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Moderne Verbandsmaterialien trocknen die Wunde nicht aus, was den Verbandswechsel weniger schmerzhaft macht.

Prof. Dr. Franz Trautinger, Leiter der Abteilung für Haut-und Geschlechtskrankheiten, Landesklinikum St. Pölten

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Doz. Dr. Afshin Assadian, Vorstand der Gefäßchirurgie am Wilhelminenspital Wien

© Markus Osanger

Mag. Marcus Wilding, Geschäftsführer Gefäßforum Österreich (GFÖ)

 
Allgemeinmedizin 31. Oktober 2012

Fünf Fragen, ein Blick, ein Griff

Die Diagnose gefäßbedingter chronischer Wunden ist nicht schwierig. Trotzdem bleiben viele Patienten so lange unbehandelt, bis eine Amputation unvermeidbar ist.

Schmerz, übler Geruch und ein abschreckendes Erscheinungsbild – Ulcus cruris, eine chronische, nicht heilende Wunde am Bein tritt bei der älteren Bevölkerung in Österreich immer häufiger auf. Experten schätzen, dass Zehntausende betroffen sind.

Die Ursachen sind meistens Gefäßerkrankungen und Diabetes. Das Leiden verläuft langsam und wird besonders von älteren Betroffenen unterschätzt, aus Scham verschwiegen oder einfach nicht bemerkt. Zu spät wird ein Spezialist aufgesucht, in schweren Fällen führen die Komplikationen zur Amputation. Vorsorgemaßnahmen bei Risikogruppen und die rechtzeitige Therapie könnten dies verhindern. Das Gefäßforum Österreich (GFÖ) hat deshalb eine Informationsoffensive gestartet.

Jährlich Tausende Amputationen

Es gibt keine einheitliche Definition, ab wann eine Wunde als chronisch zu bezeichnen ist. Vier bis sechs Wochen werden genannt. Prof. Dr. Franz Trautinger, Kampagnensprecher „Chronische Wunde“, GFÖ, möchte lieber wie folgt definieren: „jede Wunde, die nicht normal abheilt“. Besonders betroffen von chronischen, nicht heilbaren Wunden sind Menschen ab dem 65. Lebensjahr, Raucher, Menschen mit metabolischem Syndrom und vor allem Diabetiker.

Gefäßbedingte chronische Wunden werden schätzungsweise bei einem Prozent der Bevölkerung – das wären in Österreich rund 85.000 Personen – viel zu spät behandelt, was zu einer Zunahme der Amputationen von 2002 bis 2006 um knapp elf Prozent auf jährlich 2.562 Eingriffe führte. Laut Doz. Dr. Afshin Assadian, Wissenschaftlicher Sprecher des GFÖ, sollte man die Chance wahrnehmen, eine Vorsorgeuntersuchung für Gefäßerkrankungen bei sich und vor allem bei älteren Familienmitglieder durchführen zu lassen.

Die ärztliche Diagnose ist alles andere als schwierig. „Das dauert fünf Minuten und man braucht dazu kein CT und kein MRT“, sagt Assadian. „Fünf Fragen zu den Risikofaktoren (Diabetes, Bluthochdruck, Rauchen, Hypercholesterinämie, Hyperlipidämie), ein Blick auf die Füße und ein Griff: Fühlt sich das Bein kalt an bzw. kälter als das andere?“

Ursachen

In den meisten Fällen ist eine venöse Durchblutungsstörung am Bein die Ursache für nicht heilende Wunden, also Venenschwäche, Krampfadern im weitesten Sinn oder tiefe Venenthrombosen. Die häufigste Lokalisation ist der Unterschenkel, bevorzugt der Innenknöchel.

Arterielle Ulcera treten bei älteren Patienten mit klassischen Risikofaktoren für arterielle Verschlusskrankheiten auf, meist an Zehenendgliedern oder an Druckpunkten von Schuhen.

Der diabetische Fuß ist eine besonders gefährliche Form der chronischen Wunde. „Die Wahrscheinlichkeit für einen Diabetiker, im Laufe seines Lebens eine Fußwunde zu bekommen, liegt bei etwa 25 Prozent, das heißt, wir sprechen von jedem vierten Diabetiker“, sagt Assadian. „Diese Wunden sind gefährliche Erkrankungen, die sehr häufig in der Amputation von Zehen, dem Fuß, manchmal sogar dem ganzen Bein enden.“ Die Ursache ist hier meist eine Kombination von Durchblutungsstörung und Nervenschädigung. Diese Neuropathie ist auch der Grund, warum gerade diabetische Wunden oft sehr spät erkannt werden, wie Trautinger berichtet: „Manche Patienten spüren die Wunde lange nicht.“

Die genannten Formen von Ulcus cruris können auch als Mischformen auftreten und werden insbesondere dann gefährlich, wenn es zur Wundinfektion kommt.

Andere, eher seltenere Ursachen sind Krebserkrankungen und Infektionen durch Bakterien, Viren oder Pilze. Manchmal kann die Wunde auch Symptom einer entzündlichen Erkrankung anderer Organe wie zum Beispiel im Darm oder Rheumatismus sein. In dieser Hinsicht spielt ein interdisziplinärer Ansatz eine wichtige Rolle.

„Wir haben ein sehr gutes Gesundheitssystem. Aber was bei uns ein bisschen fehlt, ist die Zusammenarbeit“, stellt Assadian fest. Die verstärkte interdisziplinäre Kooperation von Hausärzten, Gefäßspezialisten, Internisten, Dermatologen und Orthopäden ist ihm ein Anliegen. Modelle der integrierten Versorgung, wie es sie z. B. in Deutschland gibt, wären auch für Österreich wünschenswert: „Ein strukturierteres Vorgehen würde Ressourcen besser nützen.“

Versorgen und vorsorgen

„Die Gefäßmedizin hat enorme Fortschritte gemacht“, sagt Trautinger. Gemeint sind nicht nur neue minimalinvasive Operationsmethoden, sondern auch neue Verbandsmaterialien, die die Wunde nicht austrocknen. „Der Verbandswechsel wird dadurch weniger schmerzhaft.“ Ein weiterer Vorteil moderner Verbände ist, dass sie nicht täglich gewechselt werden müssen. „Das soll aber nicht dazu verleiten, nur die Wunde zu behandeln, ohne der Ursache auf den Grund zu gehen“, betont Trautinger.

In der Behandlung von venösen Beingeschwüren hat neben der Reinigung und Versorgung der Wunde die Kompressionsbehandlung weiterhin hohen Stellenwert, die laut Trautinger „viel zu wenig angewendet wird.“

Die regelmäßige ärztliche Kontrolle nach Abschluss der Behandlung ist ebenfalls wichtig, weil ein hoher Anteil der Patienten sehr lange unter chronischen Wunden – etwa ein bis fünf Jahre – leidet und viele wiederholt daran erkranken.

Risikogruppen – Patienten mit Gefäßerkrankungen und Diabetikern– sollten neben einem gesunden Lebensstil, Reduktion von Risikofaktoren, Medikamenten und mehr Bewegung auch auf eine gute Fußpflege achten und Druckstellen an den Füßen vermeiden.

„Häufig werden chronische Wunden an den Füßen von älteren Menschen aufgrund ihrer eingeschränkten Gelenkigkeit nicht rechtzeitig bemerkt. Oft trauen sich ältere Menschen auch nicht den Schmerz anzusprechen“, so Trautinger. Die Gefahr einer Wundinfektion ist besonders bei Diabetikern groß. Warnzeichen sind zunehmende Schmerzen, Rötung und Schwellung, vermehrtes Wundsekret und Fieber. In diesem Fall muss sofort ein Arzt aufgesucht werden.

GFÖ-Geschäftsführer Mag. Marcus Wilding, ergänzt: „Es ist ganz wichtig, dass auch Familienmitglieder dafür ein Auge haben, denn sehr oft wird eine nicht heilende Wunde verdrängt. Es könnte durchaus sein, dass die Oma oder der Opa klagen, dass sie über einen längeren Zeitraum hinweg nur schlecht gehen können. Dann sollte man eben genauer nachfragen und nachschauen, woran das liegt.“

Aber auch junge Patienten mit einer Tendenz zu Varizen oder Thrombosen sind der Gefahr eines Ulcus cruris ausgesetzt und sollten regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung gehen.

Gefäßforum Österreich

Das Gefäßforum Österreich (GFÖ) wurde im April 2011 als gemeinnütziger Verein gegründet. Gründungsanlass war die besorgniserregende und dramatische Zunahme an Gefäßerkrankungen in Österreich. Das GFÖ sieht es daher als seine Aufgabe „Bewusstsein in der Bevölkerung für meist sehr gut behandelbare Gefäßerkrankungen zu schaffen“, so Wilding.

Die erste Kampagne zum Thema „Bauchaortenaneurysma“ war ein großer Erfolg, wie Wilding berichtet: „Über 700 Menschen kamen zum Screening, die Fallrate hat sich seither um 30 Prozent gesteigert.“

Trotz Start der neuen Kampagne zu chronischen Wunden ist die Aktion „Aortenaneurysma“ noch nicht zu Ende: Weitere Aneurysmen-Beratungs- und Screeningtage werden vom 29. Oktober bis 2. November in Gefäßambulanzen in Wien, Niederösterreich, Oberösterreich, Kärnten, in der Steiermark und im Burgenland angeboten.

Weitere Informationen: http://www.gefaessforum.at

Pressegespräch „Volksleiden ‚Chronische Wunde‘ - Gefäßforum Österreich startet neue Gesundheitskampagne“, Wien, 16. Oktober 2012

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