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Allgemeinmedizin 4. April 2006

Jugendliche in seelischer Not

Suizide kommen in allen Gesellschaftsschichten und für die jeweilige Umgebung oft völlig überraschend vor. Dies zeigt auch der Bericht von Klaus Grün, dessen ältester Sohn Christian sich im Herbst 1989, einen Tag nach seinem 25. Geburtstag, das Leben nahm.

Der Vater schilderte die Hintergründe: „Er war ein erfolgreicher Student, weit gereist, arbeitete als Skilehrer, Seminarleiter, war modern und hat sich viel mit Computern beschäftigt. Plötzlich quälte ihn die Angst vor Computerviren. Er hat sich sehr zurückgezogen. Seine zahlreichen Freunde haben in dieser Zeit vergeblich versucht, ihm zu helfen.“ Christian stand kurz vor seiner letzten Prüfung, für die er noch 1.000 Seiten zu lernen hatte. Dieser Anforderung fühlte er sich auf einmal nicht mehr gewachsen. Obwohl der Vater meinte, er solle sich doch Zeit geben, war Christian sehr verzweifelt. Schlafprobleme traten auf, wegen schwerer Depressionen wurde ein Facharzt aufgesucht. Zwei Tage später nahm sich Christian Grün das Leben. Ein halbes Jahr später las Klaus Grün einen Artikel über das Suizidproblem Jugendlicher. Darin fand er auch eine Checkliste mit 13 Warnzeichen für Selbstmordgefährdung Jugendlicher (s. Kasten). Grün: „Fast alle Warnzeichen trafen auf unseren Sohn zu – nur konnten wir die doch so klaren Hinweise nicht deuten, da wir sie nicht kannten!“
Damals wurde Grün bewusst, dass er etwas tun müsse, um Jugendlichen in seelischer Not zu helfen. Gemeinsam mit seinem Freund Dr. Herfried Remschmidt begann er, in Graz ein Suizidpräventions-Projekt für Jugendliche aufzubauen. In gemeinsamer Arbeit mit Familie Goditsch und Dr. Klaus Gstirner wurde die Stiftung WEIL (Weiter im Leben, www.weil-graz.org) geboren. Die Grundidee ist vor allem, Suizidprävention zu betreiben, die Warnzeichen bekannt und bewusst zu machen und Hilfe für Helfer anzubieten.

Die vier Säulen von WEIL sind:

  • die ehrenamtliche Betreuung und Begleitung von Jugendlichen,
  • die Finanzierung von Therapiestunden (viele Jugendliche in seelischer Not wenden sich nicht an ihre Eltern),
  • Öffentlichkeitsarbeit (Medienpräsenz, um das Thema Suizid zu enttabuisieren, Aufklärungsveranstaltungen in Schulen, etc.),
  • das Projekt X als Kontaktmöglichkeit für Jugendliche mit ähnlichen Problemen: In der Jugendselbsthilfegruppe von WEIL treffen sich suizidgefährdete Jugendliche einmal pro Woche, um wieder leben zu lernen. Sie gehen gemeinsam ins Kino, Wandern, machen Segelturns etc.

Vorsicht mit Antidepressiva

Prof. Dr. Max Friedrich, Leiter der Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendpsychologie, Wien, nahm zur zentralen Frage Stellung, ob ein Suizid verhinderbar sei: „Mein hochgeschätzter Lehrer Erwin Ringel war der festen Ansicht, jeder Suizid sei verhinderbar. Ich meine jedoch: Wer es wirklich will, tut es auch.“ Wirksame Prävention könne nur ein Gespräch sein, in dem Wut, Angst, Verzweiflung etc. ernst genommen werden. Reagiert der Gesprächspartner mit dem weitverbreiteten Ausspruch „Du hättest erst erleben müssen, was ich schon alles durchgemacht habe ...“, sei die erste Chance zur effektiven Suizidprävention bereits vertan.
Speziell warnte Friedrich vor der ambulanten Verabreichung von Antidepressiva bei Suizidgefahr: „Antidepressiva erhöhen zuerst den Antrieb und hellen erst einige Tage später die Stimmung auf.“ Und dieser verstärkte Antrieb motiviere gefährdete Jugendliche besonders zur „Tat“.

Kontakt: Stiftung WEIL – Weiter im Leben, Hilfe für suizidgefährdete Kinder, Jugendliche, deren Eltern und Freunde, Graz, 24-Stunden-Notruf- und
Informationstelefon 0664/35 86 786,
Homepage: www.weil-graz.org

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