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Allgemeinmedizin 5. Juli 2012

Europäischer Hausärztekongress: Vom Stellenwert der Allgemeinmedizin

Die Gesundheitspolitik will Kosten sparen und die Effizienz des Gesundheitswesens heben. Doch für die vergleichsweise "günstige" und Patienten-nahe Allgemeinmedizin bleibt, außer in den Paradeländern wie Großbritannien, die Niederlande und die skandinavischen Staaten, oft nur ein "Anhängsel-Status" der Spezialistenmedizin übrig. Österreich schneidet hier ebenfalls eher schlecht ab, hieß es am Mittwoch bei der Pressekonferenz aus Anlass des europäischen Hausärztekongresses (WONCA Europe 2012, 4. bis 7. Juli) in Wien.

Vorbild Großbritannien

"Allgemeinmediziner sind eine eigene Art von Ärzten", sagte WONCA Europe-Präsident Tony Mathie. Die Hausärzte seien über ihre Voruntersuchungen vor Überweisungen zum Facharzt oder ins Spital und über ihre Koordinationstätigkeit auch kosteneffizienter und wirksamer als die jeweilige Summe der Spezialisten. Mathie: "Wir bilden pro Jahr in Großbritannien 3.500 Allgemeinmediziner aus. 75 Prozent davon sind Frauen, die nicht unbedingt ihr ganzes Leben lang in Vollzeitpraxis stehen werden. In Großbritannien sind Allgemeinmediziner (im National Health Service, Anm.) genauso gut bezahlt wie Fachärzte. Sie verdienen pro Jahr rund 100.000 Pfund (124.572 Euro, Anm.)." In Großbritannien ist die Situation der Allgemeinmediziner offenbar so gut, dass sich Fachärzte zu einer speziellen Zusatzausbildung entschließen, um sich "umtrainieren" zu lassen und als GPs (Hausärzte) tätig werden zu können.

Hausärztemangel droht

In Deutschland und in Österreich ist die Situation offenbar anders. Reinhold Glehr, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (ÖGAM): "In Deutschland fehlen schon viele Allgemeinmediziner. (...) Bei uns beginnt das jetzt, in drei bis vier Jahren wird der Mangel eklatant werden." Schon jetzt gäbe es Probleme bei der Nachbesetzung von Hausarztposten in Vorarlberg, in Salzburg, teilweise auch in der Steiermark. In Vorarlberg käme das Faktum hinzu, dass Allgemeinmediziner in der Schweiz und in Deutschland deutlich höher bezahlt würden.

Lehrpraxis

Auch die Praxisausbildung der Allgemeinmediziner ist in Österreich seit Jahren ein Streitthema. Glehr. "Wir streiten darum, wie man die Lehrpraxen finanziert. In Irland bekommen die Lehrpraxis-Inhaber pro Jahr 14.000 Euro nur dafür bezahlt, dass sie ausbilden."

In Österreich hat im Jahr 2010 eine Untersuchung von Florian Stigler, damals Generalsekretär der Initiative "Junge Allgemeinmedizin" ergeben, dass Österreich im Vergleich unter 14 Staaten bezüglich des Stellenwerts von "Primary Care", also der Versorgung bei niedergelassenen Ärzten (speziell bei Allgemeinmedizinern), nur an zehnter Stelle zu listen ist. Von 30 erzielbaren Punkten erreichte die Alpenrepublik in der Bewertung nur sieben. Es handelte sich bei der Untersuchung um eine Master-Arbeit für die MedUni Manchester (Public Health).

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