zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 30. Juni 2005

Gentherapie - Hoffnung bei erektiler Dysfunktion

Orlando. Nach neuen Therapien für Männer mit erektiler Dysfunktion (ED) wird intensiv geforscht. So befinden sich einige viel versprechende Arzneimittel in der Entwicklung, die teilweise über entsprechende Zentren im Gehirn wirken sollen, teilweise peripher. Außerdem hat die Gentherapie bereits im Tierversuch funktioniert. Auch die Züchtung körpereigenen Schwellkörpergewebes wird intensiv erforscht.

Zunächst wird der Phosphodiesterase-5-(PDE-5)-Hemmer Sildenafil  voraussichtlich im nächsten Jahr Konkurrenz von zwei weiteren PDE-5-Antagonisten bekommen. Vardenafil und Tadalafil haben sich in den Zulassungsstudien als ähnlich wirksam erwiesen wie Sildenafil: Etwa 70 bis 75 Prozent der Männer mit ED erreichten eine ausreichend stabile Erektion, wie der Androloge Prof. Dr. Hartmut Porst aus Hamburg während eines internationalen Urologenkongresses in Orlando im US-Staat Florida meinte. Unklar sei, wie sich Unterschiede bei der Geschwindigkeit des Wirkeintritts, der Wirkdauer und den unerwünschten Effekten, etwa dem Blauschleier-Sehen, in der praktischen Anwendung auswirkten. Direkte Vergleichsstudien gibt es bislang nicht.

Als eine der ermutigendsten Entwicklungen bezeichnet Porst die Melanocortin-Rezeptor-Agonisten. Dass im Gehirn Melanocortin-Rezeptoren die Erektion nachhaltig beeinflussen, ist relativ neu. Möglicherweise sei diese Rezeptorgruppe wichtiger für die Erektion als es die Dopamin-Rezeptoren sind, über die ja Apomorphin wirkt, so Porst. Derzeit liefen mehrere Studien mit nichtselektiven und selektiven Melanocortin-Rezeptor-Agonisten, die auch als Nasenspray, zunächst gegen Adipositas, entwickelt werden. Weitere zentral wirkende Substanzen, die derzeit bei ED klinisch geprüft werden, sind ein selektiver Dopamin- und ein Serotonin-Agonist.

Bei den peripher wirkenden Potenz-Mitteln seien die Guanylatzyklase-Aktivatoren interessant. Nach Angaben von Porst kommen diese Substanzen jetzt in die klinische Testphase. Die Aktivatoren könnten eine ideale Ergänzung zu den PDE-5-Hemmern sein. Beide Substanzklassen fördern die Produktion des Botenstoffs cGMP (zyklisches Guanosin-Monophosphat), das die Schwellkörpermuskulatur entspannt. Dabei blockieren die PDE-5-Hemmer den Abbau von cGMP; die Guanylatzyklase-Aktivatoren fördern die cGMP-Synthese - die Kombination drängt sich daher geradezu auf.

Großes Interesse an neuem Hemmstoff für ein Enzym

Als "vielleicht interessanteste Substanz" bezeichnet Porst die noch in präklinischer Entwicklung befindlichen Rho-Kinase-Hemmer. Das Enzym Rho-Kinase erhöht den Gehalt an Phosphat-Gruppen im Myosin. Dies aktiviert dieses Protein. Es bindet an Aktin-Fibrillen und kontrahiert diese. In-vitro-Versuche mit menschlichem Schwellkörpergewebe hätten ergeben, dass dieser Enzymhemmer auch bei ED-Patienten wirkt, die auf Sildenafil nicht ansprechen. 

Die Rho-Kinase fördert die Kontraktion der glatten Penismuskulatur. Die Konzentration des Enzyms ist besonders bei Hypertonie, welche oft mit ED vergesellschaftet ist, erhöht. Die Hemmung des Enzyms führte bei hypertensiven Nagern zu signifikant besseren Erektionen als bei Tieren mit normalem Blutdruck, hieß es in Orlando. Eine Option für Hochdruck-Patienten mit ED?

Schwellkörperprothesen aus eigenen Zellen

Schwellkörperprothesen aus körpereigenen Zellen - so sieht die Zukunft der ED-Therapie für Forscher an der Harvard Medical School in Boston im US-Staat Massachusetts aus. Ihnen ist es gelungen, bei Tieren Schwellkörper- und anderes Penis-Gewebe zu züchten. Vorteil: Abstoßungsreaktionen, wie bei synthetischen Schwellkörperprothesen dürften bei Verwendung gezüchteter körpereigener Zellen auszuschließen sein. Auch die Gentherapie bei ED hat im Tierversuch schon geklappt, wie Dr. Arnold Melman aus New York berichtet hat. Er injizierte Ratten humanes maxi-K-Gen, das Gen für einen Kaliumionenkanal, in die Penis-Muskulatur: Der intrakorporale Druck stieg nach nervaler Stimulation signifikant. Andere Organsysteme seien durch die Gentherapie nicht beeinflusst worden, so Melman.

Melman hält diese Therapie-Option besonders bei altersbedingter ED für geeignet, da bei alten Menschen die Zahl der Kaliumkanäle in der Penis-Muskulatur abnimmt. Der Alterungsprozess werde de facto rückgängig gemacht, so Melman.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben