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Allgemeinmedizin 30. Juni 2005

Der böse Streit um das Testosteron

Testosteron beeinflusst viele wichtige Vorgänge im Körper. Ein Abfall beim alternden Mann macht sich demnach deutlich auch in der Lebensqualität bemerkbar. Die künstliche Testosterongabe, die gegenwärtig durch vier Wege appliziert werden kann, findet immer mehr Anhänger. Die letzte Innovation ist das Testosterongel. Doch Kritiker sprechen sich gegen eine zu leichtfertige Hormonsubstitution aus.

Ziel einer Testosteronsubstitution bei einer Keimdrüsenunterfunktion ist im Idealfall die Normalisierung sämtlicher testosteronabhängiger somatischer (Muskelmasse, Körperfettanteil, Behaarung, Knochendichte) und allgemeiner Parameter (Wohlbefinden, körperliche Aktivität, geistige Leistung, Libido, Erektionsfähigkeit).
Die neuesten Entwicklungen in der Hormonforschung standen auch beim Dritten Weltkongress für Männergesundheit in Wien im Blickpunkt. „Hohe Testosteronspiegel scheinen besonders erfolgreiche Männer auszuzeichnen", läutete Prof. Dr. Siegfried Meryn den Diskurs Augen zwinkernd ein. „Dabei ist das Testosteron, ähnlich einem Orchestermusiker, lediglich ein Teil des Gesamten. Gesichert sind Erkenntnisse, dass die Hormonproduktion in den Leydig-Zellen bereits ab dem 30. Lebensjahr absinkt und schon mit dem 45. drastisch reduziert ist. Indirekt proportional dazu steigt die Sterbewahrscheinlichkeit signifikant an. All diese Erkenntnisse sollen natürlich nicht dazu führen, Testosteron leichtfertig als Mittel zur Lebensverlängerung beziehungsweise als Lifestylehormon zu verabreichen. Es gilt weiterhin der männliche Hypogonadismus als Hauptindikation für die Behandlung mit Testosteron im Sinne einer Substitutionstherapie!"
Der renommierte Urologe Prof. Dr. Roger Kirby vom St George’s Hospital in London sieht einen direkten Bezug zwischen hormoneller Lage und der Lebensqualität des alternden Mannes. Nicht nur der körperliche Abbau beginnt mit dem Abfall des Serumtestosteronspiegels – Forscher gehen von einem Verlust ab dem 40. Lebensjahr von bis zu 1,5 Prozent pro Jahr aus –, auch seelisch und geistig fordert das Hormondefizit seinen Tribut. Libido und Spermienproduktion sind reduziert, die Testosteron-Zielgewebe des Stützapparates (Knochen, Muskulatur und Fettgewebe) bleiben hormonell unterversorgt. Osteoporose und Muskelschwäche sind die Folge.

Multifunktionales Testosteron

Kirby verweist auf Studien, die signifikante Auswirkungen des wichtigsten testikulären Androgens selbst auf das kardiovaskuläre System beweisen sollen. So zeigt zum Beispiel das EKG bei Testosteroneinwirkung eine deutliche Verlängerung der tolerierten Belastungszeit. Prof. Dr. Hartmut Porst, Urologe an der Medizinischen Fakultät Bonn, zeigt sich desgleichen von der Wirkung des Testosterons fasziniert: „Selbst der Gemütszustand vieler Männer kann durch eine Hormonbehandlung mit Testosteron verbessert werden. Leider wissen viel zu wenig Psychiater von Hormondefiziten und deren Auswirkungen auf ihre Patienten. PDE-5-Hemmer können ihre Wirksamkeit bei der Therapie gegen die erektile Dysfunktion noch stärker ausspielen. Denn erst das Testosteron kurbelt die Libido an." So könnte man fünf bis zehn Prozent aller ED-Patienten mit simultanem Hypogonadismus allein durch eine Testosteronsubstitution helfen.

Testosteron-Sublimation

Befürworter der Testosteron-Sublimation verweisen auf die mannigfaltigen Wirkbereiche des Androgens und präsentieren Statistiken, die zeigen, dass in der Altersgruppe zwischen 60 bis 80 bereits mehr als 20 Prozent der Männer unter Testosteronmangel leiden, ab 80 sogar jeder zweite. Daher setzen viele Ärzte zunehmend auf künstliche Testosterongaben. Dazu stehen gegenwärtig vier Resorptionswege zur Verfügung: Die orale Verabreichung ist sicher der bequemste Weg, doch wird der Wirkstoff in den Verdauungsorganen und in der Leber vorzeitig abgebaut, wo außerdem toxische Metaboliten enstehen. Eine weitere Verabreichungsmethode ist die intramuskuläre Injektion als Depotgabe. Eine kontinuierliche Zufuhr ist hierbei jedoch nicht gewährleistet, inhomogene Serumspiegel die Folge. Die modernste Applikation erfolgt transdermal. Die Gabe über Pflaster führt aber bei jedem vierten zu erheblichen Hautirritationen. Das Befestigen am Hodensack kann diese Nachteile mildern, zumal die Haut dort besonders resorptionsfreudig ist. Das langfristige Tragen des beschichteten Pflasters empfinden viele Patienten jedoch als lästig.
Um diesen Nachteil zu mildern, entwickelte die Pharmaindustrie ein Testosterongel. Porst konnte das Gel bereits bei mehreren Dutzend Patienten erproben und zeigt sich überzeugt: „Neben der hervorragenden lokalen Verträglichkeit ist die Compliance der Patienten ausgezeichnet. Die Therapie wirkt rasch. Bereits nach zwei Stunden ist ein kleiner Peak erreicht. Da die Epidermis als Speicher wirkt, ist dieser beständig und fällt nicht abrupt ab.“

Testosteron als Wunderdroge – ja oder nein?

Die Dosierung sollte individuell angepasst werden, empfohlen wird zunächst eine Anfangsdosis von 50 mg Testosteron, die Gesamtmenge von täglich 100 mg sollte nie überschritten werden. Absolut keine Substitution darf bei einer PSA-Erhöhung durchgeführt werden beziehungsweise bei einem PSA-Anstieg von 2ng/ml während der Therapie. „Obwohl die Langzeitstudiendatenlage noch relativ dürftig ist, können wir heute bereits sagen, dass die Gabe von Testosteron bei Männern mit Hypogonadismus eine Vielzahl von Vorteilen mit sich bringt und die transdermale Verabreichung sehr wirksam erscheint", zeigt sich Porst überzeugt.
Ist Testosteron tatsächlich die kommende Wunderdroge des alternden Mannes? Nicht alle Experten teilen diese Meinung. So wettert Prof. Dr. John B. McKinlay von den Bostoner New England Research Institutes über das leichtfertige Spiel mit den Hormonen: „Es drängt sich das Gefühl auf, dass starke Interessen der Pharmaindustrie, die ein weiteres Anti-Aging-Geschäft wittert, diesen Bereich für sich entdeckt hat. Nachdem sich die Hormonsubstitution bei Frauen nicht wirklich zufrieden stellend entwickelt und man aus den dort gemachten Erfahrungen keine Lehren zog, verschiebt sich der Blickpunkt nun auf die andere Hälfte der Bevölkerung. Die Abnahme der Androgene ist anders als bei Frauen gleitend, eine männliche Menopause demnach eine Absurdität."
McKinlay verweist auf die niedrige Inzidenz von Hypogonadismus. Der Markt ist demnach im Verhältnis zur Werbung der Firmen viel zu klein. Zudem, so der kämpferische McKinlay, wiegen die Gefahren im Hinblick auf das Prostatakarzinom jeden Benefit der Hormonsubstitution auf. Die Zukunft und neue Studien werden weisen, welche der Parteien Recht bekommt.

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