungsleistungen in Anspruch. Alles in allem wird ein durchschnittlicher "Verlustfaktor" von 25 Prozent des Gehalts eines alkoholkranken Mitarbeiters angenommen.

"Manager stellen sich nur selten ihrer diesbezüglichen Verantwortung", kritisiert Beigl- böck. "Das Problem wird erst angesprochen, wenn es schon zu spät ist." Der Umgang mit gefährdeten Mitarbeitern gehört zu den schwierigsten Führungsaufgaben, daher werden entsprechende Gespräche häufig gescheut.

Dr. Senta Feselmayer, Leiterin der Psychologischen Abteilung am API, beobachtet, dass dies sehr häufig zu Kündigungen führt: "Der Anteil der arbeitslosen Patienten ist derzeit zehnmal höher als es der österreichischen Arbeitslosenquote entspricht."

Das "Kalksburger Modell"

Aus diesem Grund hat das Anton-Proksch-Institut bereits 1990 eine Initiative gesetzt, bei der rund 400 Betriebe angeschrieben und zu einem Seminar eingeladen wurden. Aus diesem zunächst jährlich wiederholten Seminar wurde das "Kalksburger Modell" der betrieblichen Suchtprävention entwickelt, das alle Bereiche der Prävention über Schulungen für Manager und Führungskräfte bis hin zur Behandlung bereits erkrankter Mitarbeiter eines Unternehmens abdeckt. Mader: "Dieses auf österreichische Unternehmen abgestimmte Konzept stellt eine Besonderheit dar, da nicht nur Mitarbeiter des Instituts als externe Berater das Unternehmen bei der Implementierung entsprechender Präventionsprogramme begleiten, sondern auch im Bedarfsfall qualifizierte, multiprofessionelle stationäre oder ambulante Behandlungen angeboten werden."

In vielen Betrieben konnte das "Kalksburger Modell" bereits sehr erfolgreich umgesetzt werden, so zum Beispiel in einer großen Versicherungsgesellschaft oder auch in der VÖEST ALPINE.

Erfolgreiches Präventionsprogramm

Das Präventionsprogramm beinhaltet vor allem Information, Sensibilisierung, Selbstreflexion und Kommunikation. Ziel: Alkoholgefährdete und -süchtige als erkrankte Kollegen zu sehen, die einer Behandlung bedürfen. Alle Mitarbeiter eines Unternehmens bis hin zur Führungsspitze sind in das Projekt eingebunden, wichtig ist auch eine gute Transparenz. Die Installierung eines solchen Programms dauert zwei bis drei Jahre und erfolgt auf drei Ebenen: zuerst wird analysiert und reflektiert, wie Alkohol in die Unternehmenskultur eingebettet ist, welche Strategien für einen verringerten Alkoholkonsum im Betrieb entwickelt werden können, aber auch wie diese umgesetzt werden sollen (zum Beispiel die "Feierkultur" in Unternehmen, die Rolle des Alkohols bei Seminaren usw.).

Im zweiten Bereich wird eine Krisengruppe installiert, deren Aufgabe es ist, Ansprechpartner für Betroffene, aber auch Vorgesetzte zu sein. Durch spezielle Schulungen lernen Führungskräfte, Auffälligkeiten bei den Mitarbeitern möglichst früh zu erkennen und spezielle Mitarbeitergespräche zu führen.

Auf dritter Ebene erfolgt die Behandlung bereits erkrankter Mitarbeiter - ambulant oder stationär außerhalb des Betriebes. Durch die enge Zusammenarbeit mit dem Anton- Proksch-Institut kommt es im Betrieb zu einem besseren Verständnis für die Suchterkrankung eines Mitarbeiters, wodurch auch dessen Reintegration in den Arbeitsprozess erleichtert werden soll.

"Immer mehr Betriebe stellen sich in offener und kompetenter Weise den Problemen, die sich aus dieser brisanten Thematik ergeben", resümiert Dr. Renate Brosch, Leiterin der Kurzzeittherapiestation der Drogenabteilung am API und Mitautorin des Buches "Alkohol am Arbeitsplatz".

Kontaktadressen: Anton-Proksch-Institut (API) Kalksburg, Tel: 01/88010 Anonyme Alkoholiker, tgl. 18-21h; Tel: 01/7995599

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