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Allgemeinmedizin 30. Juni 2005

Nature or Nurture – was prägt unsere Sexualität?

Wie wird unsere sexuelle Ausrichtung bestimmt? Dr. Markus Hengstschläger, einer der profiliertesten „Genjäger“ Österreichs, versucht, die richtige Spur zu finden.

In Frage kommen drei Faktoren, von denen jede ihre wissenschaftlichen Befürworter findet: Genetischer Ursprung, von der Umwelt geprägt oder multifaktorielle Genese. Die Widerstände, auf die Menschen mit nicht „normal“ ausgerichteter Sexualität treffen, sind nach wie vor von Vorurteilen und Unverständnis geprägt. Viele Betroffene kämpfen daher gegen ihre innere Einstellung lange an, doch zumeist siegt der Drang, sich der inneren sexuellen Einstellung zu fügen. Prof. Dr. Markus Hengstschläger, der an der Klinischen Abteilung Pränatale Diagnostik und Therapie der Universität Wien lehrt, stöbert in den menschlichen Genen nach den Ursachen sexueller Divergenz. Dabei gibt sich Hengstschläger gar nicht der Illusion hin, ausschließlich genetische Auslöser zu finden: „Denn die meisten menschlichen Veranlagungen sind multifaktoriell bestimmt, entstehen also durch Interaktion der Gene mit der Umwelt. Kennt man allein die chromosomale Zusammensetzung eines Individuums, wird man niemals sichere Voraussagen über dessen Entwicklung oder Verhalten treffen können. Wenn es daher wirklich so etwas wie eine sexuelle Identität gibt, dann besteht sie aus vielen unterschiedlichen Aspekten. Dazu gehören die Art des Verhaltens, die sexuelle Orientierung und das tiefe innere Bewusstsein, ob er oder sie sich als Mann oder Frau fühlt.“

Missverständliche Fakten

Wie verwirrend die Daten sind, zeigen zwei aus der Praxis von Hengstschläger präsentierte und dokumentierte Beispiele: In den USA wurden zu verschiedenen Zeiten und an unterschiedlichen Orten zwei Buben im Alter von sieben Monaten bei der Beschneidung so schwer verletzt, dass die Chirurgen entschieden, sie zu phänotypischen Mädchen zu machen. Die Eltern wurden instruiert, die heranwachsenden Kinder wie Mädchen zu behandeln und zu erziehen. Dies klappte in einem Fall, im anderen legte das Kind mit vierzehn Jahren seine Puppen beiseite, nannte sich David und lebte in weiterer Folge ein Leben als Mann. Welche Qualen jene Menschen durchmachen, die sich in ihrem eigenen Körper gefangen fühlen, sieht man am Beispiel jener Transsexuellen, die große Schmerzen und chirurgische und medikamentöse Strapazen auf sich nehmen, um das angeborene genetische Geschlecht ihrem tiefen, inneren Gefühl anzupassen.

„Sex Determining Region“

Hengstschläger nahm die chromosomale Zusammensetzung von transsexuellen Studienteilnehmern unter die elektronenmikroskopischen Lupe und fand dabei keinerlei Anomalien. Selbst die Bindungsstellen auf den Gonosomen für die Androgene und Östrogene waren in gewöhnlicher Weise ausgebildet und zeigten normale Strukturen. In Folge untersuchte der Genetiker ganz bestimmte geschlechtsbestimmende Genloci am kurzen Arm des Y-Chromosoms. Die so genannte SRY oder Sex Determining Region ist in der zweiten Woche der männlichen Embryonalentwicklung von entscheidender Bedeutung. Wird dieser Genschalter in dieser Phase nicht umgeschaltet, bleibt die Ausbildung zum männlichen Phänotyp trotz des „richtigen“ Gensatzes aus. Die Hoffnung, hier eine genetische Erklärung für Transsexualität zu finden, zerschlug sich jedoch bald.
Verwundert zeigt sich Hengstschläger doch etwas, dass bisher überhaupt kein Hinweis in den Chromosomen zu finden war. Selbst familiengenetische Beobachtungen brachten keinen Anhaltspunkt darauf, denn Transsexualität tritt nicht familiär gehäuft auf. Allein an umweltdeterminierte Ursachen glaubt er freilich auch nicht: „Das hieße ja, dass die Chirurgen durch Psychiater ersetzt werden könnten. Und dies ist definitiv nicht möglich. Transsexualität lässt sich nicht einfach nur therapieren!“
Vielmehr sieht Hengstschläger das wichtigste Sexualorgan „zwischen unseren Ohren sitzen“. Und dieses wird zwar von unserem molekularen Erbplan entworfen, jedoch von der Umwelt gefüttert. Fazit: Trotz einiger Bemühungen konnte die Wissenschaft die Ursprünge unseres Verhaltens, unserer sexuellen Ausrichtung und unseres Geschlechtsbewusstseins nicht ergründen. Nach den verantwortlichen Genloci muss noch weiter gefahndet werden. Ob es sie aber tatsächlich gibt und wie weit sie von Erziehung und Erfahrungen beeinflusst werden, bleibt noch unklar.

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