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Allgemeinmedizin 4. April 2006

Die Schwächen des starken Geschlechts

Der depressive Mann gilt heute in vielerlei Hinsicht als Risikopatient. Aggressivität, Suchtverhalten, Unfälle, Suizid und mangelnde Selbstfürsorge gefährden ihn in vielfacher Hinsicht.

Dr. Dietmar Winkler, Universitätsklinik für Psychiatrie, Wien, über die Besonderheiten der männlichen Depression: „Leider scheinen bei männlichen Depressiven einige typische Symptome in den gängigen diagnostischen Manualen nicht auf, so dass depressive Syndrome beim Mann wahrscheinlich vielfach unterdiagnostiziert sind.“ Die Kernsymptomatik und der durchschnittliche Schweregrad einer Depression sind bei Männern und Frauen ähnlich. Dennoch lassen sich deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede der Symptome feststellen. Beim Mann besteht eine wesentlich höhere Tendenz zum Ausagieren von Aggressionen im Rahmen depressiver Störungen. Während bei Suizidversuchen quantitativ kein Geschlechtsunterschied besteht, führen Männer die Statistik bei den vollzogenen Suiziden im Verhältnis 2:1 an. Untersuchungen wie die Gotland-Studie geben Anhaltspunkte dafür, dass bei Männern die Symptome Ärgerlichkeit, Irritabilität, Missmutigkeit, Verbitterung sowie die Neigung zu Vorwürfen und nachtragendem Verhalten häufiger vorkommen.

Typisch: die Ärger-Attacke

Genauso wie Panikattacken, zeigen Wutausbrüche einen plötzlichen Beginn, meist genügen schon minimale Auslösereize. Die dabei auftretenden Emotionen werden von einer starken vegetativen Symptomatik begleitet und sind häufig mit Kontrollverlust verbunden: Im Rahmen einer dysphorischen Grundstimmung werden Konflikte situationsinadäquat ausgetragen. Es kommt zu Aktionen, die später bedauert werden.
Interessanter weise bestehen Irritabilität und Ärger-Attacken oft schon vor der depressiven Verstimmung und sprechen auch vor dieser auf antidepressive Pharmakotherapie an. Bei depressiven Männern ist ein schädlicher Substanzgebrauch oder ein komorbides Abhängigkeits-Syndrom ebenfalls ein wichtiger Faktor im Bedingungsgefüge der Erkrankung. Symptomatischer Alkoholmissbrauch ist bei Männern häufiger im Zusammenhang mit Depression zu finden als bei Frauen. Wenn Suchtverhalten eine Depression begleitet, ist der soziale Abstieg des Patienten nur mehr eine Frage der Zeit.
Verglichen mit Frauen suchen Männer bedeutend später ärztliche Hilfe – oft erst, wenn gesundheitliche Spätfolgen aus selbstschädigendem Verhalten wie Rauchen, Alkoholismus und koronarschädliche Lebensgewohnheiten bereits aufgetreten sind. Diesem geschlechtsspezifischen Rollenverhalten des Mannes, gepaart mit verminderter Inanspruchnahme professioneller Hilfe bei psychischen Problemen, sollte gerade in der allgemeinmedizinischen Praxis mit erhöhter Aufmerksamkeit begegnet werden.

ÄWO

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