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Allgemeinmedizin 30. Juni 2005

Wenn der Arzt den Patienten braucht

In der Versorgungsmedizin braucht der Patient den Arzt. Beim medizinischen Experiment ist dieses Verhältnis gerade auf den Kopf gestellt: Der Arzt braucht den Patienten, nämlich als Versuchsperson. Heute kommt das uns selbstverständlich vor, hat aber gar keine lange Tradition, wie PD. Dr. Giovanni Maio, Zentrum für Ethik und Recht in der Medizin, Freiburg, Deutschland, beim Symposium des Österreichischen Grünen Kreuzes für Vorsorgemedizin in Salzburg ausführte.

Bis ins 19. Jahrhundert fühlte sich der Arzt nur für jene Krankheiten zuständig, die nach damaligen Verständnis auch als heilbar galten. Erst mit dem Aufkommen der Bakteriologie kam es dann zu einem Paradigmenwechsel in der Medizin: Der Arzt sah nun seine Aufgabe auch darin, zu forschen, nach Kausalitäten von Krankheiten zu suchen, mit dem erklärten Ziel, Leben zu retten und den Tod nicht länger als gottgegeben hinzunehmen. 

Wonach die Medizin forscht, unterliegt weitgehend dem Zeitgeist - oder "Modeströmungen", wie Maio es nannte. In den Siebzigerjahren suchte man nach Krankheitsursachen in sozialen Missständen, heute konzentriert sich das Interesse auf die Genetik. Auf jeden hoffnungsvollen Aufschwung folgte allerdings bisher in der Geschichte der Medizin zuverlässig die Enttäuschung, das heißt, der erwartete Durchbruch blieb jedesmal aus.

Bewusstseinswandel in der Forschung

"Der historische Blick sollte uns helfen, auch aktuelle Modeströmungen mit einer gewissen Skepsis zu betrachten", so Maio.
Das aktuelle Forschungsförderungsprogramm der EU zielt vor allem auf die Embryonenforschung. Auch in diesem Bereich erkennt der Freiburger Medizinhistoriker einen Bewusstseinswandel: "Vor zehn Jahren wäre diese Forschung nur denkbar gewesen, wenn sie eine Hilfe für die Embryonen verspricht. Heute wird sie dagegen fremdnützig betrieben: Man erhofft sich von ihr neue Erkenntnisse etwa zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit."
Bei jeder klinischen Studie ist der mögliche Nutzen gegen das Risiko abzuwägen. Vor hundert Jahren traf diese Entscheidung allein der Arzt, heute befinden Ethikkommissionen über die jeweilige Forschungsvorhaben, dabei sind die vom Weltärztebund in der Helsinki-Deklaration festgelegten Grundsätze für die ärztliche Forschung am Menschen allgemein gültige Richtlinie.

Medizinische Versorgung durch Studien

Allein in den USA werden pro Jahr mehr als 60.000 klinische Studien durchgeführt, mit bis zu 6 Millionen Versuchspersonen. Wie Prof. Dr. Holger Baumgartner, Ethikkommission der Medizinischen Fakultät der Universität Innsbruck, ausführte, stellen die Studien für viele Patienten eine wertvolle Möglichkeit dar, überhaupt eine medizinische Behandlung zu bekommen - sind in den USA doch 40 Millionen Menschen nicht versichert und 50 Millionen unterversichert. 

Diese Problematik besteht bei uns nicht. "Besorgniserregend" findet Baumgartner dagegen den Einfluss der Industrie auf biomedizinische Forschung, und das weltweit. Wer das Geld hat, hat die Macht - und unabhängige Forschung bleibt dabei oft genug auf der Strecke. Baumgartner: "Auch dem New England Journal of Medicine fällt es bereits schwer, Fachexperten ohne Industriebeziehungen für objektive Stellungnahmen zu finden." Es kommt auch immer wieder vor, dass Sponsoren verhindern, dass "negative" Studienergebnisse veröffentlicht werden. Für Baumgartner ein unhaltbarer Zustand, sei man v?llige Ehrlichkeit doch schon allein den Versuchspersonen, diesen "unbekannten Helden der Forschung", schuldig und ohnehin seien wissenschaftliche Ergebnisse "Teil des Wissenschatzes der Menschheit". 

Wahrhaftigkeit und Offenheit

Prof. Dr. Günter Virt, Institut für Ethik und Recht in der Medizin, hinterfragte überhaupt die "Negativ"-Konnotation. Gewiss, ein unerwünschtes Ergebnis könnte kurzfristig einen finanziellen Schaden für die involvierte Firma bedeuten. Doch insgesamt überwiege der Nutzen: Gesundheitlicher Schaden würde von den Patienten genommen, ökonomischer Schaden auch von der Öffentlichkeit und den Firmen. Daher sein Appell an die Wissenschaftler, sich nicht nur "zur Wahrhaftigkeit, sondern auch zur Offenheit" zu verpflichten.

Wenzel Müller, Ärzte Woche

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