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Allgemeinmedizin 6. Juli 2012

WONCA-Europe-Konferenz 2012

The Art and Science of General Practice

Von 4. bis 7. Juli 2012 treffen sich rund 2.800 praktizierende Allgemein- und Familienmediziner aus zahlreichen Ländern, viele von ihnen als Hausärzte in Forschung und Lehre sowie Weiterbildung eingebunden, im Austria Center Vienna in Wien zusammen.

Die Österreichische Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (ÖGAM) versammelt anlässlich der 18.WONCA-Europe-Konferenz 2012 internationale Allgemein- und Familienmediziner in Wien. Als Generalthema des Kongresses wurde "The Art and Science of General Practice" gewählt.

Die Ergebnisse aus der Forschung und solide wissenschaftliche Evidenz sind die Grundlagen allgemeinmedizinischer Tätigkeit. Wissen über Erkrankungen und deren zeitgemäße Behandlung reichen alleine allerdings nicht aus, um als Allgemeinmediziner Patienten individuell und erfolgreich zu behandeln und unter oft schwierigen Bedingungen effizient vorzugehen.

Kreativität und Mut zu patientenspezifischen Entscheidungen, Erkennen und Respektieren der Stärken und Schwächen der Patienten und Geduld im Umgang mit Menschen sind die "Kunst der Allgemein- und Familienmedizin". Entsprechend dem Titel wurde auch das Kongress-Sujet ausgesucht: Das anatomische Wachsmodell aus dem 18. Jahrhundert ist im Wiener Josephinum ausgestellt, in dem 1786 die erste Medizinuniversität Österreichs gegründet wurde. Das Modell folgt dem Kongressziel "von der Wissenschaft für die Praxis". Es ist eine Kombination aus wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Anatomie des Menschen, das kunstvoll umgesetzt für Medizinstudenten als Anschauungsobjekt für den Lehrunterricht verwendet wurde.

Kunst der Allgemeinmedizin

Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern wird der Allgemeinmedizin die wissenschaftliche Bedeutung aus einer lang zurückreichenden, universitären Tradition abgesprochen. Auch wenn sie eine eigenständige Disziplin ist, ist ihr Stellenwert geringer als anderer Disziplinen. Kongresspräsident MR Dr. Gustav Kamenski stellte dar: "Die WONCA-Europe-Konferenz bietet die Möglichkeit über die Grenzen der österreichischen Allgemeinmedizin hinauszublicken. So können wir einen Vergleich mit den internationalen Forschungsaktivitäten und allgemeinmedizinischen Standards anstellen. Dadurch erhalten wir Impulse für die eigene berufliche Tätigkeit und Anregungen für die kritische Bewertung unseres Faches im internationalen Vergleich. Auch in der Ausbildung wird die Allgemeinmedizin noch immer als die reduzierte Summe anderer Fächer gesehen. Der Kongress in Wien schafft hier Abhilfe, erbringt den Leistungsbeweis und verdeutlicht den hohen Stellenwert der Allgemeinmedizin in den weltweiten Gesundheitssystemen." Durch den Kongress erhofft sich die ÖGAM auch einen Impuls zur universitären Etablierung des Faches, die in Österreich nur zögernd voranschreitet.

Generalisten

Dr. Reinhold Glehr, Präsident der ÖGAM, erläuterte, dass das österreichische Gesundheitswesen derzeit von Mustern der Akutmedizin und der fachspezialistischen Versorgung geprägt sei. "Das Krankheitsspektrum verändert sich auch durch demografische Gegebenheiten. Die Menschen werden älter, viele Erkrankungen können im Vergleich zu früher geheilt oder sogar verhindert werden. Daher muss sich das Gesundheitswesen diesen Entwicklungen anpassen. Weg von der Spitalslastigkeit, hin zur Verlagerung von Leistungen in den extramuralen Bereich. Damit würden allerdings auch verstärkte Bemühungen um die niedergelassene Medizin insbesondere die Allgemeinmedizin erfordern, die derzeit nicht erkennbar sind." Zwar werde die Stärkung der Hausarztmedizin auf politischer Ebene immer wieder erwähnt, findet dann aber weder in erarbeiteten Versorgungsmodellen noch in Pilotversuchen ihren Niederschlag. Obwohl fachspezialistische Interventionen auch in Zukunft große Bedeutung haben werden, wird der hausärztliche Bereich bei immer mehr Problemen von Patienten wichtiger. "Durch den vermehrten Wissenszuwachs in der Medizin, braucht es Generalisten, die den Patienten auf ganzheitlicher, integrativer Ebene betrachten und kontinuierliche Ansprechpartner sind. Die Arzt-Patienten-Beziehung wird zunehmend wichtiger, medizinische Entscheidungsfindungen brauchen Aufklärung, Abwägung und Informationsaustausch zwischen Arzt und Patient.Insbesondere bei chronischen Krankheiten ist die konstante Begleitung und Behandlung durch den Allgemeinmediziner wichtig", so Dr. Glehr.

Neue Energie

Tony Mathie, Präsident der Europäischen Vereinigung der Allgemein- und Familienmediziner (WONCA Europe) sieht das aus seiner internationalen Erfahrung ähnlich: "Die derzeit laufenden Sparprogramme in mehreren europäischen Staaten verstärken den Druck auf die Allgemeinmediziner. Einerseits werden Mittel gekürzt, andererseits drohen uns die hart erkämpften Vorteile in der Ausbildung für unsere Disziplin verloren zu gehen. Diese Konferenz in Wien soll uns allen neue Energie und die Möglichkeit zum intensiven Wissenstransfer geben, um künftigen Herausforderungen zu begegnen. Nicht zuletzt sind gefestigte, internationale Verbindungen der Allgemein- und Familienmediziner essentiell für eine starke Stellung unserer Disziplin in allen Ländern."

Kooperation mit dem British Medical Journal

Das wissenschaftliche Programm des Kongresses wurde unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Manfred Maier erarbeitet: "Uns ist ein überaus spannendes und hochwertiges wissenschaftliches Kongressprogramm gelungen. Mehr als 1.000 eingereichte Abstracts wurden gesichtet, bewertet und in 269 Präsentationen, 71 Workshops, 607 Poster, zwölf Symposien und eine Open-Space-Session eingeteilt. Drei Abstracts wurden gemeinsam mit dem renommierten British Medical Journal für die Keynote-Lectures im Themenbereich Science ausgewählt."

Henrike J. Schouten (Niederlande) forschte zur Verwendung von altersabhängigen D-Dimer Cut-Off Werten zur Einschätzung des Risikos einer tiefen Beinvenenthrombose. Lucy Yardley (Großbritannien) untersuchte den Einsatz von Patienten-Informationsbroschüren und begleitender telefonischer therapeutischer Unterstützung hinsichtlich ihrer klinischen und Kosten-Effizienz bei Patienten mit chronischem Schwindel. Glyn Lewis (Großbritannien) untersuchte die Auswirkung von physischer Aktivität als Ergänzung in der Therapie von Depression.

Um den Kontext "Art and Science of General Practice" noch detaillierter zu beleuchten, setzen sich die Keynote-Lectures und das Programm aus jeweils hochkarätigen, internationalen Sprechern zu beiden Themenbereichen zusammen. Mit besonderer Spannung werden die Festvorträge anlässlich der Eröffnung erwartet: Der Schriftsteller und Autor Peter Turrini sowie die bekannte Künstlerin und Universitätsprofessorin für philosophische und historische Anthropologie der Kunst an der Universität Wien, Elisabeth von Samsonow, referieren zum Hauptthema des Kongresses.

Zusätzlich zum umfangreichen englischsprachigen Programm wird das Kongress-Angebot durch einen eigenen deutschsprachigen Track erweitert. Dieser widmet sich besonders sportmedizinischen Themen wie der Trainingstherapie bei Diabetes und Übergewicht, der nicht medikamentösen Hypertonietherapie, dem Training im Kindes- und Jugendalter, der sportmedizinischen Untersuchung von Kindern und Jugendlichen, aber auch den Themen Leitlinien und Palliativmedizin, der Demenz und des Schmerzes, der psychologischen Begleitung onkologischer Patienten, neuen Konzepten der Blutdrucküberwachung undder Therapie von spondylogen Schmerzen widmet.

Über WONCA

WONCA (World family doctors caring for people)ist die Weltorganisation der Allgemein- und Familienmediziner. Die Organisation umfasst die nationalen Dachorganisationen der Allgemein- und Familienmediziner sowie die akademischen Instanzen in Lehre und Forschung. WONCA Europe ist eine der sechs Regionen von WONCA. Ihr gehören alle europäischen Länder an. Die politisch neutrale Mission der WONCA ist es, durch Förderung hoher Standards in der Allgemein- und Familienmedizin eine Verbesserung der primärärztlichen Versorgungsqualität zu schaffen. Ein weiteres Ziel ist die Entwicklung von akademischen Organisationen für Allgemein- und Familienmedizin, der Austausch unter den Mitgliederorganisationen sowie die Repräsentation der allgemein- und familienmedizinischen Aktivitäten in Lehre, Forschung und beruflichem Alltag. In Österreich wird WONCA durch die Österreichische Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (ÖGAM) repräsentiert,die bereits im Jahr 2000 erstmals einen WONCA- Kongress in Wien veranstaltet hat.

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