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Allgemeinmedizin 30. Juni 2005

Erektile Dysfunktion– die Spitze des Eisbergs

Kein Männerkongress, bei dem die Erektile Dysfunktion (ED) nicht eine besondere Rolle spielt. Doch in den vergangenen Jahren verschiebt sich die Sicht der ED immer mehr in Richtung allgemeiner Gefäßgesundheitsmarker.Öfter denn je fragen Ärzte nach den somatischen Ursachen der ED und verschreiben nun nicht mehr allein PDE-5-Hemmer.

Bereits im letzten Jahr beschrieb Prof. Dr. Siegfried Meryn die ED als die Gesundheitschance des Mannes. Diese Aussage wurde auch beim diesjährigen Weltkongress für Männer in Wien von führenden Urologen bestätigt. So verwies Professor Dr. Claude Schulman vom Erasmus-Hospital der Universität Brüssel auf Studien, welche die signifikante Koexistenz von Hyperlipidämie, Hypertonie und weiteren kardiovaskulären Risikofaktoren mit ED belegen. „Die Chance älterer Männer, wegen eines erhöhten Cholesterinblutgehaltes an Impotenz zu leiden, steigt bei 70-jährigen deutlich an.“ Welche wichtige Rolle die Blutfette bei der Entwicklung einer koronaren Herzkrankheit haben, gehört mittlerweile zum medizinischen Allgemeinwissen. „Doch die Beziehung zur ED ist leider immer noch nicht Bestandteil von wirklich großen Studien. Da haben wir noch großen Nachholbedarf“, so Schulman. Anscheinend ebenso offensichtlich zeigt sich der Zusammenhang zwischen ED und erhöhtem Blutdruck. So sind zwei Drittel der Männer mit arterieller Hypertonie auch von Erektionsproblemen betroffen. Bei knapp der Hälfte zeigt sich sogar schon die schwere Form.

ED und KHK – enge Verwandte

Schulman: „Etwas macht diese Beobachtungen aber besonders interressant - ein Großteil der Männer ist zwar über die ED sehr unglücklich, aber von ihren anderen Leiden ahnen sie noch überhaupt nichts.“ So kann in den meisten Fällen bei ED-Patienten eine noch nicht diagnostizierte Hypertonie, Hyperlipidämie oder gar KHK mit teils subklinischen Zeichen festgestellt werden. Erhärtet wird der Zusammenhang zwischen ED und KHK dadurch, dass beiden Leiden idente Risikofaktoren zu Grunde liegen. Diese Auffassung konnte Schulman mithilfe von Daten einer eigenen Studie belegen.
Seine Arbeitsgruppe verglich die Blutfettwerte einer Gruppe von ED-Patienten mit gleichaltrigen nicht betroffenen Männern vor allem im Hinblick auf eine mögliche Entwicklung einer KHK. Die Wahrscheinlichkeit einer Hypercholesterinämie (Total Cholesterol > 200 mg/dl) lag in der ED-Gruppe bei 70,6 Prozent, während die andere Gruppe bloß zu 52 Prozent entgleiste Fettwerte aufwies. Dementsprechend lag das Risiko, im darauf folgenden Jahrzehnt eine KHK zu erleiden, in der ersten Gruppe um 56,6 Prozent, während es sich bei den Non-ED-Männern bei 32,6 Prozent einpendelte. Schulman verwies auch auf andere Studien, die bei hospitalisierten Männern eine ED-Rate vor einem kardiovaskulären Ereignis von 64 Prozent aufwiesen.
Summieren sich die vaskulären Risikofaktoren, so tritt nach diesen neuen Erkenntnissen zunächst eine leichtgradige ED auf. Wissenschaftler vermuten die Ursache im Penisschwellkörper, dessen Arterien verletzlicher und rascher auf eine beginnende Atherosklerose reagieren und überdies einen außerordentlich geringen Durchmesser haben. Es drängt sich daher die Idee auf, die ED als Marker für eine beginnende Atherosklerose zu sehen, noch bevor die Erkrankung sich in anderen Körperbereichen manifestiert. Für Schulman ist die ED somit nur die Spitze des Eisberges „Systemische Vaskuläre Erkrankung“. Beide beruhen auf einer endothelialen Dysfunktion auf Grund vieler sich summierender Risikofaktoren.
Auch Doz. Dr. Eugen Plas, Oberarzt an der Urologischen Abteilung des Krankenhauses Lainz, bestätigt die gleichzeitige, auffällige Anwesenheit von kardiovaskulären Risikofaktoren und ED: „In einer Studie aus den USA ergab der kardiovaskuläre Status von 50 Männern, die unter ED litten, überraschende Daten: Bei 56 Prozent der Probanden wurde während des Belastungstests eine KHK festgestellt. Und das, obwohl die Männer zuvor niemals Symptome bemerkt hatten.“ Plas appelliert daher an seine Kollegen, Männer im gefährdeten Alter aktiv nach Potenzproblemen zu befragen: „Denn für viele Betroffene ist es noch immer ein tabubehaftetes Thema, über das selbst mit dem Arzt nur ungern gesprochen wird.“ Plas’ Fazit: „Und wenn es gilt, aus dem Wissen der engen Verknüpfung zwischen KHK und ED eine Lehre zu ziehen, dann ist es jene, Patienten mit Gefäßrisikofaktoren immer nach ED und umgekehrt ED-Patienten immer nach vaskulären Problemen zu fragen.“

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