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Je mehr Medikamente eingenommen werden müssen, desto schwächer wird die Compliance und desto schwieriger das Therapiemanagement.

 
Allgemeinmedizin 5. November 2012

Neuverblisterung hat Potenzial

Vorbereitete Dosierung und Einnahmezeiten verbessern Compliance und Krankheitsmanagement und sparen Kosten

In Österreich gilt seit Anfang 2011 eine Verordnung zur Neuverblisterung von Medikamenten. Zuvor war die Situation rechtlich nicht geregelt und die patientenindividuelle Vorbereitung der Medikamente wurde unter dem Begriff Umpacken gehandhabt. In Deutschland wünscht man sich breitere Akzeptanz, Pilotprojekte in Bayern, Sachsen und Berlin einer Vorreiterfirma sind mittlerweile eingestellt. Aber es werden neue Anläufe unternommen und verschiedene Modelle erprobt.

Die Neuverblisterung wird an Bedeutung gewinnen, stellt Mag. Dr. Christian Müller-Uri, Präsident des Österreichischen Apothekerverbandes und Eigentümer der Landschaftsapotheke in Schwechat, fest. Vor allem für Menschen mit Dauermedikation, speziell auch bei unterschiedlichen Tagesdosierungen, und Menschen, die zu Vergesslichkeit bei der Medikamenteneinnahme neigen, ist die Patientenindividuelle Verblisterung ein sinnvolles und wirkungsvolles Instrument, um die Compliance zu erhöhen.

„Vergesslich“ sind dabei nicht nur alte Menschen, sondern auch Menschen, die unter hoher Arbeitsbelastung und Stress stehen. Mit Hilfe des Schlauchblisters, in dem die richtige Dosierung fertig vorbereitet ist und auf dem die Einnahmezeiten abgebildet sind, lässt sich gut nachvollziehen, ob die Medikamente entsprechend der ärztlichen Verordnung eingenommen werden. „Die Compliance steigt dadurch ganz eindeutig“, stellt Müller-Uri fest. Die Behandlung wird damit effizienter. In Österreich beschäftigen sich Apotheker seit etwa zehn Jahren mit diesem Thema. Seit einem Jahr sind der Prozess und die Herstellungsbedingungen also auch gesetzlich geregelt.

Die ökonomischen Vorteile sind neben dem Patientenkomfort ein wesentlicher Aspekt. Daher bezeichnete auch die damalige Deutsche Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt im Sommer 2009 die patientenindividuelle Medikamentenverblisterung als Beitrag zu einem effizienten Ressourceneinsatz in der gesetzlichen Krankenversicherung. Anlass war der Startschuss zur industriellen Produktion des Wochenblisters der saarländischen Unternehmensgruppe Kohlpharma. Eineinhalb Jahre lang hatte die Kohl-Tochterfirma 7x4 dann zusammen mit der AOK Nordost und Berliner Apothekern - federführend war der BVDA (Bundesverband Deutscher Apotheker) - die Verblisterung für Pflegeheimbewohner erprobt: „Die Ergebnisse des Modellprojektes bestätigen unsere Annahme, mit der industriellen patientenindividuellen Verblisterung die Patienten besser und kostengünstiger versorgen zu können“, erklärte Kohl-Vorstand Jörg Geller.

Zufriedenheit, aber es bestehen noch Hürden

Die Therapietreue werde erhöht, das Pflegepersonal befürworte die Verblisterung, und neben der Vermeidung stationärer Kosten ergäben sich zusätzliche Einsparungen, weil keine Restmengen mehr in den Müll wanderten. „Wir waren außerordentlich zufrieden, auch die AOK war außerordentlich zufrieden“ berichtete Geller - räumte aber doch ein, dass man vom unternehmerischen Ziel, nämlich die patientenindividuelle Verblisterung in der ambulanten Chroniker-Versorgung zu etablieren, weiter denn je entfernt sei. Die Bewusstseinsbildung bei Ärzten und Apothekern ist in Deutschland offenbar noch ausbaufähig, denn ein zweites Pilotprojekt mit Ärzten und Apothekern in Sachsen, bei dem es genau darum ging, stieß bei den Leistungserbringern auf ziemlich geringe Teilnahmebereitschaft und zum Ende des Projekts.

Die AOK Bayern führte etwa drei Jahre zusammen mit mehreren Apotheken im Freistaat ein Pilotprojekt durch, wo ebenfalls Wochenblister für Pflegeheime zubereitet werden. Auch hier gab es Probleme. Neben Abrechnungsproblemen und dem Verwaltungsaufwand beklagte die AOK die ungenügende Verständigung zwischen Ärzten und Apothekern. „Das hat uns ein bisschen schockiert“, sagte ein Kassensprecher. Auch hier beendete man den Versuch. In Österreich funktioniere die Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen Apothekern und Ärzten dagegen überwiegend reibungslos. „Arzt und Apotheker stimmen sich immer ab, wenn es um Fragen der Medikation für den Patienten geht“, betont Müller-Uri.

In Bayern scheint das Konfrontationspotential höher zu sein. So habe es besonders bei Rezeptänderungen Friktionen gegeben, außerdem sei es den Apotheken nicht gelungen, die heimversorgenden Ärzte nennenswert zur Ausstellung von blisterkonformen Rezepten zu bewegen und beispielsweise keine geteilten Tabletten zu verordnen.

Andere Anbieter versuchen ebenfalls in diesem Bereich Fuß zu fassen. So hat Avidiamed, die Tochter des Hamburger Maschinenbauers Körber, mit dem „MediFalter“ ein eigenes Produkt zur industriellen Verblisterung für die ambulante Versorgung chronisch Kranker entwickelt. Wochenblister werden für die AOK Baden-Württemberg und Hessen und das Gesundheitsnetz Osthessen produziert. Weitere MediFalter-Projekte sind geplant.“ Die Ärzte sind begeistert, die Patienten bleiben am Ball“, berichtet Vertriebsleiter Nikolai Strub. Die Apotheker hätten anfangs mit höherem Arbeitsaufwand sowie Liefer- und Lagerproblemen gerechnet, Bedenken, die sich im Laufe der Zeit aber zerstreut hätten.

Und immer wieder die Kostenfrage

Entscheidende Voraussetzung für einen breiteren, auch ambulanten Einsatz des Wochenblisters ist laut Strub dessen Integration in die Regelversorgung mittels GKV-einheitlicher Vergütung. „Die ambulanten Pflegedienste sind an der Medikamentenverblisterung jedenfalls sehr interessiert“, weiß BVDA-Geschäftsführerin Helga Fritsch. Profitieren würden davon vor allem die regionalen Blisterzentren. Diese meist von Apothekern oder mit Apothekenhintergrund geführten Dienstleister bewältigen heute schon ein beachtliches Produktions-Pensum. Profitieren würden freilich auch die Patienten.

Ein ausführlicher Bericht über die Situation in Österreich folgt in einer der kommenden Ausgaben von Apotheker Plus.

Vielfältige Einsparungsmöglichkeiten

Im vergangenen Jahr wurden die Resultate zweier Modellprojekte in Deutschland vorgestellt. Blisterpionier 7x4 Pharma präsentierte Daten aus Berliner Pflegeheimen, der Münchener Gesundheitsökonom Prof. Günter Neubauer die vorläufige Auswertung eines Feldversuchs in Bayern, ebenfalls mit Pflegeheimen.

Bei dem Projekt von 7x4 und der AOK Nordost, evaluiert durch die Uni Münster, gingen die Klinikaufenthalte nach einem halben Jahr Wochenblister-Medikation um 27 Prozent zurück. An dem Feldversuch nahmen mehr als 500 Bewohner von Pflegeheimen teil.

Bei rechnerischen Kosten von 500 Euro pro Krankenhaustag, so 7x4, spare die Kasse pro Jahr und Patient 2038 Euro. Zieht man die Kosten für den Wochenblister ab - 275 Euro jährlich für Herstellung, Logistik und Apothekerhonorar - ergeben sich 34 Euro, die jeder Wochenblister der Kasse erspart.

Durch geringeren Verwurf reduzierten sich bei tablettengenauer Abrechnung die Arzneimittelausgaben zusätzlich um rund zehn Prozent, heißt es.

Ähnliche Zahlen legte Prof. Günter Neubauer vor, der einen Piloten der AOK Bayern mit zehn Apotheken, 20 Heimen und 580 Patienten begleitet hat. Unterm Strich saldiert er Minderausgaben je Wochenblister von 30,30 Euro, die sich zu einer jährlichen Ersparnis von rund 1600 Euro pro Patient summieren. Zusätzlich ergäben sich wirtschaftliche Vorteile für die Pflegeheime, bei 100 Patienten wöchentlich etwa 500 Euro. ÄZ/ki

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