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Allgemeinmedizin 30. Juni 2005

Wenn Männer depressiv werden

"Die verbreiteten diagnostischen Leitfäden ICD10 und DSM IV enthalten noch keine Kriterien zur Diagnose der männlichen Depression", so Prof. Dr. Siegfried Kasper, Vorstand der Abteilung für Allgemeine Psychiatrie der Universitätsklinik für Psychiatrie. Männer erkranken nur etwa halb so oft wie Frauen an Depressionen. Dann leiden sie zwar, so Kasper, ebenso wie Frauen an den depressiven Leitsymptomen wie schlechter Konzentration, mangelnder Energie im Alltag, Schlafstörungen und depressiver Stimmung. 

Anders als Frauen sind Männer im Rahmen einer Depression aber oft verärgert, leicht reizbar, irritierbar und aggressiv. Sie tolerieren in dieser Situation Belastungen und Stress viel schlechter als üblich, neigen dazu, Schuldvorwürfe zu verteilen und ihre Aggressionen auszuleben - in Extremfällen bis hin zu antisozialem Benehmen. Oft nimmt die Risikobereitschaft zu - dies schlägt sich möglicherweise auch in den höheren von Männern verursachten Unfallzahlen nieder. 

Um Spannungen zu lösen, greifen Männer leichter zu Alkohol oder anderen Drogen - der Beginn einer langjährigen Abhängigkeit oder eines Substanzmissbrauchs liegt nicht selten in immer wiederkehrenden depressiven Phasen. Traten auch in der Familie, bei Eltern oder Geschwistern eines Patienten ähnliche Probleme auf, so steigt sein Risiko, selbst eine Depression zu entwickeln.

Könnten veränderte Testosteronspiegel für die Entwicklung der Erkrankung mit verantwortlich sein? Einige Beobachtungen wiesen erniedrigte Spiegel während depressiver Phasen nach. In Studien fanden sich später allerdings keine Unterschiede zwischen den gemessenen Depressions-Scores bei Substitution von Testosteron gegenüber Placebo. "Aggressivität und Impulsivität deutet ja auch eher auf hohe Testosteronspiegel hin", sagte Kasper.

Während der Erkrankung treten, so beschrieb Dr. Dietmar Winkler, Assistenzarzt an der Universitätsklinik für Psychiatrie, bei Männern regelrechte "Ärger-Attacken" auf Phasen, während denen die Patienten ihren Ärger und Zorn als etwas Fremdes, nicht eigentlich zu ihnen Gehörendes erleben. Mitunter beginnen die Betroffenen in diesen Situationen heftig zu schwitzen, zu zittern, fühlen einen beschleunigten Herzschlag, geraten in Atemnot.

Häufige Selbsttötungen

Wie viele depressive Patientinnen können auch Männer in ihrer Krankheit jede Hoffnung verlieren und versuchen, sich das Leben zu nehmen. Allerdings gelingen solche Versuche Männern im Unterschied zu Frauen etwa doppelt so häufig. Die Suizidstatistiken belegen, dass Suizidversuche in beiden Geschlechtern etwa gleich häufig, Selbsttötungen aber beim starken Geschlecht gehäuft vorkommen. Mit steigendem Alter klafft die Schere immer weiter auseinander. Je älter ein depressiver Mann ist, desto größer sein Risiko, dem eigenen Leben ein Ende zu setzen.

Einen weiteren geschlechtsspezifischen Unterschied können Wissenschaftler belegen: Männer mit Depression gehen viel seltener zum Arzt, suchen die Ursachen für ihre Problematik in äußeren Umständen oder äußern lieber physische Symptome, die dem Behandler als hypochondrisch übersteigert vorkommen und halten sich hinsichtlich der psychischen Problematik eher bedeckt. Allerdings hat ein Fünftel aller Patienten, die sich später das Leben nahmen, vorher noch einen Arzt aufgesucht, 40 Prozent sahen ihren Behandler in der letzten Woche vor ihrem Suizid, 70 Prozent besuchten ihn im zurückliegenden Monat.

Die Depression beim Mann - wie auch bei der Frau, hier gibt es keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern - lässt sich sehr erfolgreich mit Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern (SSRI) behandeln. Auch Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer (SNRI) können zum Einsatz kommen. Damit Patienten die Therapie auch befolgen, sollte unbedingt ein Blick auf mögliche Nebenwirkungen des Medikamentes die Wahl beeinflussen. Ältere trizyklische Antidepressiva können Blutdruck und Herzrhythmus beeinträchtigen. Wie Serotonin-Agonisten können sie den Patienten durch ihre sedierende Wirkung beeinträchtigen. 

Ein bedeutsames Problem für viele Betroffene stellen Nebenwirkungen wie erektile Dysfunktionen, Ejakulationsstörungen oder Libidoverlust dar, die den Patienten häufig dazu veranlassen, die Medikamente schnell wieder - zu früh - abzusetzen. Vorsicht ist auch bei Trizyklika im Alter geboten, denn sie können bei beginnender Demenz Denk- und Gedächtnisleistungen deutlich beeinträchtigen. Über die medikamentöse Behandlung hinaus verbessert eine psychotherapeutische Behandlung in der Akut- wie auch der anschließenden Rekonvaleszenzphase die langfristigen Heilungschancen. Dabei sind Männer im Unterschied zu Frauen einer Psychotherapie gegenüber meist viel weniger aufgeschlossen - eine gute Motivation durch den behandelnden Arzt und Unterstützung beim Suchen entsprechender Angebote kann hier sehr hilfreich sein. Denn die Kombination aus medikamentöser und psychotherapeutischer Behandlung zeitigt mit Abstand größere Erfolge als nur eine der beiden Hilfsmaßnahmen allein.

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