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Max Wellan Präsident der österreichischen Apothekerkammer
 
Allgemeinmedizin 10. September 2012

Persönlicher Kontakt im Zentrum

Moderne Angebote der Apotheker sollen Fehlentwicklungen im Arzneimittelhandel gegensteuern Interview mit Mag. Max Wellan, dem neuen Präsidenten der Österreichischen Apothekerkammer. Teil 2

Medikamentenmanagement, moderne Medien und Qualitätsmanagement sind für den neuen Präsidenten der Österreichischen Apothekerkammer, Mag. Max Wellan, drei Arbeitsschwerpunkte, wie er im Interview mit Apotheker Plus erklärte, dessen ersten Teil wir in der Ausgabe 6/2012 veröffentlichten. Der Patient soll von Arzt, Apotheker und Medien dieselbe Botschaft erhalten, um auch die Sinnhaftigkeit seiner Therapie zu erkennen und sie bestmöglich durchzuführen. Der Apotheker als Berater muss in seiner Funktion gestärkt werden. Welche Möglichkeiten auch von Seiten der Kammer ihm dafür geboten werden, erläutert Wellan im zweiten Teil des Gesprächs.

Gibt es Ideen wie man abgesehen von Informationskampagnen mit konkreten Angeboten dem Internethandel mit Medikamenten gegensteuern kann?

Wellan: Es gibt alle möglichen Ideen und Ansätze, auch von der EU wird es neue Richtlinien geben. Für uns gilt jedenfalls ganz eindeutig, dass der persönliche Kontakt, die persönliche Beratung, das persönliche Gespräch die Basis für unsere Arbeit und für die optimale Arzneimittelversorgung ist. Der reine Versandhandel wurde über die Jahrhunderte immer wieder propagiert und es zeigte sich, dass Arzneimittel für den Versandhandel nicht passen. Denn dabei besteht immer die Gefahr von Fälschungen, von unerlaubter Werbung und von reinem Profitinteresse. Aber wir müssen schauen, dass wir noch mehr auf den Patienten zugehen und auch zustellen. Das wird sicher auch ein Schwerpunkt sein das Service zu verbessern. In Graz und Wien wird bereits jetzt in der Nacht zugestellt. An der Entwicklung dieses Zustellservices war ich selbst beteiligt. In diesem Modell ist auch gewährleistet, dass die Beratung vorher zumindest per Telephon erfolgt, sodass der Apotheker an der Stimme oder am Gespräch den Patienten ein bisschen einschätzen kann. Lieber ist uns natürlich immer, wenn er ein persönliches Gespräch führt, aber wir müssen für Situationen, wo dies nicht möglich ist, Wege finden, die Versorgung zu optimieren. Der Arzneimittelmarkt in Österreich ist höchst transparent. Alles ist zu 100 Prozent nachvollziehbar, es ist sauber und das wollen wir auch so beibehalten.

Sind bei Arzneimittel-Interaktionsprogrammen neue Entwicklungen zu erwarten?

Wellan: Das ist ein sehr komplexes Thema. Es gibt kaum Studien zu Arzneimittelinteraktionen, deswegen ist so etwas auch sehr schwierig umzusetzen. Untersuchungen gibt es nur bezüglich des Verhaltens zweier Substanzen miteinander, für einen dritten Arzneistoff gibt es höchstens Modelle. Daher darf eine mögliche Entscheidung bezüglich Verträglichkeit zweier Arzneimittel nicht nur auf der Grundlage eines Programms getroffen werden, sondern man muss sich den Patienten und seine Krankheitsgeschichte und die Medikation im Gesamtbild ansehen. Das werden Programme allein nie können. Sie sind eine gute Unterstützung und da muss die Qualität auch weiter steigen.

Da wäre hilfreich zu wissen, was der Patient alles nimmt, wie es mit der E-Card eine Möglichkeit wäre…

Wellan: Deswegen sind wir auch dafür, aber das System muss praktikabel sein und für die Praxis einen Nutzen bringen. Da treffen sich unsere Forderungen mit jenen der Ärztekammer. Wenn das gegeben ist, ist das eine vernünftige Sache und wird sicher - in Konnex mit einer Beratung - einen Zuwachs an Arzneimittelsicherheit bringen.

Gibt es Qualitätsleitlinien für den Apothekenbereich?

Wellan:Apotheken halten sich an viele Leitlinien - naturwissenschaftlich, medizinisch und auch berufsspezifisch. Aber wir sind ein freier Beruf, das heißt wir haben das Recht uns selbst zu verwalten. Deswegen gibt es die Apothekerkammer. Das heißt aber auch, dass die Apothekerkammer auf Qualität achtet und selbst Qualitätsleitlinien erstellen wird. Das ist ein sehr gutes Instrumentarium. Ich halte es für wesentlich besser, wenn der Berufsstand dies selbst macht, als wenn alles nur von außen kommt. Wir werden dieses Instrument in Zukunft sicher weiterentwickeln und forcieren und uns selbst Richtlinien geben, damit wir uns optimal auf den Patienten, auf den Kunden konzentrieren können.

Können Sie ein konkretes Beispiel beschreiben?

Wellan: Zum Beispiel Kundenkontakt in einer speziellen Situation, etwa die Belieferung von bettlägerigen Patienten und dessen Betreuung oder das heimbetreute Wohnen, also Pflegefälle, die nicht im Spital liegen. Diese werden von Apothekern betreut. Erste Entwürfe für eine solche Leitlinie gibt es bereits. Es muss klar sein, wie oft der Apotheker vorort sein muss, wie der Kontakt erfolgen muss, wir vorzugehen ist, wenn der Patient ein neues Medikament erhält, wie schnell eine Notfalllieferung erfolgen soll, wie die Angehörigen informiert und eingebunden werden, wie oft Schulungen gemacht werden. Die Betreuung für solche Spezialsituationen soll in Qualitätsleitlinien gefasst und damit insgesamt die pharmazeutische Qualität verbessert werden. Auch der Umgang mit den neuen Medien muss qualitätsgesichert erfolgen, damit die neuen Kanäle nicht irgendwie sondern anhand von Qualitätsleitlinien genutzt werden.

Welche Neuigkeiten gibt es bei der „Verblisterung“ von Medikamenten, also der nach dem individuellen Patientenbedarf vorbereiteten und abgepackten Medikamentenaufbereitung?

Wellan: Zur Verblisterung gibt es eine neue Verordnung, die wir als Standesvertretung auch mit Qualitätsleitlinien begleiten wollen. Die Verblisterung ist eine Serviceleistung gerade für Patienten, die bettlägerig sind oder die sonst pflegebedürftig sind. Sie bringt mehr Qualität und Sicherheit ist aber auch die technische Möglichkeit, die erfordert, dass der Apotheker kontrolliert, betreut und berät. In diesen Bereichen entwickeln sich das Leben und der Beruf weiter und wir als Apotheker werden vermehrt Angebote und Dienstleistungen liefern.

Welche praktischen Unterstützungsangebote macht die Apothekerkammer ihren Mitgliedern?

Wellan: Der Apothekerberuf ist sehr vielschichtig. Ich weiß nie welcher Kunde als nächstes kommt und kann mich daher nicht vorbereiten. Das kann ein Zytostatika-Patient mit einer Nebenwirkung sein, es kann jemand sein, der nur eine Frage zur Rezeptgebühr hat. Wir Apotheker haben ein riesiges Arbeitsspektrum und müssen das ständig parat haben uzw. den ganzen Arzneimittelschatz. Das ist eine sehr verantwortungsvolle, eine sehr herausfordernde Aufgabe und ich sehe die Aufgabe, die wir hier im Apothekerhaus haben, in der bestmöglichen Unterstützung. Wir müssen intensiv zusammenarbeiten und wir müssen modernste Serviceorientierung zeigen, damit wir die Kollegen an der Tara unterstützen: Mit Materialien, Information, auch mit modernen Medien, damit sie ihre Arbeit an der Tara für den Kunden optimal leisten können.

Was sind die häufigsten Anfragen der Apotheker an die Kammer?

Wellan: Die sind so vielschichtig wie das Leben. Sie reichen von der Substitutionstherapie, wo es immer wieder auch Grenzfälle gibt, und rechtlichen Fragen bis zum Umbau einer Apotheke. Wir haben auch eine Abteilung für fachliche Angelegenheiten, wenn man selbst nicht mehr weiter weiß und eine analytische Abteilung. Das Kammerlabor unterstützt die Qualitätssicherung der Rohstoffe und der Arzneistoffe für die magistrale Herstellung. Auch hier gibt es immer wieder Fragen, beispielsweise bei Kinderdosierungen, die oft komplexer sind. Die Öffentlichkeitsarbeit bietet Unterstützung für unsere Mitglieder mit Tipps, Informationsmaterial und Organisation, da wir verstärkt hinaus gehen wollen - in die Kindergärten, die Schulen, die Einkaufstraßenzeitung usw. Ein anderer Bereich sind Schulungen.

Wenn eine Apotheke z.B. für Diabetiker einen Fortbildungsabend machen möchte, ist die Apothekerkammer Anlaufstelle für Informationen und Unterlagen. Hier sehe ich auch eine gute Kooperationsmöglichkeit mit der Ärztekammer, dass man gemeinsame Schulungen anbietet, die lokal vorort in der Apotheke umgesetzt werden, aber gemeinsam vorbereitet werden, damit die Ausarbeitung und Botschaften perfekt sind und der Apotheker nicht jedes Mal das Rad neu erfinden muss. Teilweise gibt es solche Kooperationen mit anderen Gesundheitsberufen schon, aber mit den Ärzten noch nicht. Impfen wäre eine gute Möglichkeit und hier haben wir mit den Impftagen schon ein bestehendes und gut funktionierendes Projekt mit den Ärzten. Das ist ein gutes Thema für eine Kooperation.

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