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Allgemeinmedizin 30. Juni 2005

Fatale Trias: Koronare Herzkrankheit - erektile Dysfunktion - Depression

Atherosklerose entsteht schon in jungen Jahren

Arteriosklerotische Veränderungen treten bereits in sehr jungen Jahren auf, und ihre Komplikationen lassen sich nicht auf einzelne Organe beschränken.B ereits in der Altersgruppe der 20- bis 30-Jährigen sind in 77 Prozent der Fälle flache arteriosklerotische Plaques und Läsionen anzutreffen. Bei etwa zehn Prozent bestehen sogar schon stenosierende Läsionen. Am Beginn dieser pathologischen Entwicklungen stehen Risikofaktoren, welche zu einer Endotheldysfunktion führen und in einem zweiten Schritt zur Endothelaktivierung. Die Endothel- aktivierung führt schließlich durch die Plaqueruptur zu Herzinfarkt oder Schlaganfall. Eine Endotheldysfunktion, welche sich im Laufe der Jahre entwickelt, betrifft natürlich nicht nur die Koronargefäße oder die zerebralen Gefäße, sondern auch zum Beispiel die Arterie, die den Penis versorgt.

Die koronare Herzkrankheit tritt bei Männern um etwa 10 bis 15 Jahre früher auf als bei Frauen. Vor allem der plötzliche Herztod ist beim Mann doppelt so häufig wie bei der Frau. Auch alle anderen Erscheinungsformen der Koronar-Erkankung sind beim Mann nach wie vor häufiger anzutreffen, obschon die Frauen in den letzten Jahren aufgeholt haben. Versucht man diese Tatsachen aus anatomisch-pathologischer Sicht zu begründen, sieht man, dass Männer deutlich mehr Kollagen in ihren arteriosklerotischen Plaques aufweisen, Frauen dagegen mehr zelluläre Elemente.

Risikofaktor erhöhter Testosteronspiegel

Obwohl diese Befunde einen weiten Raum für Spekulationen offen lassen, wird das erhöhte kardiovaskuläre Risiko der Männer immer wieder mit dem klassisch aggressiven männlichen Habitus, dem Typ-A-Verhalten, in Zusammenhang gebracht. Weitere Risikofaktoren sind beispielsweise die vorzeitige Glatzenbildung, die androgene Alopezie, die auch mit einer Erhöhung des Testosteronspiegels in Zusammenhang steht.

"Wir haben in eigenen Studien den Zusammenhang zwischen Plasmatestosteronspiegeln und der Koronarkrankheit untersucht, wobei sich entgegen unseren Erwartungen zeigte, dass Männer mit einer Koronarkrankheit verminderte Testosteronspiegel aufwiesen. Eine mögliche Interpretationsmöglichkeit könnte die nachlassende Androgen-Aktivierung im Alter sein, die zu einem vermehrten Auftreten koronarer Herzkrankheiten führt", so Klein.

Diese Konstellation fügt sich sehr gut in das Bild von der Entstehung einer erektilen Dysfunktion (ED) im Rahmen einer Endothelfunktionsstörung, welche einerseits altersabhängig ist und zum anderen auch mit dem Schweregrad einer koronaren Herzkrankheit korreliert. Bei Patienten mit therapierter Koronarerkrankung ist die ED viermal so häufig; bei Patienten mit behandelter Hypertonie beträgt die Prävalenz für die ED etwa 15 Prozent, bei Diabetikern 28 Prozent.

Erektile Dysfunkion bei KHK und Hypertonie

Klein: "Aus eigenen Untersuchungen an 268 Männern, die an unserer Herzambulanz behandelt wurden, zeigte sich, dass die Häufigkeit der ED bei Patienten mit Koronarkrankheit bei 65 Prozent lag, wobei das mittlere Alter der Patienten 61 Jahre betrug. Patienten ohne Koronarkrankheit, bei denen jedoch andere kardiovaskuläre Risikofaktoren wie beispielsweise Hypertonie, Hyperlipidämie oder Nikotin- abusus zu finden waren, betrug die Wahrscheinlichkeit für eine ED immerhin noch mehr als 50 Prozent."

Es besteht ein linearer Zusammenhang zwischen der Blutdruckhöhe und dem Auftreten einer ED. Wird der Blutdruck behandelt, dann können Antihypertensiva wie zum Beispiel Beta-Blocker oder Diuretika selbst das Auftreten einer ED begünstigen. Im Allgemeinen ist diese Nebenwirkung am stärksten in den ersten drei Monaten nach Therapiebeginn und bildet sich dann wieder zurück, wenn es zu einer Normalisierung des Blutdrucks kommt.

Aus den geschilderten Zusammenhängen lässt sich der wichtige Schluss ziehen, dass die erektile Dysfunktion ein ausgezeichneter Marker für das Vorliegen einer koronaren Herzerkrankung ist. In zwei kleineren Studien an Patienten mit erektiler Dysfunktion konnte bei bis zu 57 Prozent eine koronare Herzerkrankung gefunden werden.

Für viele Männer bedeutet eine Sexualstörung eine enorme Belastung, es kommt häufig zu Depressionen, Ängstlichkeit, Konflikten, Schlaflosigkeit und insgesamt zu einer stark verminderten Lebensqualität, die die Patienten oft mehr beeinträchtigt als die Koronarerkrankung. Diese Triade aus erektiler Dysfunktion, Koronarerkrankung und Depression bildet wegen der gegenseitigen Verstärkung einen Teufelskreis: Die Koronarerkrankung kann primär, wegen der zugrundeliegenden Endothelstörung, zur ED führen, die wiederum die Ursache für eine Depression sein kann. Umgekehrt kann eine primär vorhandene Depression das Risiko für einer koronare Herzkrankheit verdreifachen.

Aus präventiver Sicht ist es daher entscheidend, diese pathologischen Veränderungen in einem sehr frühen Stadium zu erkennen und zu unterbrechen. Dazu ist es notwendig, Risikogruppen, bei denen bereits subklinische Arteriosklerose-Zeichen vorliegen, ausfindig zu machen. Mit den gängigen Untersuchungsmethoden der Kardiologie wie zum Beispiel Stresstest, EKG, Stressecho oder Szintigraphie werden demgegenüber lediglich solche Patienten detektiert, bei denen schon höhergradige Stenosen der Koronargefäße vorliegen. Gerade die erektile Dysfunktion bietet sich in dieser Hinsicht als Frühsymptom für die Erkennung einer endothelialen Dysfunktion an.

Dr. Andreas Winkler, Ärzte Woche 4/2001

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