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Allgemeinmedizin 12. April 2006

Alternde Männer und die Hormone

"Das Ziel ist nicht die Verlängerung der Lebenserwartung, sondern die Verkürzung des Siechtums" (Zitat von Lunenfeld, Endokrinologe)

Erreichten noch 1840 nur 50 Prozent der männlichen Bevölkerung das fünfzigste Lebensjahr, so ist in den vergangenen Jahrzehnten eine kontinuierliche Zunahme der durchschnittlichen Lebenserwartung auch bei den Männern zu verzeichnen. 1990 hatten 90 Prozent der Männer eine Lebenserwartung über 60 Jahre. Auf die Gesamtbevölkerung umgelegt besteht eine klare Steigerung der Lebenserwartung: Lag diese im Mittel 1950 noch bei 66 Jahren, so konnte sie 1996 mit 78 Jahren ermittelt werden. 

Prof. Dr. Heinz Pflüger, Urologische Abteilung des KH der Stadt Wien Lainz: "Diese Entwicklung macht eine intensive Auseinandersetzung mit der Tatsache des Alterns an sich und den sich daraus ergebenden Herausforderungen notwendig. Ziele sind nicht nur eine steigende Lebenserwartung, sondern vielmehr eine Erhaltung und Verbesserung der Lebensqualität."

Im Alter kommt es unweigerlich zu veränderten Lebensgewohnheiten und Lebensumständen. Neben beruflicher Umorientierung oder Pensionierung sind auch die familiären Verhältnisse laufenden Veränderungen unterworfen. Zusätzlich ist mit erhöhter Krankheitsanfälligkeit zu rechnen wie etwa Herzkreislauferkrankungen oder Diabetes mellitus. Die Involution der hormonproduzierenden Organe bringt eine veränderte Hormonsituation mit sich. Hinlänglich bekannt sind die veränderte Aktivität in der hypothalamisch/hypophysär/gonadalen Achse, bei gleichzeitiger Verminderung der gonadalen und adrenalen Androgene. Verminderte Hormonwerte gelten auch für das Wachstumshormon, Melatonin, Leptin sowie TSH.

Hormonstatus beim Mann

Besteht aufgrund der Klinik der Verdacht einer Hormondefizienz oder Dysbalance, so ist die Erhebung eines Hormonstatus durchaus sinnvoll und gerechtfertigt. Pflüger: "Besonders hervorheben möchte ich die Bestimmung des totalen Testosteron sowie des biologisch aktiven Testosteron, wobei Letzteres instabil ist und einer sofortigen Untersuchung zugeführt werden muss, um verzögerungsbedingt falsche Werte zu vermeiden. Sexualhormonbindendes Globulin (SHBG), Prolaktin, luteinisierendes Hormon (LH) und Melatonin möchte ich an Wichtigkeit noch extra betonen, wobei der komplette Hormonstatus noch umfangreicher ist."

Mit dem im Alter nachgewiesenen Absinken der Testosteronproduktion korreliert die Reduktion der Leydig Zwischenzellen im Hoden, deren Anzahl ab dem zwanzigsten Lebensjahr bis ins reife Alter um mehr als die Hälfte abnimmt. Auf Grund dieses Wissens wäre jetzt zu vermuten, dass alle Männer im Alter unter Hypogonadismus leiden müssten. Eine Untersuchung aus dem Jahr 1995 von Vermeulen und Kaufman zeigt Testosteronwerte unter 320 mg/dl bei nur sieben Prozent der 40- bis 60-jährigen, zwanzig Prozent der 60- bis 80-jährigen und 33 Prozent der über 80-jährigen Männer. Kastrationswerte kommen selten vor. 

Klinische Zeichen

Das Auftreten von Müdigkeit, Schwächegefühl, Antriebslosigkeit und Schlafstörung sowie depressiver Verstimmtheit lässt den Patienten den Arzt aufsuchen. Häufig berichten die Betroffenen dann auch über erektile Dysfunktion und Libidoverlust und körperliche Veränderungen wie Abnahme der Muskelmasse zugunsten der Fettzunahme und -umverteilung. Auch eine osteoporotisch veränderte Knochenstruktur und Störungen im Fett- und Glucosestoffwechsel finden sich häufig. 

Hormonsupplementierung

Pflüger: "Unter Zusammenschau der erhobenen Befunde und Ausschluss anderer Ursachen ist eine Hormonersatztherapie zu erwägen. Ziel ist die Verbesserung der Symptomatik mit Normalisierung der Serumspiegel und natürlich die Verbesserung der Lebensqualität. Die Testosteronsubstitution bringt auch Risiken mit sich wie Flüssigkeitsretention, Schlafapnoe, Gynäkomastie und Erhöhung des kardiovaskulären Risikos." Die Östrogensubstitution beim Mann wird sehr kontroversiell diskutiert und ist mit großer Zurückhaltung durchzuführen. Noch unklar scheint die Indikationsstellung sowie Wirksamkeit in der Substitution.

Thema Melatonin: Bekannt geworden durch den Einsatz beim Jet lag wirkt Melatonin zusätzlich DNS-protektiv und greift regulierend in den Zellstoffwechsel ein. Zur Dosierung gibt es noch keine einheitliche Empfehlung. "Auch hier muss der Nutzen gegenüber potenziellen Nebenwirkungen wie Cephalea, Gedächtnisstörung abgewogen werden", so Pflüger. 

Dem österreichischen Ernährungsbericht zufolge sind unsere Mineralstoffspeicher leer, wir nehmen zu wenig Eiweiß auf und haben einen Vitaminmangel. Neben dem wichtigen Thema der ausgewogenen Ernährung gilt es auch physischen und psychischen Stress möglichst zu minimieren.Pflüger: "Die alternde Blase ist ein Thema, das zunehmend enttabuisiert und gleichzeitig thematisiert wird. Die im Alter häufig auftretende Inkontinenz ist nicht nur subjektiv belastend, sondern führt häufig auch zu sozialem Rückzug mit resultierender Vereinsamung und depressiver Verstimmung." Bis zum 75. Lebensjahr sind Männer wie Frauen annähernd gleich betroffen, danach scheinen Männer deutlich häufiger darunter zu leiden. Die Thematisierung trägt zwar dazu bei, dass 60 Prozent der Betroffenen ihre/n Ärztin/Arzt konsultieren. Allerdings werden von diesen wiederum nur 30 Prozent medikamentös behandelt. Diese Daten verdeutlichen den weiteren Aufklärungsbedarf.

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