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Allgemeinmedizin 30. Juni 2005

Osteoporose beim Mann; ein vernachlässigtes Thema

Bezüglich der Osteoporose werden beim Mann sowohl Vorsorge wie auch Therapie oft verschleppt. Besonders sekundäre Genesen der präsenilen Osteoporose sollten genau abgeklärt werden.

Manche Krankheiten werden reflex-artig einem Geschlecht zugedacht. So ist der „Wechsel“ eine Erkrankung der Frau, während der Herzinfarkt dem Mann „gehört". Doch mit zunehmendem Einfluss der genderspezifischen Medizin erkennen Ärzte ebenso die Vorzeichen jener Erkrankungen, die typischerweise beim anderen Geschlecht akzentuierter vorkommen. Zu diesen Leiden gehört desgleichen die Osteoporose, die nicht nur bei der Frau, sondern auch beim alternden Mann deutlich an Stellenwert gewinnt. Zwar tritt sie bei Frauen früher auf und kündigt sich zumeist mit anderen klimakterischen Beschwerden unverwechselbar an, doch erkranken Männer ebenfalls – wenn auch ein paar Jahre später. So leiden ab dem 60. Lebensjahr zwischen 10 und 20 Prozent der Männer daran. Laut Studien liegt die Gefahr für einen Mann, einen Knochenbruch aufgrund Osteoporose zu erleiden, bei 13 Prozent – ein Drittel niedriger als bei Frauen. Der Radiologe Prof. Dr. Claus-Christian Glüer vom Universitätsklinikum Kiel sieht diese Daten allerdings skeptisch: „Diese Zahlen können angezweifelt werden, da es nur begrenzte Rohdaten gibt. Während bei Hüftfrakturen ein osteoporotischer Bruch relativ leicht identifiziert werden kann, fällt dieses Differenzierung bei vertebralen Frakturen ungleich schwieriger. Von vielen Experten wird daher angenommen, dass bei Männern die Ursache osteoporotischer Wirbelbrüche häufig unerkannt bleibt.“

Primäre und sekundäre Osteoporose

Zur primären Osteoporose zählt neben dem Knochenschwund aufgrund des Hormonwechsels vor allem die senile Osteoporose. Die vielfältigen Ursachen der sekundären Osteoporose fordern gerade beim männlichen Knochen ihren Tribut. Probleme bereiten in erster Linie endokrine Erkrankungen (Hypogonadismus, Hyperthyreose, u.a.) und die langjährige Einnahme bestimmter Arzneien (zum Beispiel Kortison), aber auch Diabetes mellitus, Malabsorption und Lebererkrankungen. Die nachteilige Wirkung einiger Medikamente wird über einen beschleunigten Knochenabbau, gehemmte Nährstoffverwertung oder über eine Störung des hormonellen Gleichgewichts vermutet. Ossäre Erkrankungen wie primärer Hyperparathyreoidismus, Osteo-malazie, renale Osteopathie sowie Knochenmetastasen spielen dabei eine gesonderte Rolle. Faktoren wie falsche Ernährung, übermäßiger Nikotin- und Alkoholkonsum, Bewegungsmangel, aber auch die Verringerung des Testosterons im Alter verschärfen das Krankheitsbild. Besonders bei Männern sollten sekundäre Genesen der präsenilen Osteoporose in Betracht gezogen und dementsprechend genau abgeklärt werden.

Zu späte Diagnose

Dafür machen sich in der Regel die Folgen des Knochenabbaus aufgrund mangelnder Vorsorgemaßnahmen und später Diagnose umso stärker bemerkbar. Es kommt bei Männern in diesem Alter zu einer deutlichen Zunahme der Knochenbrüche und Wirbelsäulenbeschwerden. „Die Krankheit entwickelt sich schleichend und die Schmerzen treten auf, wenn sich die Veränderungen am Skelett bereits deutlich manifestiert haben. Dies trifft die Männer umso überraschender, da die Osteoporose bei der männlichen Gesundheitsvorsorge kaum ein Thema ist. Von daher kommt der Ruf der Osteoporose als heimtückische Krankheit“, so Prim. Doz. Dr. Martin Friedrich vom Orthopädischen Spital Speising, Wien. „Die Symptome treten vor allem beim Mann in einem späten Stadium auf, erst dann, wenn die Spongiosa bereits stark ausgedünnt ist. Die Wirbelkörper verformen sich und brechen.“ Zu diesem Zeitpunkt können auch die langen Arm- und Beinknochen betroffen sein. Bis zum ersten Schenkelhals- oder Hüftbruch ist es dann nicht weit. Diese Frakturen sind für viele ältere Männer der „Anfang vom Ende“.

Friedrich propagiert bei der Osteoporose vor allem die ganzheitliche Sichtweise und akzentuiert die psychische Komponente. Partnerschaftsprobleme, Schwierigkeiten am Arbeitsplatz und soziale Unzufriedenheit führen über Jahre hinweg zu chronischen Wirbelsäulenerkrankungen. Gerade die Abklärung und Therapieeinleitung bedürfen beim Mann einer fachübergreifenden Zusammenarbeit von Urologen, Internisten und Radiologen unter Einbeziehung von Psychotherapeuten und Psychologen.

Dürftige Datenlage zur Therapie

Dr. Eric Orwoll von der Oregon Health Sciences University in Portland beklagt die dürftige Datenlage zur Therapie der männlichen Osteoporose. Denn aufgrund der pathogenetischen Unterschiede kann nicht angenommen werden, dass die bei der weiblichen Osteoporose effektiven Therapeutika auch beim Mann wirken. Die Substitution mit Testosteron führt bei Männern mit Hypogonadismus zu einer deutlichen Knochendichtezunahme, doch der endgültige Nachweis, dass sich dies bei hypogonaden Männern auch auf die Frakturrate auswirkt, konnte noch nicht erbracht werden. Für Bisphosphonate wurde in mehreren Studien ein vorteilhafter Effekt bei Männern mit Osteoporose nachgewiesen. Orwoll selbst leitete eine internationale, doppelblinde Multizenter-Studie mit Alendronat: „Knochendichte der Wirbelsäule, des Schenkelhalses sowie des Stützapparates nahmen signifikant zu, die Frakturhäufigkeit war unter Alendronat deutlich niedriger als in der Placebogruppe.“

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