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Allgemeinmedizin 31. Oktober 2012

Tut gar nicht weh

Wegschauen, wenn der Arzt die Spritze zückt.

Der ärztliche Rat, nicht hinzusehen, wenn man eine Spritze bekommt, ist sinnvoll. Dies hat eine Studie an der Universität Hamburg-Eppendorf bestätigt, in der die Teilnehmerinnen und Teilnehmer elektrische Schmerzreize als unangenehmer empfanden, wenn sie zusahen, wie eine virtuelle Hand gepikst wurde.

In dem Experiment von Marion Höfle und ihrem Team von der Universität Hamburg-Eppendorf (Höfle M et al. Viewing a needle pricking a hand that you perceive as yours enhances unpleasantness of pain. Pain 2012; 153: 1074–1081) mussten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre „verkabelte“ Hand so in eine Kiste stecken, dass sie unterhalb eines integrierten Bildschirms zu liegen kam. Auf diesem wurden nun Kurzfilmchen gezeigt, in denen eine (fremde) Hand zu sehen war, die entweder Nadelstiche in den Zeigefinger erhielt oder an der entsprechenden Stelle sanft mit einem Q-Tip berührt wurde. Als Kontrolle diente ein Clip, in dem nur die Hand zu sehen war. Parallel zu den Videos erhielten die Probanden kleine Elektroschocks mit Stromstärken oberhalb oder unterhalb der Schmerzschwelle in den Zeigefinger der für sie unsichtbaren eigenen Hand.

Die elektrischen Stimuli wurden als intensiver und auch als subjektiv unangenehmer empfunden, wenn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zusahen, wie im Clip – zeitgleich mit der Elektrostimulation – die Nadel oder auch das Wattestäbchen die virtuelle Hand berührte, als wenn ihnen die Hand allein und ohne Manipulation vorgeführt wurde (p jeweils ‹ 0,001). Als Maß für die Schmerzintensität diente eine visuelle Analog-Skala (VAS) mit Werten zwischen 0 (kein Schmerzempfinden) und 100 (heftigster Schmerz). Die Teilnehmer waren vor jedem Experiment genau gebrieft worden, was auf sie zukam.

Der Schmerz wird stärker, wenn man ihn erwartet

Die Erwartungshaltung spielte für die gemessene Schmerzintensität eine wichtige Rolle. So fielen die Bewertungen auf der Intensitätsskala zumindest tendenziell höher aus, wenn die Teilnehmer darauf vorbereitet waren, dass sie zeitgleich mit dem visuellen Reiz einen echten Schmerz spüren würden, und zwar unabhängig davon, ob die Hand im Clip offensichtlich schmerzhaft gepikst oder sanft von dem Wattestäbchen berührt wurde.

Bei der subjektiven Schmerzempfindung, gemessen mittels VAS mit den Extremen 0 (gar nicht unangenehm) und 100 (äußerst unangenehm), kam es zu signifikant höheren Werten, wenn die elektrischen Reize von einem Nadel-Clip begleitet waren, und zwar sowohl bei schmerzhafter als auch bei nicht schmerzhafter Stimulation. Dieser Effekt ging mit einer deutlichen Pupillenerweiterung einher – Letztere gilt als Zeichen für das Ansprechen des autonomen Nervensystems. Für die Forscher ist das ein Hinweis darauf, dass frühere Erfahrungen darauf Einfluss nehmen, wie jemand eine Injektion „erlebt“.

Höfle und Kollegen empfehlen Patienten, einfach „wegzuschauen“, wenn der Arzt die Spritze zückt. Dies könne sowohl die Schmerzintensität senken als auch das subjektive Gefühl, dass die Injektion „unangenehm“ ist, bessern. Wie die Studienautoren betonen, ist es außerdem empfehlenswert, einem Patienten durch gutes Zureden von seiner negativen Erwartungshaltung abzubringen, also etwa zu sagen „Sehen Sie nicht hin, dann tut’s nicht weh“.

springermedizin.de/eo, Ärzte Woche 44/2012

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