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Allgemeinmedizin 4. April 2006

Die Folgen der Tabakpandemie

Inhalatives Zigarettenrauchen ist weltweit die wichtigste vermeidbare Ursache für Krankheit und vorzeitigen Tod. „Was für die Allgemeinpopulation gilt, trifft in wesentlich verstärktem Ausmaß für Patienten mit Diabetes mellitus zu“, betont Dr. Helmut Brath, Diabetesambulanz des Gesundheitszentrum-Süd der Wiener Gebietskrankenkasse.

Diabetische Spätschäden treten bei rauchenden Typ-1- und Typ-2-Diabetikern deutlich häufiger und früher auf als bei nicht rauchenden. Dies betrifft sämtliche Ausprägungen der Makroangiopathie, Nephropathie und Neuropathie. „Insgesamt verdoppelt Rauchen die Mortalität bei Diabetikern“, so Brath. Neuere Daten zeigen, dass Rauchen die Glukosetoleranz bei Nichtdiabetikern und Diabetikern stört und Raucher signifikant häufiger einen Diabetes mellitus Typ 2 entwickeln. Ein medizinisch und gesellschaftspolitisch zumindest ebenso beunruhigendes Thema ist Passivrauchen. Es erhöht die Wahrscheinlichkeit, an koronarer Herzkrankheit zu erkranken, um etwa 30 Prozent, und steigert auch die Karzinom- und COPD-Inzidenz deutlich. Relativ neu ist laut Brath die Erkenntnis, dass Passivrauchen von Säuglingen einer der wichtigsten Kofaktoren des plötzlichen Kindstodes (SIDS) ist.

Diabetiker als besonders gefährdete Risikogruppe

Die schädigende Auswirkung von Rauchen verstärkt sich bei Vorliegen anderer Risikofaktoren, zum Beispiel Diabetes mellitus. Sowohl Rauchen als auch chronische Erhöhung des Blutzuckers haben die gemeinsame pathogenetische Endstrecke des Gefäßsystems, was bei einer Kombination beider Risikofaktoren zu einer Potenzierung des Risikos führt. Die typischen diabetischen Spätschäden treten somit bei rauchenden Diabetikern deutlich häufiger und früher auf als bei nicht rauchenden. Große prospektive Studien (Wisconsin, US Nurses Health, MRFIT, UKPDS) belegen, dass rauchende Diabetiker ein zweifach erhöhtes Risiko haben, an KHK, PAVK oder cerebralen Durchblutungsstörungen zu erkranken, im Vergleich zu nichtrauchenden Diabetikern.
Besonders elegant wurde dies in der ARIC-Studie anhand der Progression der Intima-Media-Dicke der A. carotis gezeigt. Brath stellt die prozentuell stärkere Zunahme dieser Gefäßwanddicke bei Exrauchern, Passivrauchern und aktiven Rauchern dar: „Eindrucksvoll zeigt diese Studie, dass Zigarettenrauchen die Progression der Atherosklerose bei einer Allgemeinpopulation um 50 Prozent, bei Diabetikern hingegen um über 200 Prozent beschleunigt!“

Rauchen beeinflusst die Insulinsensitivität

Zu den spannendsten Erkenntnissen der letzten Jahre zählt, dass Rauchen die Empfindlichkeit auf Insulin deutlich beeinflusst. Raucher sind insulinresistenter, hyperinsulinämischer und dyslipidämischer als Nichtraucher. So haben starke Raucherinnen eine um 42 Prozent erhöhte Wahrscheinlichkeit, einen Typ-2-Diabetes zu entwickeln (US Nurses Health Study).
„Aufklärung ist zwar wichtig, reicht aber für sich allein meist nicht aus, um aus einem Raucher einen Nichtraucher zu machen“, bedauert Brath. In Österreich rauchen trotz aller bisherigen Aufklärungskampagnen 38 Prozent aller Erwachsenen regelmäßig, in der Altersgruppe zwischen 16 und 29 Jahren sogar 54 Prozent. „Gerade den Hausärzten kommt eine ganz wichtige Rolle bei der Diagnose und Therapie der Tabakabhängigkeit zu, die sie auch nützen sollten“, sagt Brath. „Sie haben das Vertrauen und die Gelegenheit, ihren tabakabhängigen Patienten den Weg zur Zigarettenabstinenz zu weisen und sie dabei psychologisch und – falls erforderlich – medikamentös zu unterstützen.

Exakte Diagnose erforderlich

Am Beginn der Therapie der Nikotinabhängigkeit muss eine exakte Diagnose stehen. Vor allem bei mittel- bis hochgradiger körperlicher Abhängigkeit (laut Fagerström-Test) seien Entzugserscheinungen häufig der Grund für ein Scheitern des Entwöhnungsversuches. Deshalb sei eine medikamentöse Therapie (Nikotinersatztherapie, Zyban®) indiziert, diese könne auch die Gewichtszunahme um bis zu 50 Prozent reduzieren. Damit können die Erfolgsquoten zumindest verdoppelt werden (auf langfristige Werte von zehn bis 40 Prozent).

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