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Das Leben auf stark befahrenen und mit Dieselabgasen belasteten Straßen ist gesundheitsgefährend.
 
Allgemeinmedizin 25. August 2012

Vom Verkehr umtost

Die schlechte Luft an viel befahrenen Straßen gefährdet die Gesundheit.

Ein beträchtlicher Prozentsatz der Bevölkerung lebt entlang stark befahrener Straßen. Die Folgen für die Gesundheit des Menschen sind fatal.

Gesundheitliche Effekte von Autoabgasen wurden in den vergangenen Monaten vermehrt diskutiert, etwa im Zusammenhang mit der Einstufung von Dieselabgasen als eindeutig krebserzeugend oder der geplanten Einführung einer Umweltzone in Graz.

Dass Dieselabgase ein Problem für die Gesundheit darstellen, ist im Prinzip seit über 25 Jahren aus Tierversuchen und epidemiologischen Studien bekannt. 1988 erfolgte dann durch die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Einstufung in „wahrscheinlich krebserzeugend beim Menschen“.

Warnungen verhallten ungehört

Bevölkerung und Politik blieben unbeeindruckt, Wissenschaftler im Dienst der Diesel-Lobby erklärten, das Risiko sei „ungefähr mit der Gefahr vergleichbar, an Blitzschlag zu sterben“ (Kurier, 2. 8. 1989). In Österreich kam es zu einem beispiellosen Dieselboom, Warnungen von Umweltmedizinern der Gemeinde Wien (bereits ab dem Ende der 1980er Jahre) oder des Umweltmedizin-Referenten der Ärztekammer Dr. Gerd Oberfeld verhallten viele Jahre lang fast ungehört. Nur langsam setzte sich der Partikelfilter durch, und auch heute besitzen viele Dieselmotoren noch kein Partikelfilter.

Die neue Einstufung lautet krebserzeugend beim Menschen

Die neue Einstufung von Dieselabgasen als „krebserzeugend beim Menschen“ basiert auf Studien an hochbelasteten Arbeitsplätzen, wie Dr. Kurt Straif von der IARC erläuterte. Schon öfters habe sich jedoch gezeigt, dass Karzinogene nicht nur bei hohen Konzentrationen am Arbeitsplatz (z. B. Radon im Bergbau), sondern auch für die geringer belastete Gesamtbevölkerung (Radon in Häusern) ein Risiko darstellen. „Daher sollte die Exposition gegenüber Dieselabgasen auf allen Ebenen verringert werden“, so Straif.

Umweltzonen reduzieren Todesfälle

Eine geeignete Maßnahme zum Schutz der Bevölkerung stellen etwa Umweltzonen dar, in denen nur Fahrzeuge mit niedrigen Emissionen fahren dürfen, erklärt beispielsweise der international bekannte Epidemiologe Prof. DDr. Heinz-Erich Wichman vom Helmholtz-Zentrum in München. „Pro Jahr werden zum Beispiel durch die Umweltzone in Berlin und die durch sie reduzierten Dieselrußimmissionen rund 144 vorzeitige Todesfälle vermieden“, so Wichmann.

Entzündete Atemwege

Generell haben Dieselabgase neben der Kanzerogenität noch weitere negative Auswirkungen auf den menschlichen Organismus, wie man unter anderem aus Untersuchungen an Freiwilligen weiß. So führen die Emissionen etwa zu Entzündungserscheinungen in den Atemwegen. „Allergiker und Asthmatiker reagieren besonders empfindlich auf Dieselabgas-Expositionen“, betont die European Respiratory Society (ERS) in ihrer Broschüre „Luftverschmutzung und Gesundheit“ (siehe Fußhinweis). Weiters zeigten sich an jungen gesunden Versuchspersonen additive Effekte von Dieselemissionen und Ozon auf die Entzündung in den Atemwegen.

Ein Einfluss von Dieselabgasen auf Blutdruck, Herzfrequenz und Herzfrequenzvariabilität wurde in der Regel nicht gefunden, jedoch Anzeichen für eine Verschlechterung der Gefäßfunktion und eine Inhibierung der Fibrinolyse.

Bei Patienten mit stabiler koronarer Herzkrankheit zeigten sich während der Fahrrad-Ergometrie stärkere ST-Senkungen, wenn die Probanden gegenüber Dieselabgasen exponiert waren. Allerdings sind es nicht nur die Dieselabgase, die das Wohnen an viel befahrenen Straßen gefährlich machen. Hinzu kommen noch weitere Schadstoffe aus dem Kraftvahrzeugverkehr, wie etwa Stickstoffdioxid und der Abrieb von Bremsen, Reifen, Kupplung und Straßenbelag.

Erhöhte Morbidität und Mortalität nahe verkehrsreicher Straßen

„Epidemiologische Studien weisen eindeutig darauf hin, dass das Leben an stark befahrenen Straßen wegen der Schadstoffbelastung ein Risiko für die Gesundheit birgt“, so die European Respiratory Society. Das Risiko für die Gesamtmortalität, die kardiovaskuläre Morbidität und Mortalität, Asthma, für respiratorische Probleme bei Erwachsenen und eine schlechtere Lungenfunktion seien erhöht. „Diese Erkenntnisse stellen die Politik vor neue Herausforderungen, etwa im Bereich der Stadtplanung“, betont die Gesellschaft.

Aphekom-Projekt

Die durch das Wohnen an stark und viel befahrenen Straßen verursachten Risiken wurden auch im Rahmen des europäischen Aphekom-Projekts behandelt. „Das Projekt hat ergeben, dass beispielsweise in Wien fast 20 Prozent der kindlichen Asthmafälle, fast 25 Prozent der chronischen Bronchitis älterer Personen und mehr als 30 Prozent der Fälle von koronarer Herzerkrankung vom Verkehr mitverursacht werden“, erzählt Doz. Dr. Hanns Moshammer vom Institut für Umwelthygiene der Medizinischen Universität Wien.

Letztlich war aber die wissenschaftliche Evidenz wieder einmal chancenlos gegenüber Partikularinteressen und Egoismus, als in Graz über die Einführung einer Umweltzone abgestimmt wurde. Rund 69 Prozent der an der Umfrage teilnehmenden 70.600 Grazerinnen und Grazer sprachen sich gegen eine Umweltzone aus.

Weitere Informationen unter:

http://www.iarc.fr

UMID-Informationsdienst: Schwerpunkt Umweltzonen. http://www.umweltbundesamt.de/umid/archiv/umid0411.pdf

 

 

P. Wallner, Ärzte Woche 34/2012

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