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Allgemeinmedizin 30. Juni 2005

Die erektile Dysfunktion als Chance

Herr Professor Meryn, heuer hat in Wien bereits der zweite Weltkongress für Männergesundheit, WCMH, dessen Initiator und Präsident Sie sind, stattgefunden. Wie ist er aus Ihrer Sicht gelaufen?

Meryn: Auch der zweite Kongress war ein großartiger Erfolg und zwar in mehrfacher Hinsicht. Erstens weil er gemeinsam mit den angesehensten Fachgesellschaften der Welt veranstaltet wurde - mit der WHO, WONCA, dem Weltverband der Allgemeinmediziner, der Europäischen Gesellschaft für Urologie und vielen namhaften Organisationen mehr. Die Namen im Programm lesen sich wie das Who is Who der Welturologie. Es war jedoch nicht nur ein qualitativer Erfolg, sondern auch ein zählbarer, denn wir konnten die Teilnehmerzahl mit 700 Besuchern aus 72 Ländern im Vergleich zum letzten Jahr fast verdoppeln.

Ein weiterer Aspekt des Erfolges war die Anwesenheit vieler Men’s Health Networks, aus fast allen Kontinenten. Selbst die internationale Presse - es waren 65 Journalisten anwesend - hat uns ein vielbeachtetes mediales Echo gewährt. Wir haben erreicht, dass die zuständigen Organisationen weltweit an einem Strang ziehen und die Men’s Health Week, die bisher global zu den verschiedensten Zeiten ausgerufen wurde, nun synchron in der zweiten Juniwoche 2003 stattfindet. Anhand all dieser Dinge kann ersehen werden, wie groß mittlerweile die Reputation des WCMH ist.

Im British Medical Journal haben Sie vor einem Jahr geschrieben, dass der Mann vom Aussterben bedroht ist. Diese Aussage hat weltweit hohe Wellen geschlagen. Steht der Mann noch immer auf der "Roten Liste"?

Meryn: Diese Aussage wurde bewusst so plakativ gewählt. Dadurch ist es uns gelungen, das Problembewusstsein innerhalb eines Jahres enorm wachsen zu lassen. Auch heuer kann ich etwas provokativ hinzufügen: männlich, jung und tot. Denn vor dem 20. Lebensjahr sterben maskuline Kinder häufiger an plötzlichem Kindstod, Krebs, Suiziden, Unfällen und anderen gewaltsamen Todesarten. Dies setzt sich dann auch in Morbiditäts- und Mortalitätsraten im Erwachsenenalter fort. Wir sollten uns wirklich fragen, ob Männer nicht das eigentlich schwächere Geschlecht sind!

Aber rückt die Männermedizin nicht wieder Männer in den Mittelpunkt und ignoriert die Frauen?

Meryn: Natürlich gibt es undifferenzierte Stimmen, die sagen, Männer sind ohnehin so dominant - wozu sie einmal mehr auf ein Podest stellen? Aber es handelt sich hier nicht um Männer- oder Frauengesundheit, die Überschrift sollte lauten: geschlechtssensible Medizin. Denn wie die Wissenschaft schon längst erkannt hat, gibt es nicht nur Unterschiede in der Behandlung von alten und jungen Menschen, sondern auch genderspezifische Behandlungsnuancen. 

Dabei spielen nicht nur metabolische und hormonelle, sondern auch soziokulturelle Ungleichheiten eine wichtige Rolle. So sind beispielsweise selbst die Symptome beim akuten Herzinfarkt bei Mann und Frau anders geartet. Auch eine Behandlung mit Streptokinase sollte unterschiedlich dosiert werden. Depressionen werden bei Männern kaum erkannt, da teilweise mit Fragebögen gearbeitet wird, die für Frauen zugeschnitten sind. Die Folge: 80 Prozent aller Selbstmorde werden vom "starken Geschlecht" begangen. Daher möchte ich ganz besonders betonen, dass wir versuchen müssen, zum Wohle der Patienten miteinander diese Unterschiede verstehen zu lernen und in die tägliche Praxis einzubringen. Wir müssen uns endlich von den Klischees lösen, Männergesundheit ist nur Erektion und Frauengesundheit wechselbedingte Hormongabe! 

Wichtig scheint mir, dass wir im Entwicklungsprozess nicht früh genug anfangen können, auf genderspezifische Unterschiede einzugehen. Daher hieß das Thema des diesjährigen Kongresses "From Boys to Men". Dabei wurde auch über den Umgang mit der Sexualität gesprochen. Während junge Mädchen bei diesem Thema viel eher den Kontakt mit der Mutter suchen und finden, bleiben Burschen oft alleine mit ihren Problemen. Zum Glück gab es in den vergangenen Jahren sehr viel Bemühungen, jungen Frauen mit diversen Einrichtungen zu helfen. Dies zeigt auch schon Wirkung: Die adoleszente Frau von heute ist aufgeklärt und geht mit durchschnittlichen 16 Jahren zum ersten Mal zum Gynäkologen. Und wann geht der junge Mann ohne Krankheitszeichen das erste Mal zum Arzt? Bei der Stellungsuntersuchung beim Bundesheer! Und danach sieht man ihn typischerweise erst wieder nach einem Sportunfall...

Es ist also ein schwieriges Unterfangen, den vermeintlich gesunden Mann zum Arztbesuch zu bewegen. Was gibt es da für Ideen?

Meryn: Da geht jeder Kontinent und Kulturkreis verschiedene Wege. In Australien versucht man zum Beispiel via Fernsehspots den Mann auf den typisch männlich besetzten Domänen abzuholen, ganz nach dem Motto: "Deinen Wagen bringst du zum 10.000 km-Service - was ist mit dir?" In England wird auf junge Männer mit Hilfe von Videoclips eingewirkt, in den USA geschieht dies via Internet. Und natürlich geht auch viel über die Frauen, denn noch immer werden zahlreiche Männer von ihren Müttern und Partnerinnen zum Arzt geschickt. 

In Österreich veranstalten wir Männergesundheitstage, wie jener im Wiener Rathaus, wo uns allein an einem Wochenende 40.000 Männer besucht haben. Aber ein ganz besonders wichtiges Thema, bei dem man die Männer erreichen kann, ist die sexuelle Gesundheit. Die Pille war die erste sexuelle Revolution, Viagra die zweite. Schließlich werden wieder Tabuthemen angesprochen und die erektile Dysfunktion ist wesentlich, denn sie ist endlich wieder ein Grund, warum Männer abermals in der ärztlichen Praxis erscheinen. Sie gehen hin, um sich eine Potenzpille zu holen, halten sich aber sonst für völlig gesund. Bei einem Großteil werden dann Hypertonie, Diabetes, kardiovaskuläre Probleme oder sogar Prostatakarzinome diagnostiziert. So gesehen ist die erektile Dysfunktion eine Gesundheitschance des Mannes! Und hier appelliere ich an alle Kollegen, diese Störung nicht nur durch eine Potenzpille zu beheben, sondern sie zu einem allumfassenden Gesundheits-Check zu nützen. Und ganz besonders wichtig scheint mir, sowohl männliche als auch weibliche Patienten aktiv in puncto sexueller Gesundheit anzusprechen, denn dies wird von uns allen zu wenig gemacht. 

Was tut sich auf dem Gebiet der Männergesundheit in Österreich? 

Meryn: Natürlich gibt es enge Verflechtungen zwischen internationalem Tun und Tätigkeiten im lokalen Bereich. Aber es gibt Unterschiede zwischen der Organisation des WCMH, welche einen wissenschaftlichen, akademischen Überbau hat, und nationaler Aufklärungsarbeit. Und viele erfahrene Praktiker befassen sich zwar mit den Studien, wissen aber ohnehin schon aus ihrer langjährigen Berufspraxis Bescheid und können auch ohne Tipps von außen auf ihre männlichen Patienten eingehen. Die haben das sozusagen schon im G?pür gehabt und jetzt liefert ihnen die Wissenschaft die Beweise dafür. Aber durch unsere Arbeit wächst auch das Bewusstsein in der Bevölkerung und erleichtert den niedergelassenen Ärzten ihre Arbeit.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Meryn: Ich wünsche mir, dass die Politik sensibler und verständnisvoller auf Probleme im Gesundheitsbereich und auf die Bemühungen der österreichischen Ärztekammer reagiert. Wir müssen mit den Menschen einen offenen, ehrlichen Dialog führen und klar darlegen, dass die Kosten unseres Gesundheitssystems steigen, weil die Medizin zum Glück immer besser wird. Und ich würde befürworten, dass Alkohol- und Tabaksteuer direkt dem Gesundheitswesen zukommen, um mit diesen Mitteln etwas mehr für die Vorsorge zu tun. Weiters hoffe ich, dass geschlechtsspezifische Medizin in naher Zukunft eine Selbstverständlichkeit für alle wird.

Vielen Dank für das Gespräch! 

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