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Allgemeinmedizin 4. April 2006

Eine Chance für die Männer

Trotz steigender Lebenserwartung leben Männer um rund sechs Jahre kürzer als Frauen. Nicht zuletzt ist mangelndes Interesse an der eigenen Gesundheit wegbereitend für eine Vielzahl vermeidbarer Erkrankungen. Aber allmählich besinnt Mann sich. Die ÄRZTE WOCHE sprach mit dem Präsidenten der in Wien ansässigen „International Society for Mens Health“ (ISMH), Prof. Dr. Siegfried Meryn, Abteilung für postgraduelle medizinische Weiterbildung an der Universität Wien, über erste Früchte der Arbeit im Bereich der Männergesundheit.

Woran krankt der Mann?

Meryn: Die generelle Lebenserwartung steigt jährlich um drei Monate. Dennoch versterben Männer im Schnitt sechs Jahre früher als Frauen. Sie haben ein höheres Risiko, Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems zu erleiden, Prostata- oder Dickdarmkrebs sind immer häufiger zu beobachten. Gleichzeitig sind Männer wahre Vorsorge-Muffel und haben Scheu davor, frühzeitig einen Arzt aufzusuchen. Generell führen sie ein riskanteres Leben als Frauen. Daher scheint es nicht verwunderlich zu sein, dass Männergesundheit und die geschlechtsspezifische Medizin weltweit einen immer höheren Stellenwert einnehmen.

Welche Initiativen zur Verbesserung der Männergesundheit wurden im vergangenen Jahr gestartet? Meryn: Die ISMH hat im vergangenen Jahr im Eilzugtempo vieles bewerkstelligen können. Erfreulicher Weise kann man schon über mehrere Erfolge unserer Arbeit berichten: Vor allem wird dem Stellenwert der Männergesundheit mittlerweile bei vielen medizinischen Veranstaltungen Rechnung getragen. Die Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (ÖGAM) in Graz widmete sich vergangenes Jahr dem Mann und stellte dessen Gesundheitsaspekte in den Mittelpunkt der viertägigen Veranstaltung. Der „Dritte Weltkongress für Männergesundheit“ in Wien, der sich als einziger Kongress weltweit mit Männergesundheit und geschlechtsspezfischer Medizin auf interdisziplinärer Basis befasst, schaffte diesmal den endgültigen Durchbruch: Die „Crème de la Crème“ der medizinischen Welt versammelte sich, um über diese Thematik zu referieren und diskutieren.

Wie kommen die Männer an die aktuellen medizinischen Informationen?

Meryn: Die groß angelegte Aktion „Männersache Gesundheit“ erfolgt in Zusammenarbeit der ISMH mit dem Bundesministerium für Gesundheit, der österreichischen Krebshilfe, der Ärztekammer sowie mehreren Fachgesellschaften. Neben Foldern können Poster in den Wartezimmern aller niedergelassenen Kollegen für die Patienten als erste Möglichkeit zur Information und Kontaktaufnahme mit den zuständigen Stellen dienen. Für die allgemeinmedizinischen Praxen kann über die ÖGAM ein geschlechtsspezifischer Vorsorgefragebogen von den betreuenden Kollegen bezogen werden.

Werden derartige Veranstaltungen und Initiativen bei den Zielgruppen auch angenommen?

Meryn: Wir haben einerseits die Männer für diese Thematik zu begeistern, andererseits auch die Kollegen über die praxisrelevanten Erkenntnisse zu informieren. Die Ärzteschaft zeigt sich generell sehr kooperativ, die Fortbildungen werden zunehmend in Anspruch genommen. Für die Männer fand vergangenen Juni eine internationale Männergesundheitswoche statt. Und man erkennt, dass sich langsam der Vorsorgewille auch bei diesem Geschlecht etabliert. Ein gewisses Bewusstsein für die Selbstverantwortung im Bereich der Gesundheit ist schon vorhanden. Zwar noch nicht in dem Ausmaß, das wir uns wünschen, aber ein Trend ist zu erkennen.

Welche Pläne haben Sie für das kommende Jahr?

Meryn: In Zusammenarbeit mit der österreichischen Krebshilfe wollen wir uns mit dem Projekt „Mann und Krebs“ direkt an die Patienten wenden. Mit einer Reihe prominenter Persönlichkeiten soll in den elektronischen Medien ein entsprechendes Bewusstsein geschaffen werden. Auch muss der Versuch fortgesetzt werden, Tabus auf dem Gebiet der Sexualität zu brechen und Betroffene dazu zu bringen, bei Problemen in diesem Bereich ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Ein großer internationaler Verlag wird sich zudem vierteljährlich mit einem wissenschaftlichen „Journal of men’s health and gender“ allen Aspekten geschlechtsspezifischer Unterschiede widmen. Schließlich soll Anfang Oktober 2004 der praxisorientierte Drei-Länder-Kongress – Deutschland, Schweiz, Österreich – „Der Mann als Patient“ in Wien stattfinden.

Sie haben mit recht provokanten Aussagen wie „Mann vom Aussterben bedroht“ oder „Männlich, jung und tot“ die Situation des „starken Geschlechts“ beschrieben.

Wie bezeichnen Sie die heutige Lage?

Meryn: „Die Chance ist da!“: Viele Männer haben anscheinend begriffen, dass es nicht um eine Verlängerung eines lustfeindlichen Lebens geht, sondern eine Verbesserung der Lebensqualität erreicht werden soll. Zwar ziehen es viele vor, lieber kurz und gut zu leben, sollten aber nicht vergessen, dass sie auch in ihrer Pension gesund und gut leben wollen. Schließlich nimmt die Lebenserwartung laufend zu.
Aber auch die Altersgrenze für das aktive Berufsleben wird – betrachtet man die aktuellen sozialpolitischen Entwicklungen – ansteigen. Wir müssen attraktive und den beruflichen Möglichkeiten der Männer entsprechende Wege finden, unsere Botschaften zu übermitteln. Den Mann muss man dort abholen, wo er sich gerade befindet, die Angebote müssen individuell sein!

Wenn ich mich als Journalist auf Männer- gesundheitstagen bei den Teilnehmern umblicke, so stelle ich fest, dass ich mit meinen 34 Jahren zu den Jüngsten gehöre...

Meryn: Sie sprechen hier ein wichtiges Thema an: Die jüngeren Männer zu erreichen ist sehr schwierig. Im jungen Lebensalter werden allerdings viele Weichen gestellt. Eine bekanntlich zu hohe Risikobereitschaft bei Männern muss schon im Elternhaus, im Kindergarten und der Schule thematisiert, die Rollenverhalten kritisch hinterfragt werden. Allerdings nicht mit der Gießkanne, sondern individuell auf Ziel- und Altersgruppe zugeschnitten. So ist etwa bekannt, dass bei männlichen Schulkindern die Konzentration nach längstens 40 Minuten nachlässt und ein großes Bewegungsbedürfnis auftritt. Hier sollten medizinische Erkenntnisse in die Praxis umgesetzt werden.

Wie beurteilen Sie die Gesundheitssituation der jungen Generation?

Meryn: Bei über 40 Prozent aller 18-jährigen Männer, die bei der Stellung untersucht werden, entdeckt man ein oder mehrere Gesundheitsprobleme. Dies ist eine äußerst beunruhigende Statistik. Der Hausarzt ist hier – vor allem in ländlichen Gegenden – oft erster Ansprechpartner. Er muss spätere Gesundheitsschäden im Vorfeld erkennen um eventuell weitere diagnostische und therapeutische Maßnahmen in die Wege zu leiten. Entsprechende Fortbildungen und das Verständnis für Interdisziplinärität sind hier Grundvoraussetzung.

Danke für das Gespräch!

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