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Allgemeinmedizin 30. Juni 2005

Krebs weiter auf dem Vormarsch?

Noch vor 100 Jahren zählte Krebs mit einem Anteil von etwa vier Prozent zu den eher seltenen Todesursachen in Österreich, erklärte Prof. Dr. Christian Vutuc, Vorstand der epidemiologischen Abteilung des Institutes für Krebsforschung der Universität Wien, auf dem 2. Weltkongress zur Männergesundheit. Damals, so der Epidemiologe, starben jährlich etwa 80.000 Menschen bei einer Bevölkerung von sechs Millionen. Fünfzig Jahre später stand die Todesursache "Krebs" schon auf 17 Prozent der ausgestellten Todesscheine - um 1950 etwa 44.000 jährlich. 

"Im vergangenen Jahr", so Vutuc, "starben in Österreich 28 Prozent von insgesamt 34.500 Menschen an Krebs." Eine bedenkliche Entwicklung? Hauptursache für den wachsenden Anteil pathologisch wuchernden Gewebes bei den diagnostizierten Todesursachen ist eine im Grunde recht erfreuliche: Die Lebenserwartung ist innerhalb des zurückliegenden Jahrhunderts fast auf das Doppelte gestiegen. Wurden Männer um 1900 im Durchschnitt etwa 41 Jahre alt, so können sie sich heute auf im Schnitt 75 Jahre freuen.

Krebs gehört bekanntermaßen zu den Erkrankungen im höheren Alter - am Anfang des letzten Jahrhunderts verbreitete Todesursachen wie Tuberkulose und andere Infektionskrankheiten traten zumeist in jüngeren Altersgruppen auf und führten viel zeitiger zum Tod. Insofern also eine durchaus positive Entwicklung. Allerdings wird, so warnt Vutuc, das Problem der Alterserkrankungen in den kommenden Jahren massiv zunehmen. Im Jahr 2000 lebten in Österreich 678.300 Menschen über 60. Prognosen prophezeien für 2010 etwa 23 Prozent, für 2020 knappe 50 Prozent und für das Jahr 2030 stattliche 86 Prozent Zuwachs in dieser Altersgruppe. In dreißig Jahren werden höchstwahrscheinlich knapp 1,3 Millionen Menschen im sechsten oder höheren Dezennium in Österreich leben.

Die Verteilung der Inzidenzen unterschiedlicher Krebsarten lasse sich aus epidemiologischer Sicht nur relativ schwer interpretieren. An erster Stelle liegt - mit einem Anteil von etwa 23 Prozent - der Prostata-Krebs, gefolgt vom Lungenkarzinom - 16 Prozent. "Dass Prostata-Karzinome im Verhältnis zu anderen Krebsarten so viel häufiger auftreten, ist allerdings artefiziell", warnt Vutuc. "Nach Prostata-Krebs wird heute ja fast flächendeckend gescreent."

In der Mortalitätsstatistik führt mit knapp einem Viertel aller männlichen Krebstoten noch immer das Lungen-Karzinom. Immerhin ist der Anteil des Lungenkrebses bei Männern in den vergangenen Jahren weiter gesunken - vermutlich dank sinkenden Zigarettenkonsums seit den 70er-Jahren. Frauen hingegen rauchen zunehmend häufiger. "Das Lungen-Ca wird in den kommenden Jahren auch bei Frauen den ersten Platz in der Krebsstatistik erobern", prophezeite Vutuc. Ein internationales Phänomen: Die Inzidenz von Magen-Krebs nimmt immer weiter ab. Eine schlüssige Erklärung fehlt bis heute.

Kritik an Krebs-Screening

Insgesamt sei die Krebsmortalität im Laufe der letzten 20 Jahre leicht gefallen. Vutuc wertete diese Beobachtung als Ausdruck für verbesserte Therapiemöglichkeiten.Kritisch äußerte sich der Wiener Epidemiologe über den Effekt von Krebs-Screening-Methoden. Oft seien solche Methoden nicht geeignet, zwischen gefährlichen, aggressiven und langsam wachsenden Tumoren zu unterscheiden. Lange und intensive Behandlungen seien die Folge, ohne einen lebensverlängernden Effekt zu haben. "So generieren wir Mortalität", sagte Vutuc. "Wenn jährlich 26.000 Patienten ein Prostata-Karzinom entwickeln und pro Patient etwa zehn Tests zur Diagnostik nötig sind, dann sind bei 1,1 Millionen Tests, die in Österreich pro Jahr verbraucht werden, 700.000 Tests überflüssig. Diese Politik nützt Ärzten für die eigene Abrechnung und Firmen, die die Tests verkaufen. Aber ob es den Patienten hilft, ist fraglich." 

Seine Forderung: Kontrollierte Studien über den Effekt von Screening-Untersuchungen, wie sie das Krebsforschungsinstitut im Burgenland für die Vorsorge-Untersuchung gegen Kolon-Karzinome begonnen hat. In einigen Jahren, so hofft Vutuc, werde er den Unterschied zwischen gescreenten und nicht gescreenten Menschen bewerten können. "Ohne solche Vergleiche ist es aus epidemiologischer Sicht sehr fragwürdig, Screening-Untersuchungen kritiklos zu bewerben", so Vutuc.

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