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Prof. Dr. Ulrich Maier, Ärzte Woche 28/2003

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Allgemeinmedizin 30. Juni 2005

Die Hormone des alternden Mannes

In den vergangenen drei Jahren hat unter dem Stichwort "Anti-Aging-Medicine" vor allem die Frage der Hormonsupplementierung beim alternden Mann breiten Raum in der Öffentlichkeit eingenommen. Es vergeht kaum eine Woche, wo nicht in einer Tageszeitung oder in einem populär-wissenschaftlichen Journal dieses Thema angesprochen wird. Dafür gibt es einige Gründe:

  1. Das finanzielle Potenzial des alternden Menschen (50-65 Jahre) ist wohl das Größte, das derzeit am Markt verfügbar ist.
  2. Das durch viel Öffentlichkeitsarbeit geförderte und gestiegene Gesundheitsbewusstsein.
  3. Die Profilierungsneurose einiger selbst oder durch die Medien ernannter "Hormonpäpste", welche sich 
  4. auf die kaum vorhandene Datenlage der klinischen Sinnhaftigkeit einer Hormontherapie beim Mann stützen.

Es ist einerseits ein Faktum, dass die Menopause in einem Stopp der weiblichen Hormonproduktion definiert ist und eine diesbezügliche Hormonersatztherapie eine Verbesserung des subjektiven Wohlbefindens bringen kann, wobei aber auch in großen Studien die Gefahr des Mammakarzinoms durch diese Behandlung nicht auszuschließen ist.

Werbewirksame Schlagworte

Völlig anders verhält sich die Situation beim alternden Mann. Die werbewirksam eingeführten Schlagworte wie "Klimakterium virile" oder "Andropause" widersprechen jeglicher wissenschaftlichen Definition, werden aber trotzdem immer noch als Aufhänger für pseudowissenschaftliche Artikel benutzt.
In zunehmendem Alter kommt es auch beim Mann zur Veränderung der Steroidhormonspiegel, wobei Testosteron, freies Testosteron, Dehydroepiandrosteron (DHEA) und Wachstumshormon (GH) durch einen Abfall der jeweiligen Hormonspiegel und FSH, LH und Sexual Hormon Bindendes Globulin (SHBG) durch einen Anstieg desselben gekennzeichnet sind, während Dihydrotestosteron (DHT), Östradiol und das Prolaktin in etwa gleich bleiben. Man sollte daher nicht vom "Partiellen Androgendefizit des Alternden Mannes (PADAM)", sondern insgesamt von "Partiellen Endokrinen Veränderungen des Alternden Mannes" (PEVAM)" sprechen. 

Die in Tabelle 1 (siehe unten) aufgezeigten hormonellen Veränderungen bei Männern sind derzeit anerkannte Richtwerte und sollten hier nicht diskutiert werden. Wichtig wäre zu wissen, ob die klinische Symptomatik, die beim alternden Mann bekannt ist - Zunahme des Fettgewebes, Abnahme der Muskelmasse, Leistungsschwäche, Verlust der Libido und kognitiver Funktionen, Nachlassen der Erektionsfähigkeit, Depression, Müdigkeit usw. -, eine allgemeine Folge des Alterungsprozesses oder Folge einer verminderten Hormonproduktion ist, und wenn ja, ob durch Supplementierung eine zufriedenstellende Therapie möglich ist, ohne dass die Nebenwirkungen eine Belastung darstellen beziehungsweise die Risken einer Malignomentstehung erhöht sind. 

Auf Grund der jüngsten Studien hat sich herausgestellt, dass zirka 20-25 Prozent der alternden beziehungsweise alten Männer (60-80. Lebensjahr) an einem Hormondefizit - gemessen an Hand der derzeitigen Normwerte - leiden. Vieles weist darauf hin, dass die Beschwerden dieser Männer durch Gewichtsreduktion und körperliche Betätigung genauso positiv beeinflusst werden können wie durch eine Hormonsupplementationstherapie. Auch wenn heute bei einem alternden Mann ein erniedrigter Testosteronwert, sei es nun freies oder Gesamttestosteron, nachgewiesen wird, muss dies noch keine Aussage über einen eventuellen pathologischen Befund sein, da ja in keinem Fall bekannt ist, welchen Testosteronwert dieser Mann vor 30 Jahren hatte.

Drei Hormone kommen in Frage

Zum derzeitigen Zeitpunkt stellen sich nur drei Hormone der Frage einer Supplementierung im Alter: Testosteron, Wachstumshormon und DHEA, wobei nur das DHEA in einem finanziell erträglichen Kostenaufwand korrekt substituiert werden kann. Bei Testosteron ist die Supplementierung oral schwierig; Pflaster sind out, Gele sind derzeit in Österreich noch nicht verfügbar. Implantate sind nur auf Anforderung zu bestellen und müssen in einer kleinen Operation implantiert werden, halten dann aber fünf Monate (eine Unterbrechung der Wirkung ist in diesem Zeitraum nicht möglich). Die intramuskuläre Injektion bringt rasch einen supraphysiologischen Spiegel, welcher bald in subphysiologische Werte abfällt.
Die Kosten für eine GH-Therapie stehen derzeit mit ?800,-/Monat wohl nur einer speziellen Patientenklientel zur Verfügung. 

Abgesehen von den doch beträchtlichen Kurzzeitnebenwirkungen (Ödeme, Gelenksschmerzen) ist über die Langzeiteffekte noch nichts bekannt.Bei keiner dieser Substitutionstherapien gibt es große, randomisierte Studien, die eine Wirkung beweisen. Das DHEA wirkt maximal auf die Befindlichkeit des alternden Mannes positiv. Zum heutigen Zeitpunkt ist anzuraten, bei Männern, die Symptome des Alterns zeigen, wie sie oben aufgezählt wurden, einen Serumhormonspiegel zu bestimmen und bei Defizit eine Hormonersatztherapie unter strenger Kontrolle der klinischen Parameter durchzuführen. Zeigt diese in 6-12 Monaten keinen Erfolg, so ist die Therapie abzubrechen. 
    

Tabelle 1: Hormonveränderung des alternden Mannes

               Hormon

Prozent pro Jahr

ABFALL  Testosteron
freies Testosteron
Dehydroepiandrosteron
GH

0,4
1,2
3,1
1,4

ANSTIEG FSH 
LH
SHBG

1,9 
1,3
1,2

KONSTANTE Dihydrotestosteron
Östradiol
Prolaktin


Prof. Dr. Ulrich Maier, Urologische Abteilung und Ludwig Boltzmanninstitut für urologische Onkologie,Donauspital Wien

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