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Allgemeinmedizin 30. Juni 2005

Sport: Von der Lust zur Sucht

„Hatten wir in der Gesellschaft lange Zeit das Phänomen, dass Körperlichkeit völlig verdrängt wurde, so scheint es zur Zeit zum Kippen ins absolute Gegenteil zu kommen“, resümiert Prof. Dr. Günter Amesberger, Institut für Sportwissenschaften, Uni Wien.

Dass es hier um massive mittelfristige Veränderungen im gesellschaftlichen Erleben geht, zeigen Pope et al. (2001) mit einer Statistik, nach der sich die Unzufriedenheit der Männer mit dem eigenen Körper in den letzten 20 Jahren von gut zehn auf gut 40 Prozent fast vervierfacht hat. Amesberger: „Dass Essstörungen inzwischen auch Männer erfasst haben, die notwendige Muskelmasse für einen ‚ansprechenden‘ Körper zugenommen hat und Fitness naiv als Allheilmittel für Leistung und Erfolg stehen, verdeutlicht den Zynismus der heutigen Gesellschaft: Spaß und Fun scheinbar in den Mittelpunkt zu stellen, in der Realität allerdings ein beinhartes Leistungsprinzip zu verfolgen.“
Wie ist es nun um Bewegung und Sport bestellt? Ist das positiv oder negativ zu sehen? Grundsätzlich besteht heute wohl kein Zweifel mehr, dass Bewegung und Sport richtig eingesetzt ein wesentlicher Beitrag zu Wohlbefinden und Gesundheit sein können. Viele Menschen leiden an Bewegungsmangel, was sich sowohl in physischen, psychischen und sozialen Begleiterscheinungen bemerkbar macht. Andere haben ein für sie angemessenes Maß der Bewegung gefunden, sie fühlen sich wohl und reduzieren ihre Risikofaktoren durch Bewegung. Diese Personen sind in der Lage, eine zu ihnen passende Sportart zu finden, erleben eine positive Wirkung der sportlichen Aktivität auf ihre Lebensqualität und die sozialen Beziehungen.

Suchtähnliche Effekte

Ab einer gewissen Dosis kann Sport auch suchtähnliche Effekte aufweisen, insbesondere dann, wenn Häufigkeit des Sporttreibens und dessen Intensität Schwellen überschreiten, die zu folgendem Wirkbündel führen:

  • Totale Zentralität der sportlichen Aktivität.
  • Intensives Verlangen nach der sportlichen Aktivität.
  • Verminderte Kontrolle über das sportliche Verhalten, zum Beispiel trotz wichtiger anderer Tätigkeiten, die zu erledigen wären.
  • Selbstschädigendes Verhalten, zum Beispiel Trainieren trotz Verletzung.
  • Massive Entzugserscheinungen.
  • Soziale Konsequenzen wie Isolierung, Krach in der Beziehung etc.
  • Leidensdruck und Dosiserhöhung.

Natürlich sind diese Extreme eher die Ausnahme, allerdings auch nicht so selten wie man meinen würde. Viele bezeichnen sich auch als „sportsüchtig“ und sind dies natürlich nicht, denn wie eine weitere Untersuchung zeigt, wird Sportsucht eher mit positiven Aspekten assoziiert, während andere Suchtformen wie Alkoholismus mit pathologischen Phänomenen assoziiert werden.„Weitere gefährliche Effekte liegen in der Koppelung von Sport mit Diäten auf der einen und Dopingmitteln auf der anderen Seite. Beides findet im Breitensport steigenden Zuspruch“, warnt Amesberger.
Der schlanke trainierte und der muskulös trainierte Körper wird zur zwingenden Norm, zur gesellschaftlichen Stilisierung und letztlich Identitätsmängeln „vorgeschoben“. Führt ein angemessenes Sporttreiben zu einer Verbesserung des eigenen Körpererlebens und der Einstellung zum eigenen Körper, so bewirken zwanghafte Vorstellungen über die Veränderung der eigenen Körperlichkeit so genannte körperdysmorphe Störungen. Das bedeutet, dass Personen dann nicht mehr in der Lage sind, ihre Körperproportionen richtig einzuschätzen – sie halten sich für zu dick, zu wenig muskulös etc. „Sie sind ständig mit ihrem körperlichen ‚Mangel‘ beschäftigt“, bringt es Amesberger auf den Punkt. Würde man sie ihren eigenen Körper zeichnen lassen, dann würde sich diese Zeichnung deutlich von der Realität des eigenen Körpers in Richtung der jeweiligen Zwangsvorstellung unterscheiden. Wir sprechen auch vom „zerbrochenen Spiegel", so Amesberger. Daher sei es eine wichtige Aufgabe, Sport und Körper nicht nur in Superlativen darzustellen, sondern jene fördernden und heilenden Möglichkeiten von Bewegung und Sport zu verdeutlichen, um das geeignete Maß entsprechend der eigenen Bedingungen zu finden. „Denn letztlich stellt sich nicht die Frage, was leistet der Mensch sportlich, sondern was können Bewegung und Sport für den Menschen leisten“, gibt Amesberger zu bedenken.

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